Goleo-Song Forrest Gump des Fußballs
Wir kennen diese Bilder, diese Szenen von dem Trottel, der läuft und läuft und läuft. Nicht kaputtzukriegen dieser Kerl, durch gar nichts zu schocken. Er rennt, die Banane hilft gegen den Hunger und der Laufschritt gegen die Wetterfühligkeit, die Witterung ist ihm egal. Er durchquert das Land mit all den Nationalparks, mit all den Seen und all den Städten, er läuft auf dem Highway, nichts ist los auf der Route 66; unbeeindruckt ist er vom Trubel in den Städten, ja er hält nicht einmal an der Ampel: Run, baby, run. Der urbane Dschungel ist ihm gleich, er gilt ihm so viel wie die tatsächliche Wildnis, der Bart sprießt und sprießt und sprießt, und am Ende, da ist Forrest Gump ein gemachter Mann, der aus dem Brunnen der Erkenntnis gesoffen hat, ein saublöder Weiser, ein menschliches Wunder, wie es eben doch nur in Amerika geschehen kann.
Forrest Gump, der Fürst Myschkin des Weltkinos, hat neuerdings einen Wahlverwandten bekommen, vielleicht sogar zwei, das kann man nicht genau sagen. Da ist nämlich dieser Junge in diesem Musikvideo, das in der Rotation der Musiksender nicht zur Ruhe kommen will. Vielleicht acht Jahre ist er alt, auf seinem Rad durchquert er das ganze Land, eines dieser E.T.-Fahrräder, mit denen man vielleicht einmal zum Mond kommt. Und auch er fährt und fährt, durch die Nationalparks mit ihren Seen, quer durch Manhattan, weder Wind noch Wetter können ihn stoppen, denn die Sonne scheint immer, die Präadoleszenz stoppt den Bartwuchs.
Hatte man sich noch gewundert, wer Forrest in der Nacht zu Essen gab, so ist der Helfer des Jungen unübersehbar; der Schutzengel ist nicht ständig da, aber ab und zu springt er ins Bild - ein sonderbarer Zausel, vielleicht ein Heckenpenner aus Nevada oder ein Tippelbruder aus dem Central Park, wer weiß das schon. Bestimmt seit Monaten unrasiert, aber im Grunde ein herzensguter Kerl, das ist nicht zu übersehen, genauso wie der Forrest, aber der musste ja alleine klarkommen. Die Musik spielt, der Rhythmus stampft, und irgendeiner singt, "Love, Love - feel the Loooove Generaaation", und dann kickt der Penner einen Fußball ins Bild, und dann ist alles klar: Bald ist Fußball-WM, da gibt es kein Vertun.
Im Dickicht der Mutmaßungen, was das Gesehene denn nun zu bedeuten habe, kommt die Wahrheit scheibchenweise ans Licht: "Love Generation" gehört zum offiziellen Sound-Equipment der WM, vom Weltverband Fifa abgesegnet. Und weil es nicht einmal der offizielle WM-Song ist, sondern nur das musikalische Fundament für das Maskottchen, hat man einen bereits existierenden Song gekauft. Bob Sinclar heißt der DJ aus Frankreich, der in manchen Ländern außerhalb Deutschlands mit "Love Generation" einen echten Hit landen konnte.
Was ihm im Ausland glückte, das schafft er hier auch locker: 250.000 Platten sind schon verkauft, Mr. Sinclair darf sich deutsches Platin an die Wand hängen, das Video zu "Love Generation" läuft unablässig auf MTV und Viva, und fast alle fragen sich, was es nun zu tun hat mit der WM. Die Lösung ist einfach. Denn der Zausel, das bekräftigt die Zeitlupe, ist in Wahrheit der Goleo VI, das Maskottchen, das Deutschlands WM-OK bei der Henson Company in Auftrag gegeben hatte, in Amerika also, da, wo sie auch den Bundestrainer bestellt hatten, was ja beides für Irritationen sorgte. "Love Generation" macht da überhaupt keine Ausnahme, das Video ist ungefähr so erheiternd wie ein Ausflug nach Florenz mit den Klinsmännern, so gehaltvoll wie ein 1:4 mit deutscher Viererkette gegen Gilardino und Toni und mindestens so elegant wie das deutsche Angriffspiel - ein formvollendetes Desaster in Ton und Bild, wie man es nur selten serviert bekommt.
Die Nominierung Monsieurs Sinclar verantwortete übrigens die Berliner Dependance der DJ-Schmiede "Ministry of Sound". Man ging sehr effizient dabei vor, denn ein neues Video wurde nicht gedreht, Goleo lediglich hinterher hereinanimiert in den bereits existierenden Streifen. Die Befürchtungen der Internet-Diskutanten in ihren zahlreichen Foren haben sich auch hier bewahrheitet: In der offenkundigen Distanz zwischen Goleo und dem Jungen auf dem Fahrrad entdeckten sie eine Parallele für die Volksferne des Spektakels: Interaktion findet nicht statt, die Protagonisten bleiben unter sich.
Im Fifa-Hauptquartier am Zürcher Sonnenberg ist man indessen gar nicht unglücklich mit dem Liedchen. Zwar liegt die präsidiale Einschätzung des Blatter-Joseph nicht vor, doch der Umstand, dass viele glauben, es handle sich hier schon um den offiziellen WM-Song, irritiert dort niemanden, denn das tut der Werbewirksamkeit nur gut.
Der echte WM-Song mit dem Titel "The Time of Our Lives" soll bald vorgestellt werden. Interpretiert wird er übrigens von dem vorrangig in den USA erfolgreichen Gesangsvierer Il Divo.