Disco-Legende Giorgio Moroder "Die Torte flog erster Klasse!"

Alles klar zum Abtanzen? Aber sicher, bei ihm immer. Giorgio Moroder prägte mit Donna Summer den Disco-Sound wie kein zweiter. Jetzt spricht der legendäre Produzent im Interview über den Tod der großen Sängerin, seine Arbeit mit Daft Punk - und den Wahnwitz der Popbranche.


SPIEGEL ONLINE: Herzliches Beileid, Herr Moroder - hat Sie der Tod Ihrer langjährigen Wegbegleiterin Donna Summer sehr mitgenommen?

Moroder: Ihr Tod kam für mich total überraschend und hat mich tief getroffen. Sie war nicht nur eine unglaubliche Künstlerin, sondern ein eindrucksvoller Mensch. Ich glaube in Deutschland existiert der Begriff "treue Seele". Sie hatte Charme und Sex-Appeal, der über ihre Stimme fühlbar war - eben "I Feel Love".

SPIEGEL ONLINE: Sie wussten nichts von ihrer Krebserkrankung?

Moroder: Die Einzigen, die davon wussten, waren ihr Mann, ihre drei Töchter und die Enkel. Als ich Donna das letzte Mal traf, im Januar, hätte ich vielleicht merken müssen, dass etwas nicht stimmt. Sie hatte über dreißig Kilo abgenommen. Aber sie schien sehr stolz darauf zu sein. Ich sagte ihr, dass ich auch gerne abnehmen würde, da gab sie mir Tipps. Sie prahlte sogar ein bisschen mit ihrer Kleidergröße…

SPIEGEL ONLINE: Ein echtes Schauspieltalent?

Moroder: Sehr! Ungefähr zwei Wochen, bevor sie gestorben ist, habe ich noch mal mit ihr telefoniert, auch da hat sie sich absolut nichts anmerken lassen. Ich glaube, sie hat nicht sehr gelitten. So jedenfalls mein Eindruck.

SPIEGEL ONLINE: Die Legende um Ihren ersten Hit mit Donna Summer, "Love to Love You Baby", besagt, dass die Idee, den Song auf sensationelle 17 Minuten zu verlängern, nachts auf einer Party geboren wurde…

Moroder: Ja, Neil Bogart, der Chef von Casablanca Records, rief mich mitten in der Nacht in München an. Er sagte, auf einer Party bei ihm zu Hause hätten die Leute immer und immer wieder nach dem Lied verlangt - ob ich da nicht eine lange Fassung machen könne?

SPIEGEL ONLINE: Der erfolgreiche DJ und Produzent David Guetta, ein großer Fan Ihrer Musik, erzählt, die Party von Neil Bogart sei in Wahrheit eine Sexorgie gewesen.

Moroder: Woher will er das wissen?

SPIEGEL ONLINE: Von Evan Bogart, dem Sohn von Neil. Die Gäste hätten zum Höhepunkt kommen wollen, und deswegen sollte Donna Summer länger stöhnen.

Moroder: Also, sein Vater hat mir nichts Genaueres über diese Party gesagt. Wer weiß, was dort passiert ist!

SPIEGEL ONLINE: Evan Bogart hat David Guetta ebenfalls erzählt, dass sein Vater einen bekannten Radio-DJ in Los Angeles dazu zwang, "Love to Love You Baby" die ganze Nacht zu spielen: Er sperrte den DJ in der Toilette ein und stellte die Platte auf Repeat. Befreit wurde der DJ erst am nächsten Morgen von der Putzkolonne…

Moroder: Auch diese Geschichte habe ich noch nie gehört! Aber es ist wahr, dass Neil Bogart ein genialer Promotion-Mann war. Er tat fast alles, um einer Platte zum Erfolg zu verhelfen - und er gab wahnsinnige Summen Geld dafür aus. Als wir in den USA Nummer eins wurden, ließ er in San Francisco eine Torte backen, ein Riesending, eineinhalb Meter hoch. Die ließ er zu Donna und mir nach New York fliegen - aber natürlich nicht per Luftfracht: Die Torte reiste erster Klasse, auf zwei Sesseln!

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden in den Siebzigern bekannt für den damals neuen Synthesizer-Sound. Stimmt es, dass der erste Synthesizer, mit dem Sie arbeiteten, einem Münchener gehörte, der Musique concrète machte?

Moroder: Genau, ein großer Moog, er gehörte dem Komponisten Eberhard Schoener. Er spielte mir live etwas auf diesem Gerät vor - ein tiefes Dröhnen, das im Kreis durch vier Lautsprecher wanderte, eine Art Quadrophonie. Das habe ich mir zwanzig Minuten angehört, und dann dachte ich mir sofort, dass man mit diesem Gerät noch mehr Möglichkeiten hätte.

SPIEGEL ONLINE: Ihr futuristischer Pop wurde also aus einer Begegnung mit experimenteller klassischer Musik geboren?

Moroder: So kann man das nicht sagen. Sicher, ich hörte damals auch mal ein bisschen Pierre Boulez und überlegte kurz, ob ich etwas in Richtung Musique concrète machen sollte. Aber dauernd an Tonbändern herumzuschneiden und kleine Stücke zu loopen… Das war mir zu viel.

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insgesamt 9 Beiträge
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kexx 30.06.2012
1. Angenehm bescheiden...
...was Herr Moroder über sich erzählt, im Unterschied zur verbreiteten popkulturellen Großmäuligkeit. Aber wenn man alles gehabt hat... Hut ab!
distel60 30.06.2012
2. Cizeta-Moroder V16T
Da dem Artikel nur das Bild eines Ferrari beigefügt ist, poste ich hier mal den Link zum Cizeta-Moroder: Cizeta V16T (http://de.wikipedia.org/wiki/Cizeta_V16T) Ein 16 Zylinder V-Motor quereingebaut mit 6 Liter Hubraum und 540 PS bringen den Mittelmotorsportwagen auf bis zu 328 km/h! Für die damalige Zeit geradezu brachiale Werte.
Urban Spaceman 30.06.2012
3. optional
Meine Frau und ich waren mit Moroder und seiner damaligen Lebensgefährtin befreundet, als er noch Anfang der 70er Jahre in München lebte und dort erfolgreich sein Tonstudio "Musicland" im Arabellahaus betrieb. Schon damals war er ein Autonarr, fuhr einen Rolls oder Ferrari. Aber im Grunde blieb er bescheiden. An eine lustige Episode erinnere ich mich. Giorgio besuchte uns gelegentlich und brachte einmal als Geschenk seine 1975 erschiene LP "Einzelgänger" mit. Die war zu dem Zeitpunkt noch nicht in den Läden zu kaufen. Ich mochte zwar Giorgio, aber mit seiner Musik konnte ich als Jazzfan überhaupt nichts anfangen. Ich habe kurz in die Platte hinein gehört und sie dann unserer damaligen Babysitterin geschenkt, die sich mit Verkäufen auf dem Flohmarkt ein kleines Zubrot verdiente. Ich konnte nicht voraussehen, dass das dazu führte, dass Giorgio seine noch unveröffentlichte LP bei ihr ein paar Tage später auf der "Auer Dult" entdeckte. Er war ziemlich konsterniert, roch aber den Braten und stellte mich zur Rede. Das war ziemlich peinlich. In meiner Not habe ich die arme Babysitterin, die er zum Glück nicht kannte, als Diebin denunziert. Giorgio hat mir das wohl abgenommen. Ich muss heute schmunzeln, wenn ich mir Giorgios Reaktion ausmale, als er sein progressives und pressfrisches Werk auf dem Flohmarkt zurückgekauft hat.
joerg109 30.06.2012
4. Die Moroders - Eine bescheidene ladinische Künstlerfamilie
Bildhauer, Musiker, Goldschmied - die Moroders waren und sind eine beeindruckende und gleichzeitig bescheidene Künstlerfamilie. Ich kann nur jedem einen Besuch bei Patrik Moroder ("Schmuck-Objekt") in Düsseldorf empfehlen. Einer der genialsten Goldschmiede unserer Zeit.
w33102 30.06.2012
5. Schöpfungshöhe
Auf die Frage von SPON, wo die Hommage aufhöre und das Plagiat anfange, antwortet Moroder: "Für mich sind das alles Hommagen. Wenn ich denken würde, dass es geklaut ist, müsste ich dauernd vor Gericht gehen, das wäre doch sehr anstrengend. Ich kenne Hunderte Lieder, in denen die Bassfigur von "I Feel Love" fast komplett übernommen ist, vielleicht um ein, zwei Noten verändert. Aber das heißt für mich, dass dem Produzenten oder dem Komponisten der Song von Donna und mir gut gefallen hat." Ein netter Kerl, könnte man meinen, der nimmt's nicht so genau. Tatsächlich aber handelt es sich bei der Bassfigur nur um einen leicht aufgebohrten Standard, siehe Wechselbass (http://de.wikipedia.org/wiki/Wechselbass) . In seiner einfachsten Form ist er ein ständiger Wechsel zwischen Grundton und Quinte, in der "I feel love"-Tonart also c - g. Moroder wiederholt das c und fügt die (kl.) Septime b hinzu: c - c - g - b. Diese Figur wird dann allen anderen Akkorden (Es, F, G - übrigens auch einfach nur eine gängige modale Wendung) (entsprechend transponiert) unterlegt. Auch der Rhythmus der Figur hat nichts Auffälliges, einfach nur Achtelnoten. "...vielleicht um ein, zwei Noten verändert": Der Unterschied würde bei einem Ton 25%, bei zwei Tönen 50% betragen. Das sollte Moroder dann auch dazu sagen.
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