Behauptungen über weibliche DJs Sexismusvorwurf gegen Techno-Label

Giegling aus Weimar sorgte bisher als Techno-Label für Furore. Nun tobt die Szene aber, weil ein Mitgründer gegen weibliche DJs gekeilt hat. Bloß "schlechter Humor"? Ein Auftritt wurde schon abgesagt.

"Giegling  ist das Undergroundmärchen par excellence: Ohne sich szeneüblichen Vermarktungsstrategien zu unterwerfen, hat es das Kollektiv aus Weimar ganz nach oben geschafft", schreibt die Journalistin Laura Aha als Einleitung ihres Artikels über das Label Giegling in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Groove" . Darin ist von einem "Weimarer Spirit" die Rede, der herrschte, als sich die Künstler diverser Sparten zusammentaten und alle von "dieser Bauhaus-Denke mit interdisziplinären Gedanken" beseelt gewesen seien.

Ein ganz anderer Geist durchzieht den Artikel allerdings später, als die Autorin mit dem Label-Gründungsmitglied Konstantin diskutiert: Der DJ und Produzent spricht dort nämlich über "Feminismus im Allgemeinen und explizit über Frauen in der elektronischen Musikszene". So werden Konstantins Ansichten in dem auf elektronische Musik spezialisierten Magazin wiedergegeben:

"Er empfände es als ungerecht, dass weibliche DJs zurzeit so sehr gefördert würden, obwohl sie seiner Meinung nach meist schlechter auflegten als Männer. Seiner Logik zufolge sei es demnach für Frauen wesentlich einfacher, als DJ erfolgreich zu werden, da die wenigen Frauen, die sich für das Auflegen interessierten, unverhältnismäßig gepusht würden".

Und weiter: "Frauen, die eine Karriere in dem von Männern dominierten DJ-Business anstrebten, würden ihre 'weiblichen Qualitäten' verlieren und zusehends 'vermännlichen'."

Auf Nachfrage von Laura Aha äußern sich zwei weitere Mitglieder von Giegling, Dustin und Frauke, zu der Bemerkung. Dies sei "im Kollektiv eine explizite, wenn auch nicht unbekannte, Einzelmeinung, die nichts mit den Ansichten der restlichen Labelmitglieder zu tun" habe.

Anlass für "selbstkritischen Diskurs"

Problematisch für das Label, das 2016 vom renommierten Onlinemagazin "Resident Advisor" zum Label des Jahres gewählt  wurde und für dessen in Kleinstauflage veröffentlichte Vinyl-only-Werke von Künstlern wie Prince of Denmark Sammler horrende Preise zahlen. Nachdem das britische Magazin "Mixmag" online  über die sexistischen Kommentare des Giegling Mitgründers berichtet hatte, machten viele Künstler, Fans und andere User ihrem Unmut Luft.

Die New Yorker DJ Stareyes konstatierte:

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JD Twitch vom schottischen DJ-Duo Optimo zeigte eher handwerklichen Protest:

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Auf Anfrage des SPIEGEL hat sich Labelmacher Konstantin in einem Statement geäußert: "Für den Eindruck, der mit dem "Groove"-Artikel entstanden ist, möchte ich mich aufrichtig entschuldigen." Er bereue, was er "in dem privaten Gespräch mit der Autorin des Artikels" gesagt habe, sie habe "mich und meinen schlechten Humor missverstanden". So sei das wiedergegebene Gespräch über Frauen in der Techno-Szene "irreführend" und entspreche nicht seiner Meinung: "Natürlich sind Frauen keine schlechteren DJs als Männer - ich selbst habe von meiner guten Freundin Sarah das Auflegen gelernt und habe die ersten Jahre immer mit ihr gemeinsam aufgelegt."

Die "angebliche Aussage zur Vermännlichung" sei von der Autorin falsch wiedergegeben, so Konstantin. "Ich möchte betonen, dass das dargestellte Meinungsbild geradezu das Gegenteil dessen suggeriert, wofür wir Mitglieder von Giegling stehen". Man involviere weibliche DJ-Talente und verschaffe ihnen immer wieder Auftrittsmöglichkeiten. "Wir von Giegling werden diesen Artikel aber zum Anlass nehmen, intern einen selbstkritischen Diskurs zu führen", schließt das Statement.

Mittlerweile hat sich auch die Groove-Autorin Laura Aha gegenüber SPIEGEL zu der Sache geäußert. Sie erklärt, dass das Gespräch mit Konstantin im Rahmen einer vereinbarten Reportagereise stattfand, auf der sie das Kollektiv für die "Groove" begleitet habe. Aha betont: "Ich habe mit Konstantin noch nie ein privates Gespräch geführt, sondern mich bislang ausschließlich professionell als Journalistin mit ihm getroffen." Des weiteren habe sie seine Aussagen im betreffenden Gespräch nach bestem Wissen und Gewissen wiedergegeben und "sie entsprechen den Standpunkten, die er mir gegenüber geäußert hat."

Anklänge an einen anderen Fall, der die elektronische Musikszene erschütterte, sind offenkundig: Der litauische Produzent Ten Walls erfuhr nach homophoben Aussagen einen Karriereknick. Erste Konsequenzen hat der "Humor" von Labelgründer und DJ Konstantin nun auch für Giegling: Das Londoner Sunfall Festival  hat das Kollektiv wieder ausgeladen:

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bsc
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