Gil Scott-Heron in Hamburg Kokain, Knast, Konzert

Neue Zähne, alter Biss - nach mehr als zehn Jahren und etlichen Gefängnisaufenthalten kam der Souljazz-Poet und Rap-Übervater Gil Scott-Heron wieder auf Deutschland-Tournee. Ein Abend, an dem noch die launigste Bemerkung zu großer Poesie wurde.

Souljazzer Scott-Heron: "Gerade noch da, jetzt schon weg, puff!"
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Souljazzer Scott-Heron: "Gerade noch da, jetzt schon weg, puff!"

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Hamburg - Irgendwann schlurft er auf die Bühne der rappelvollen Hamburger Fabrik. Aber bevor er sich an sein Piano setzt, will er noch ein paar Sachen klarstellen. So ist das ja schon immer gewesen bei Gil Scott-Heron: Erst wird geredet, dann gesungen, manchmal macht er auch beides zusammen. Das gesprochene Wort, nie klang es mehr nach Musik als bei dem Souljazzer Scott-Heron, der neben vielen anderen Titeln ja auch den des "Black Bob Dylan" und den des "Godfather of Rap" trägt. Jedes launige Statement wird bei ihm virtuosen Spoken-Poetry-Nummer.

Am Freitagabend nun lässt Scott-Heron, die Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen, erst einmal einen gut fünfminütigen Rap zu den Journalisten ab, die vor kurzem allesamt geschrieben haben, er sei für eineinhalb Jahrzehnte verschwunden gewesen. "Verschwunden? Ich möchte gerne mal wissen, wie das gehen soll", ruft Scott-Heron und lacht ein Lachen, das scheppert und rattert wie eine New Yorker U-Bahn. "Gerade noch da, jetzt schon weg, puff! Wäre doch super, wenn man das in dem Moment machen könnte, in dem der Typ auftaucht, dem man Geld schuldet."

Oder, so könnte man hinzufügen, in dem Moment, in dem einen die Polizei mal wieder wegen Drogenbesitzes hops nimmt. Aber so ein rettendes Puff gab es für Gil Scott-Heron eben leider nie; regelmäßig wurde er mit Koks erwischt, er nahm das Zeug auch nicht gerade in aller Heimlichkeit ein. Ließ man ihn auf Bewährung auf freiem Fuß, konnte er keine Konzerte außerhalb New Yorks spielen, dann holte er sich gleich noch mal Koks und wurde nach der nächsten Razzia ganz sicher auf die Gefängnisinsel Ryker's Island verfrachtet.

Er hält den Anschluss an die modernsten Formen schwarzer Musik

Immer wieder saß er in den vergangenen Jahren ein. Ganz untätig aber war er nicht. Mit dem britischen Dancefloor-Impresario und XL-Labelbesitzer Richard Russell hat er im zähen, aber stetigen Austausch aus dem Strafvollzug heraus das Album "I'm New Here" eingespielt, sein erstes seit 15 Jahren. Harte elektronische Beats treffen dort auf seinen klassischen Sprechgesang: Mit fatalistischem Bariton beschreibt er die eigene Biografie. Keine halbe Stunde ist das Werk lang - und doch verortet sich der 61-Jährige darauf neu: Er hält den Anschluss an die modernsten Formen schwarzer Musik und bringt sich selbst als deren wichtigste authentische Stimme in Stellung. Er ist jetzt mehr denn je eine Instanz, auch für die nachgewachsene Generation.

Ein Status mit angenehmen Begleiterscheinungen: Bei seinem letzten Konzert in der Hamburger Fabrik vor gut zehn Jahren waren nicht mal halb so viele Zuschauer da; auch fehlte Scott-Heron noch die halbe obere Zahnleiste. Damals sah er aus wie 70, heute geht er als 50 durch.

Neue Zähne, alter Biss: Im Konzert wettert er erst einmal gegen all seine Apologeten im HipHop, die sich in Form von Samples seiner Musik bedienen. Besonders dieser Kanye West (zurzeit Amerikas erfolgreichster schwarzer Popstar) gehe ihm dabei auf die Nerven. Nun gut - wieder lässt Scott-Heron einen dieser scheppernden U-Bahn-Lacher ab - jetzt habe er sich revanchiert und einfach einen von dessen Tracks gesampelt.

Kein Bekehrter, kein Bekehrer

Trotzdem versucht er nicht verkrampft Anschluss an die Popmoderne zu finden. Ist das neue Album auch urbanistisch und minimalistisch, so feiert er auf der Tour dazu die Entgrenzungsstrategien des klassischen Souljazz. Als Tourband hat er sich drei virtuose alte Halunken aus seiner Vergangenheit mitgebracht, von denen jeder gerne auf Congas (Tony Duncanson), Mundharmonika (Glen "Astro" Turner ) oder Querflöte (Ibrahim Shakur) Soli spielt, die so lang sind, dass der Chef genug Zeit hätte, um sich hinter der Bühne eine Line zu legen, wenn er darauf Lust hätte. Im Gegensatz zu vielen anderen aus der Drogenhölle zurückgekehrten Musiker mimt Gil Scott-Heron ja nicht den Bekehrten.

Und auch nicht den Bekehrer. Die politischen Statements halten sich im Gegensatz zu früheren Konzerten in Grenzen. Klar, es gibt die Anti-AKW-Ballade "We Almost Lost Detroit" und den Pazifisten-Boogie "Work for Peace" zu hören, nicht aber die ganz großen sozialpolitischen Statements wie "The Revolution Will Not Be Televised". Zu diesen Bekenntnissen muss Gil Scott-Heron inzwischen eher gezwungen werden.

So wie übrigens im vergangenen Monat beim Start seiner Europatour in London, wo palästinensische Demonstranten ihn lautstark dazu aufforderten, seinen geplanten Auftritt in Tel Aviv wegen der israelischen Siedlungspolitik abzusagen - was der Künstler dann auch nach kurzer Bedenkzeit tatsächlich tat.

"Celebrate, Celebrate, Celebrate"

In Hamburg aber geht es nun weniger um globale politische Belange als binnensoziale Angelegenheiten. Immer wieder thematisiert der Musiker die eigene Biografie und die eigenen Süchte. Das passt zu der intimen Perspektive, die er auf seinem neuen Album angeschlagen hat - auch wenn er fast keines der darauf enthaltenen Stücke spielt. Stattdessen gibt es den unvermeidlichen Trinker-Song "The Bottle", allerdings nicht so richtig befriedigend kombiniert mit dem Party-Funk-Rausschmeißer "Celebrate, Celebrate, Celebrate".

Zu großer Form läuft Scott-Heron indes bei "Home Is Where The Hatred Is" auf. Da klingt er glatt so leichtfüßig und wortgewaltig wie in den frühen Siebzigern, als er im Rückgriff auf Soul, Boogie und Bop seinen eigenen Vortragsstil entwickelte. Diesen grandiosen Groove retten er und sein Trio schließlich auch ins herzzerreißend vorgetragene "I'll Take Care Of You", einer alten Nummer von Brook Benton, die er auch schon auf dem neuen Album gecovert hat. Jetzt steht Gil Scott-Heron - sonst ja sympathisch unservil im Umgang mit seinen Fans - auf einmal am Bühnenrand, rückt die Schiebermütze aus den Augen und scheint jeden einzelnen Zuschauer zärtlich zu fixieren.

Wir wollen diesen Glücksmoment als Versprechen nehmen: Ja, Mr. Scott-Heron kümmern Sie sich gefälligst um uns - lassen Sie sich nicht wieder einbuchten!



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denkmalagiler 16.05.2010
1. ja?
Ein bewundernswerter Musiker, ohne Zweifel. Das alte Thema: Warum werde ich verfolg, nur weil ich ein paar lächerliche Kräuter rauche?? Die "Drogenpolitik" die auf der Erde praktiziert wird ist doch teilweise echt lächerlich und scheinheilig. Wenn jemand koksen will, ja und? Es gibt mindestens 100.000.000 Hanfblüten-Raucher auf der Erde, das ist schon immer so und kein Gesetz wird das ändern. Wir bleiben dabei jeden Verkäufer seelisch zu töten und feiern diejenigen Künstler die unserem eintönigen Leben Lichtblicke verschaffen durch ihr beneidenswert freies Dasein.
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