Grammy-Gala Massenhochzeit mit Rapper-Segen

Die großen Sieger bei den wichtigsten Musikpreisen sind ein Elektro-Duo, eine 17-Jährige und Rapper für die Homo-Ehe: Kann man da der Grammy-Jury noch vorwerfen, immer die alten weißen Männer zu bevorzugen? Na ja, bei näherem Hinsehen vielleicht doch.

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Die Academy, die den wichtigsten Musikpreis der Welt vergibt, hat einen schlechten Ruf. "Wer die Grammy-Gewinner voraussagen will, fühlt sich wie ein Gemäßigter bei den Vorwahlen der Republikaner", ätzte das "New York Magazine" kürzlich: "Man hofft, dass einem das Schlimmste erspart bleibt, und alte weiße Männer sind immer die Favoriten." Tja, bei der 56. Grammy-Verleihung am Sonntagabend blieb einem tatsächlich das Schlimmste erspart - aber alte weiße Männer kamen trotzdem auf ihre Kosten.

Mit dem Höhepunkt der Preisverleihungs-Show wollte sich das Musik-Establishment - das längst nicht mehr so rebellisch ist wie einst - offenbar noch einmal in eine politische Debatte einmischen. Also traten 33 Liebespaare an, hetero- wie homosexuelle, und ließen sich trauen zu den Klängen des Rap-Duos Macklemore & Ryan Lewis.

Eine starke Geste war das. "Same Love", der Song der mit vier Grammys ausgezeichneten Musiker, ist ein Statement gegen die Homophobie im HipHop; zur Hymne für die Homoehe wurde er endgültig durch die Massentrauung im Staples Center, die die Rapperin Queen Latifah kraft vorübergehend vom Staate Kalifornien übertragener Rechte vornahm. Und als wäre das noch nicht genug, trat noch Madonna in weißem Cowboydress auf die Bühne und gab mit "Open Your Heart" ihren Segen.

"Thriller" war von Vornherein Messlatte für Daft Punk

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Grammy-Gala: "Daddy bringt eine goldene Schnabeltasse"
Die einzigen Musiker, die noch mehr Grammofon-Statuen mitnehmen konnten als Macklemore & Ryan Lewis (hier die Siegerliste), waren Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter: In fünf Kategorien wurden Daft Punk geehrt, darunter zwei der wichtigsten, "Album des Jahres" und "Aufnahme des Jahres". Als Daft Punk 1997 mit dem Album "Homework" debütierten, hätte wohl kaum jemand angenommen, dass das Elektro-Duo einmal derart bei den Grammys triumphieren könnte, Stichwort: alte weiße Männer.

Doch war Daft Punks Album "Random Access Memories" einfach die Platte, auf die sich alle einigen konnten - diesen Anspruch hatte sie mit ihrem an Michael Jacksons Megaseller "Thriller" erinnernden Cover deutlich gezeigt.

Besonders der Sommerhit "Get Lucky" mit seiner von Chic-Mann Nile Rodgers gespielten Disco-Gitarre kam auch den älteren Abstimmenden wohlig bekannt vor. Beim Auftritt in der Show kam dann sogar noch Stevie Wonder dazu, und mit einem der Zitate des Abends holte der am Album beteiligte Musiker Paul Williams Daft Punk mitten in die Lebenswelt von ehemals rebellischen Babyboomer-Rockern: "Als ich noch ein Trinker war, habe ich mir immer Dinge vorgestellt, die es nicht gab. Dann wurde ich trocken und zwei Roboter haben mich angerufen, um ein Album aufzunehmen."

"Daddy bringt eine goldene Schnabeltasse mit!"

Ein anderer Daft-Punk-Mitstreiter landete den Modehit des Abends (hier Bilder vom roten Teppich): Pharrell Williams, ausgezeichnet für seinen Gesang auf "Get Lucky", präsentierte einen hohen Hut zu einem roten Trainingsanzug. Als wäre er von den kanadischen Mounties zur Club-Patrouille abgestelllt worden. Freuen konnte sich Pharrell Williams über den hochverdienten Produzenten-Grammy, der ihm unter anderem für "Blurred Lines" von Robin Thicke zuging, aber auch wegen der Arbeit an zwei Stücken von Jay-Z.

Der Rapper war mit neun Nominierungen im Vorfeld einer der Favoriten gewesen, bekam aber nur einen Preis - nicht zuletzt deswegen, weil die Preise in den Rap-Kategorien fast komplett an Macklemore & Ryan Lewis gingen. Dennoch war Jay-Z sehr präsent an dem Abend: Seine Ehefrau Beyoncé eröffnete die Show mit einer fulminanten Version von "Drunk in Love", zu der Jay-Z eine Rap-Einlage beisteuerte. Als er dann seinen einen Preis abholte, grüßte er die Tochter Ivy Blue: "Guck mal, Daddy bringt eine goldene Schnabeltasse mit!"

Ganz leer aus ging hingegen Taylor Swift. Deren Album "Red" war im zur Abstimmung stehenden Zeitraum zwar das meistverkaufte in den USA, doch für die Country-Kategorien ist sie inzwischen wohl zu poppig - und in den genreübergreifenden Kategorien wurde sie von Daft Punk überflügelt. Bei der Gala trat sie trotzdem auf, ebenso wie die auch nicht prämierten Pink (mit einem Hochseil-Zirkusauftritt) und Katy Perry. Letztere fing wenigstens einen Brautstrauß bei der Großhochzeit zum Schluss.

Zwei Frauen gehörten jedoch zu den Siegerinnen des Abends: Kacey Musgraves setzte mit einem sympathisch klassischen und, auch dank rot blinkender Stiefel, trotzdem sehr poppigen Auftritt einen Kontrapunkt im stark vertreten, aber oft arg museal wirkenden Country-Genre. Und die 17-jährige Neuseeländerin Lorde gewann zwei Preise für ihren Hit "Royals" - und beeindruckte mit ihrer konzentrierten und ergreifenden Version davon auf der Bühne. Sie wird sicher wiederkommen.

Vor 50 Jahren kamen erstmals die Beatles ins US-Fernsehen: Um an ihren Auftritt in der Ed-Sullivan-Show zu erinnern, waren die beiden verbliebenen Beatles eingeladen. Für "Queenie Eye" kamen Paul McCartney und Ringo Starr gemeinsam auf die Bühne - und im Publikum tanzte John Lennons Witwe Yoko Ono. Da wurde es wohl nicht nur alten weißen Männer warm ums Herz.



insgesamt 10 Beiträge
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bn 27.01.2014
1. Wie denn nun?
Der Titel und Abstract des Artikels suggeriert, dass noch immer alte weisse Maenner bei den Grammys bevorzugt werden. Der Inhalt erklaert diesen Titel in keiner Weise.
kaitou1412 27.01.2014
2.
Der größte Musikmarkt, Japan, wird weiterhin ignoriert. Tolle Sache … Hauptsache es wird gezeigt, wie sich die Amis fast ausschließlich selber Preise vergeben.
doenzdorf 27.01.2014
3. Ein deutsche Band bekommt den Grammy...
... für`s Lebenswerk und im Land der Merkelfans wird es einfach ignoriert. Wie ich der Facebookseite der amerikanischen Botschaft in Düsseldorf entnahm, bekam "Kraftwerk", Erfinder der elektronischen Musik den Grammy für`s Lebenswerk, nach über 40 Jahren im Geschäft. Die Tatsache ist wohl keine Erwähnung bei SPON & Co wert gewesen.
msix 27.01.2014
4.
Zitat von kaitou1412Der größte Musikmarkt, Japan, wird weiterhin ignoriert. Tolle Sache … Hauptsache es wird gezeigt, wie sich die Amis fast ausschließlich selber Preise vergeben.
Deswegen haben die Franzosen von Daft Punk auch die meisten Preise abgeräumt. Das Japan ignoriert wird dürfte daran liegen, dass japanische Musik außerhalb Asiens, wenn überhaup, nur eine Randerscheinung ist die im Mainstream praktisch nicht stattfindet.
freddykruger, 27.01.2014
5. @kaitou1412
du irrst. USA haben weltweit den größten Musikimsatz, 34% gefolgt von Japan 16%, Großbritannien 9& und Deutschland 7%. Kannst dir die Zahlen beim Bundesverband der Musikindustrie anschauen. Ferner spielt japanische Musik in Deutschland so gut wie keine Rolle. J Rock z.b. verkauft sich gerade mal im Promille bereich
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