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Zum Tode Ginger Bakers: Bilder aus einem ruhelosen Leben

Foto: David Redfern/ Getty Images

Zum Tode Ginger Bakers Der große Griesgram

Im Leben oft unausstehlich, als Musiker ein rastloses Genie: Ginger Baker wurde als Taktgeber der Rock-Supergroup Cream verehrt, doch sein Herz schlug für den Jazz und Afrikas Rhythmen. Ein Nachruf.
Von Robert Rotifer

Er war gefürchtet als der große Griesgram unter den britischen Rockstars, verehrt als der technisch versierteste Rock-Drummer der ersten Generation. Ginger Baker selbst dagegen sah es als das größte Verdienst seines Lebens, von jenen vier Meistern seines Fachs, die er wirklich respektierte, als Freund und ebenbürtiger Kollege akzeptiert zu werden: Phil Seamen, Elvin Jones, Art Blakey und Max Roach - allesamt Jazz-Schlagzeuger. Und als solcher verstand sich auch Baker selbst - was auch immer der Rest der Welt behaupten mochte.

Der 1939 in eine Südlondoner Arbeiterfamilie hineingeborene Peter Edward Baker ("Ginger" ist ein gängiger britischer Spottname für Rothaarige) war ein gutes Stück älter als der Rest der psychedelischen Rockszene, in der er in den Sechzigerjahren zu Berühmtheit kam. Im Gegensatz zu den Baby-Boomern um ihn herum hatte er die Bombardements durch die deutsche Luftwaffe bewusst miterlebt. Sein Vater war nicht aus dem Krieg zurückgekehrt.

Als Teenager entdeckte der in kleinkriminelle Gangs involvierte Tunichtgut seine Liebe zum Jazz und bald darauf sein Naturtalent als Schlagzeuger. Phil Seamen, damals Londons gefragtester Jazz-Trommler, gab ihm Unterricht und eröffnete ihm dabei zwei seiner künftig größten Obsessionen: Die Rhythmen Afrikas und das alle Seelenschmerzen betäubende Heroin.

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Zum Tode Ginger Bakers: Bilder aus einem ruhelosen Leben

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Die mittleren Sixties waren eine schwere Zeit für den britischen Jazz. Im Windschatten der Beatles übernahmen Gitarrenbands die Club-Szene, und Englands bekannteste Big Bands verloren über Nacht ihren Lebensunterhalt. Unterdessen entdeckte das junge Mod-Publikum in den Londoner Clubs seinen Geschmack für rauen Rhythm & Blues. Der flexible Baker fand Beschäftigung bei Alexis Korners Blues Incorporated, dann neben Bassist Jack Bruce und Saxophonist Dick Heckstall-Smith bei der Graham Bond Organization, mit dessen Namensgeber, Organist und Sänger er die Leidenschaft für harte Opiate teilte. Die Band zerbrach bald unter Handgreiflichkeiten zwischen dem streitbaren Drummer und dem sturen Bassisten.

Ironischerweise fand Baker sich in seiner nächsten Band erneut mit Jack Bruce vereint, diesmal als Trio zusammen mit dem bei den Yardbirds und John Mayall zu Prominenz gelangten Gitarrenwunder Eric Clapton. Die Band gab sich den überheblichen Namen Cream (in Sinne einer Crème de la Crème der Musikszene). Baker, der nun mit zwei Basstrommeln spielte, legte mit seinen hochkomplexen Beats und Schlagzeug-Soli das Fundament für die instrumentalen Exzesse des Progressive Rock. Später sollte er zurecht beklagen, dass er für seine Grooves in Klassikern wie "Sunshine Of Your Love" oder "Tales Of Brave Ulysses" - im Gegensatz zu Bruce und Texter Pete Brown - keine Tantiemen erhielt.

Ausgedehnte Schlagzeug- Duelle

Nach zwei kurzen Jahren implodierten auch Cream unter den Spannungen zwischen Bruce und Baker, der daraufhin mit Clapton, dem Organisten und Sänger Steve Winwood, sowie Bassist Ric Grech die ebenfalls kurzlebige Supergroup Blind Faith gründete. Winwood und Grech folgten dem Schlagzeuger in sein egozentrisches Nachfolgeprojekt Ginger Baker's Air Force. Es war ein vielköpfiges Ensemble samt Bläsern und Sängerinnen, das als Vehikel für ausgedehnte Schlagzeug-Duelle mit altvorderen Jazzern wie Elvin Jones, Art Blakey und Bakers Lehrer Phil Seamen diente. Kritiker nannten das dabei entstehende Genre-Gemisch "Jazz-Rock" oder "Fusion". Baker wiederum, der sich über derlei Kategorien erhaben sah, machte sich als nächstes nach Afrika auf, um dort zu den Ursprüngen seiner Musik zu finden.

1971 siedelte er sich in der nigerianischen Stadt Lagos an, trat dort Africa 70, der Band des Afrobeat-Pioniers Fela Kuti bei und baute das erste moderne Mehrspur-Tonstudio des Kontinents auf. Gleichzeitig entdeckte er seine Liebe zu den Pferden und dem Polo-Spiel, die ihn später mehrmals an den Rand des Bankrotts bringen sollte.

Seine Odyssee führte ihn nach Italien und Kalifornien, wo er sich als Bösewicht im Schauspielerfach versuchte (in der TV-Serie "Nasty Boys") bis nach Südafrika. Von einem kurzen Gastspiel bei John Lydons Public Image Limited über die Baker Gurvitz Army und Masters of Reality, seine Arbeit mit Bill Frisell, Charlie Haden oder Bill Laswells Material bis hin zur Cream-Reunion im Jahr 2005 und einer wiederbelebten Air Force blieb Baker ein rastloser, wenngleich am Ende von Arthritis und Herzproblemen geplagter Virtuose.

Wer Jay Bulgers berüchtigte Doku "Beware of Mr. Baker" (2012) gesehen hat, weiß, was für ein katastrophaler Vater und Ehemann der vierfach verheiratete Drummer war, aber auch, wie wenig er von der öffentlichen Meinung hielt. Der Film beginnt und endet damit, wie ein wütender Baker dem Interviewer mit seinem Gehstock die Nase blutig schlägt.

Doch seine offenbare Unerträglichkeit als Mensch ändert nichts daran, dass er sich früher, intensiver und glaubhafter als irgendein anderer Musiker seines Umfelds mit den afrikanischen Wurzeln seiner Musik befasste. In einem Interview erinnerte Ginger Baker sich an "das größte Kompliment", das ihm Bebop-Legende Max Roach nach einem Konzert im New Yorker Club Iridium im Jahr 1997 gemacht habe: "Jesus, Ginger spielt wie ein Nigger."

Am Morgen des 6. Oktober 2019 ist Ginger Baker in …einem Krankenhaus gestorben. Er wurde …80 Jahre alt.