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07. März 2012, 15:33 Uhr

Getöteter Grenzsoldat

Armenien boykottiert Eurovision Song Contest

Glanz, Glitter und Popmusik: Der Eurovision Song Contest ist eigentlich eine reine Unterhaltungsshow. Jetzt gerät er langsam zum Politikum - nach dem Tod eines Soldaten wird Armenien nicht mehr an dem Wettbewerb teilnehmen.

Eriwan - Zweieinhalb Monate vor dem Eurovision Song Contest (ESC) in Baku hat die Kaukasusrepublik Armenien ihre Teilnahme am Wettbewerb im verfeindeten Nachbarland Aserbaidschan abgesagt. Das Staatsfernsehen werde keine Teilnehmer zum ESC im Mai entsenden, teilte der Rundfunk in der Hauptstadt Eriwan mit.

Als Begründung für den Boykott nannte das Staatsfernsehen in einem Statement Äußerungen des aserbaidschanischen Präsidenten, wonach dieser Armenier in aller Welt als Hauptfeinde Aserbaidschans bezeichnet habe - obwohl die dortigen Behörden versprochen hätten, die Sicherheit aller Teilnehmerländer zu garantieren.

"Wir sind sehr enttäuscht über die Entscheidung des Senders", schrieb der Vorstand der EBU, der Europäischen Rundfunkunion, die den Wettbewerb ausrichtet, auf der offiziellen Website des ESC. Ganz überraschend kam die Absage allerdings nicht. Bereits vor kurzem hatten sich mehr als 20 armenische Künstler in einem offenen Brief für einen Boykott des Wettbewerbs ausgesprochen. Grund ist der Tod eines Grenzsoldaten, der von einem aserbaidschanischen Scharfschützen getötet worden sein soll.

"Wir wollen nicht in einem Land auftreten, in dem Hass auf Armenier Teil der Regierungspolitik ist", heißt es in der Erklärung der Künstler. Nach einem Krieg um die von Aserbaidschan abtrünnige Region Berg-Karabach herrscht zwischen den beiden Kaukasus-Staaten nur ein brüchiger Waffenstillstand. Mehrere internationale Vermittlungsversuche scheiterten bisher. Laut der Nachrichtenagentur dpa sollen vergangenen Samstag an einer Waffenstillstandslinie auch zwei aserbaidschanische Soldaten erschossen worden sein.

Für Deutschland geht der 21-jährige Roman Lob ins Rennen beim ESC. Er wurde per Zuschauervoting in der Show "Unser Star für Baku" ermittelt. In anderen Ländern lief die Kandidatenwahl weniger glatt: In Weißrussland führte nach Meinung der Experten-Jury eigentlich die Rockband Litesound, nach einer SMS-Abstimmung der Fernsehzuschauer lag allerdings plötzlich die staatstreue Sängerin Aljona Lanskaja in Führung. Nach Protesten in weißrussischen Internetforen schaltete sich sogar Staatschef Alexander Lukaschenko ein und sprach von einer unglücklichen "Pattsituation" - nun soll doch Litesound zum ESC fahren.

Die Austragung in Baku ist wegen des Ausrichtungslandes Aserbaidschan schon länger umstritten. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Reporter ohne Grenzen hatten das Land wiederholt kritisiert. Sie hatten Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit durch die autoritäre aserbaidschanische Führung angeprangert.

avk/dpa

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