Carolin Wiedemann

#MeToo im Deutschrap Gewaltig erfolgreich

Carolin Wiedemann
Ein Gastbeitrag von Carolin Wiedemann
Der Hashtag #deutschrapmetoo trendet auf Social Media. Die Vorwürfe gegen Samra haben dazu geführt, dass sexualisierte Gewalt in der Rap-Szene endlich skandalisiert wird. Doch das Problem reicht viel weiter.
Berliner Rapper Samra

Berliner Rapper Samra

Foto: Jan Huebner/Lakomski / imago images

Die Frauenverachtung im Rap äußert sich brutal, in den Texten und genauso im Handeln der Künstler, wie die Erfahrungsberichte Betroffener belegen. Aber die Abwertung und Verdinglichung von Frauen ist längst nicht auf den Hip-Hop beschränkt. Hier wird nur besonders offensichtlich, was gesamtgesellschaftlich Normalität ist: sexistische und sexualisierte Gewalt. Und wie im Hip-Hop gilt für die Täter auch andernorts: Es tut ihrem Erfolg keinen Abbruch.

Im Gegenteil: Amy Zimmermann dokumentierte in ihrem Text »How Hip-Hop Rewards Rappers for Abusing Women« , dass diejenigen besonders erfolgreich sind, die auch für gewaltvolles Verhalten Frauen gegenüber bekannt sind. Die Filmbranche funktioniert ähnlich, das zeigt nicht nur der Fall Weinstein. Weinstein wurde zu Fall gebracht, doch das System ist nach wie vor weitgehend intakt.

Fast jede dritte Frau in Deutschland wird am Arbeitsplatz belästigt , jede vierte erlebt mindestens einmal in einer heterosexuellen Paarbeziehung sexualisierte Gewalt durch den Partner. In der Studie »Boys and Sex« erzählen alle jungen Männer, die dafür in den USA in den letzten Jahren interviewt wurden, dass sie mindestens einen Typen kennen, der Mädchen und Frauen gegenüber bereits sexualisiert übergriffig war. In England sammeln Schüler*innen auf der Website »Everyone's invited« anonym Erfahrungsberichte , in denen etwa junge Mädchen erzählen, wie sie von Typen auf Partys abgefüllt wurden, einschliefen und dann missbraucht wurden.

Im Rap, im Film, an Schulen, an Universitäten lässt sich die patriarchale »Vergewaltigungskultur« nachweisen.

Im Rap, im Film, an Schulen, an Universitäten lässt sich die patriarchale »Vergewaltigungskultur« nachweisen, jene Kultur, in der sich Frauen »in einem Kontinuum angedrohter Gewalt« bewegen, »die von sexuellen Bemerkungen über Begrapschen bis hin zur Vergewaltigung reicht«, wie die Autorin Emilie Buchwald schon 1993 schrieb.

Diese Kultur ist selbst unter Uni-Angestellten etabliert: Auf der Seite »Gender Macht Wissenschaft«  tragen seit Beginn dieses Jahres Betroffene von Sexismus und sexualisierter Gewalt im Rahmen des Wissenschaftsbetriebs ihre Erfahrungen zusammen. Anonym. Die Sorge ist zu groß, dass eher ihnen als den Tätern — oft männliche Professoren, von denen sie abhängen — Konsequenzen drohen.

Diese Vergewaltigungskultur ermöglicht, dass Mannsein weiterhin Macht bedeutet, Macht durch das Kontinuum angedrohter Gewalt. Davon profitieren Männer. Davon, dass Frauen verfügbar gemacht werden, dass sie verunsichert, immer wieder unterworfen werden.

Noch immer herrscht in unserer Gesellschaft eine patriarchal binäre Geschlechterordnung, welche die Menschen weiter in zwei vermeintlich wesenhaft unterschiedliche Gruppen einteilt. Eine Ordnung, die Frauen weiterhin Eigenschaften zuschreibt, die sie abwerten, die sie leichter ausbeutbar machen. Und Männer zu jenem Gegenpart erzieht, der die Vergewaltigungskultur aufrechterhält: Von klein auf wird ihnen nahegelegt, stark, beherrscht und unabhängig zu sein, all das in sich zu unterdrücken, was vermeintlich das andere Geschlecht ausmacht. In der Erziehung zum Mann heißt es immer noch, wenn auch oft nicht explizit: Bring das Opfer, es wird sich lohnen – dann bekommst du, was dir zusteht, Geld, Macht, Frauen.

Männer sind in der Verantwortung, mit der Vergewaltigungskultur und mit der Erziehung dazu zu brechen.

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