"Götterdämmerung" in Hamburg Weltenwandel in der Kleinraumwohnung

Kann man machen, glücklich macht's aber nicht: Claus Guths Hamburger "Ring des Nibelungen" braust mit der "Götterdämmerung" über die Ziellinie. Doch trotz guter Sangesleistungen bleibt ein fader Nachgeschmack: Was soll denn bitte diese Wohnwelt-Metaphorik?

DPA

So verschachtelt wie die Wagner-Welt sich auf der Bühne darbot, so kleinteilig mühte sich die Inszenierung: Claus Guths Hamburger "Ring des Nibelungen" ging mit seiner dramaturgisch zerdehnten "Götterdämmerung" in die Schlussphase, ohne Faszination, Kontroverse oder Provokation zu bieten. Doch gerade das war wohl die Idee des Regisseurs: Nach all den Deutungen von Wagners "Ring" scheint die Tetralogie ausinszeniert, endgültig erklärt und endlos aktualisiert. Irgendwann ist mal Ende, wir haben verstanden.

Also wirft Claus Guth den Stoff zurück ins allgemein Menschliche, auch wenn das Leben im "Ring" zum scheinbar griffigen Leben in der Neubausiedlung wird. Privat ist die Tat, auch die eines Siegfried. Oder sind wir nicht alle ein bisschen Hagen? Simpel, nah dran - so ist dieser Hamburg-"Ring": Eine in sich schlüssige Sache, die niemanden weh tut und niemanden bessert. Gesungen wurde zum Teil sehr schön.

Doch so möchte man wirklich nicht wohnen in der Welt: Kahle Wände, schmale Zimmer, Sparmöblierung. Die Welt baut sich auf zwischen einer Einraumwohnung und einem Schachtelhaus. Ergebnis: klaustrophobische Zustände, Angstlähmungen und teilweise unfreiwillige Komik zwischen Kühlschrank und Kacheln. Siegfried greift zum Flaschenbier: das größte Musikdrama der Welt in kleinstmöglicher Darreichungsform, zumindest optisch. Richard Wagners Vision wird in der Hamburger "Ring des Nibelungen"-Inszenierung zu einer Vorstadt-Erfahrung - und auch in der vierten und letzten Etappe dieser Reise hält Regisseur Claus Guth an seiner Wohnwelt-Metaphorik fest.

Vom Elektrische-Eisenbahn-Modell im "Rheingold" zum sozialen Wohnungsbau in der "Götterdämmerung": Das klingt brisant, nach gesellschaftlichem Sprengstoff, aber Tagesaktualität ist das letzte, was einem bei Guths Göttern in den Sinn kommt. Sein "Ring" an der Hamburger Staatsoper bleibt eine illustrative Inszenierung, die einiges zeigt, aber zu wenig deutet.

Steigerung zum Schluss

Schließlich geht es um nichts weniger als den Lauf der Welt. Siegfried, der autonome Held, vom Götterchef Wotan als Heilsbringer erkoren, soll als frei Handelnder die Zukunft der Menschheit definieren und nebenbei die Planetenpläne realisieren; eine Zeitenwende mit neuen Werten, neuer Moral. Von all dem sieht man wenig. Man sieht vor allem Zwänge und Grenzen, die sich aus dem drehbaren Bühnenkasten ergeben, ein Sog des scheinbar unausweichlichen Geschicks.

Immer wieder entdeckt Claus Guth die komischen Momente dieses Aufbaus, wagt mit doppelbödiger Führung sogar Komik, ausgerechnet beim intriganten Oberbösewicht Hagen, dem der stimmlich immer noch überragende John Tomlinson kauzig-komödiantische Akzente gibt. Mit Studienrats-Pferdeschwanz im gedeckten grauen Anzug und burlesker Gestik hätte das eine Studie des schlau-schlimmen Strippenziehers mit politischen Dimensionen werden können - wenn der Regisseur seinen Einfällen etwas mehr getraut hätte. So bleiben es hübsche Momente inmitten würgender Tristesse.

Beste Szenen sind dann auch die von der Regie klassisch klar gebauten Ensembles im zweiten Aufzug, bei denen Deborah Polaski, die anfangs eher blass agierte und stimmlich belegt wirkte, zu bekannter Form auflief. Ihre Totenklage am Schluss steigerte sich, trotz einiger Artikulationsprobleme, zu feuriger Intensität: ein würdiges Finale.

Christian Franz kämpft als lausbubiger Siegfried - unfrisiert, irgendwo zwischen Punk und Pumuckl - manchmal mit der verlangten strahlenden Höhe, steigert sich aber wie seine Brünnhilde Polaski zum Ende hin. Geglückt und erfreulich stark die Besetzung der "kleineren" Rollen: Der in den USA geborene Bariton Robert Bork lieferte einen kraftvollen Gunter ab, seine Schwester Gutrune bekam von Anna Gabler Profil, und besonders Petra Lang als Mit-Walküre Waltraute holte sich verdienten Schlussapplaus ab.

Der fiel fürs Regieteam sehr sparsam aus. Auch Opernchefin Simone Young bekam vom Publikum mächtig Gegenwind für ihr Dirigat, das die "Götterdämmerung" breit und behäbig im Tempo anging, und auch einige Wackler im Blech trugen nicht zur Klangfreude bei. Ein etwas trauriger Ring, der sich bewusst der großen Gesten enthielt und das Thema eher philosophisch-karg abhandelte.

Kann man machen, glücklich macht's aber nicht.



insgesamt 3 Beiträge
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Tuxeedo 18.10.2010
1. punkt
Drei Stichworte aus dem Artikel bringen es im Grunde auf den Punkt: Unfreiwillige Komik... Pumuckl... traurig. Man wünscht sich nur noch, diese "Regisseure" würden endlich, endlich in Rente gehen.
Peter Sonntag 18.10.2010
2. Regiewillkür an Theatern
Eigentlich lässt man sich diese Regie- und Ausstattungsarmut nur gefallen, weil jede Karte mit 100 € subventioniert wird. Müsste man den wirklichen Preis zahlen, blieben die Theater leer. Beim Musiktheater macht man am besten die Augen zu, dann ist es fast so schön wie Radio.
tylerdurdenvolland 19.10.2010
3. ...
Zitat von Peter SonntagEigentlich lässt man sich diese Regie- und Ausstattungsarmut nur gefallen, weil jede Karte mit 100 € subventioniert wird. Müsste man den wirklichen Preis zahlen, blieben die Theater leer. Beim Musiktheater macht man am besten die Augen zu, dann ist es fast so schön wie Radio.
So ist das halt in einer Kulturwelt mit ihren Pfründen, da darf dann auch mal ein ahnungsloser Dilletant wie Schlingesief mal ran und uns zB für viel Steuergeld die Verbindung zwischen Parsifal und Karnickeln erklären, toll!
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