Grand Prix 2002 Osteuropas blühende Schlagerlandschaften

Europa rückt nach Osten: Die Russin Marie N gewann den Eurovisions-Wettbewerb im estnischen Tallinn für den baltischen Nachbarstaat Lettland. Die als Favoritin gehandelte deutsche Kandidatin Corinna May landete verdientermaßen nur auf einem der letzten Plätze.

Von


Schwere Schlappe für Corinna May und Produzent Ralph Siegel
EPA/DPA

Schwere Schlappe für Corinna May und Produzent Ralph Siegel

Arme Corinna May. Der Eurovision Song Contest von Tallinn wurde für die blinde Sängerin zum Debakel, das hatte sie weiß Gott nicht verdient. An der katastrophalen Niederlage - mit 17 Punkten auf Platz 21 (von 24) - kann man sich nun zu Tode analysieren, man wird am Ende keine(n) Verantwortliche(n) ausmachen können, und das ist auch ganz gut so. Schon schnell während der Auftritte der einzelnen Kandidaten im estnischen Tallinn wurde klar, dass Ralph Siegels gefällige Hymne "I Can't Live Without Music" nicht unbedingt zu den besten Beiträgen des europäischen Lieder-Wettstreits gehörte. Schlicht die Besseren, und so soll es sein, haben am Ende gepunktet und gewonnen.

Als zweites baltisches Land kann sich nun Lettland über den Sieg beim Grand Prix freuen. Die aus Russland stammende Sängerin Marie N, die als vorletzte Kandidatin ihren Auftritt absolvierte, konnte mit ihrer schmissigen, irgendwie nach Latino-Rhythmen, irgendwie aber auch nach allen anderen Popstilen klingenden Nummer "I Wanna" begeistern und legte noch dazu beherzt eine unterhaltsame Performance aufs Parkett, die vorwiegend mit dem Ablegen von Kleidungsstücken zu tun hatte. Dafür gab es einen knappen Sieg, denn beinahe hätte die malteser Kandidatin Ira Losco mit ihrem klassisch angelsächsischen Popsong doch noch das Rennen gemacht. Nur wenige Punkte trennten die beiden Beiträge - dahinter kam erst einmal lange gar nichts, dann folgten das Gastgeberland Estland, Großbritannien und Schweden.

Transvestiten waren lustiger

Das Schöne am Grand Prix ist ja, dass man über das Ergebnis fast immer herrlich streiten kann, denn der Gewinner ist im seltensten Fall derjenige, für den man während der kultigen Auszählung der Stimmen gezittert hat. So kann man auch bei der lettischen Kandidatin bemäkeln, dass sie - ebenso wenig wie ihre für Malta auftretende Kollegin - bei weitem nicht die beste Sängerin des Abends war und nur durch ihr bestechendes optisches Konzept Punkte sammelte. Waren die Transvestiten aus Slowenien nicht eigentlich viel lustiger und ihr Song viel besser? Hätte nicht das anrührende und stimmgewaltige Duett aus Rumänien ("Tell Me Why") viel eher den Sieg verdient? Warum konnte eine der besten Sängerinnen des Abends am Ende nur sieben Punkte für Dänemark zusammenkratzen? Frustrierende Fragen, die den Unterhaltungswert des Grand Prix ausmachen. Am Ende steht immer die Erkenntnis: Das Volk hat entschieden, zumindest in den meisten Ländern.

Während Dänemark, die Schweiz, Österreich und diverse andere Länder nun also wegen mangelnder Punkte vor dem Abstieg aus der Eurovisionsliga stehen, darf Deutschland auch im nächsten Jahr wieder einen Song in den Wettbewerb schicken, es gehört ja, wie Moderator Peter Urban es formulierte, zu den "großen Vier", zum alten Kern der teilnehmenden europäischen Länder also, und ist damit vor der drohenden Zwangspause gefeit. Fair ist das natürlich nicht, denn Deutschland, das hat der gestrige Grand Prix mit aller Deutlichkeit demonstriert, hätte eine Verschnaufpause vielleicht bitter nötig. Dass Ralph Siegel nach 16 Grand-Prix-Teilnahmen endlich das Handtuch werfen will, ist ein guter Ansatz, dem er hoffentlich auch nach dieser desaströsen Niederlage treu bleibt. Doch auch ohne den dominanten "Paten" Siegel muss wohl erst ein Umdenken erfolgen, bis Deutschland wieder einen echten Siegeskandidaten in den Wettbewerb schicken kann. So lange sich das Volk in der Vorauswahl nicht - wie zum Beispiel England - für den künstlerisch wertvollsten Kandidaten, sondern für den spektakulärsten Beitrag entscheidet, wird uns einer der letzten Plätze auch in Zukunft ziemlich sicher sein.

Amüsante Freakshow

Auch wenn der altehrwürdige Song Contest in den letzten Jahren vermehrtes Ansehen und kultische Verehrung erfahren hat - seit Guildo Horn und Stefan Raab regiert der Spaßfaktor - vielleicht sogar die pure Lust am Voyeurismus und Dilettantismus - den deutschen Vorentscheid. Das gilt natürlich auch für viele andere Länder, siehe Belgien, die mit ihrem röhrenden Proll-Rocker ebenso untergingen wie wir mit unserer Corinna. Zugegeben, auch das Kichern über vermeintliche Gesangstalente, die sich beim Grand Prix dann tragisch als Nichtskönner outen, trägt zum Kultcharakter der Veranstaltung bei. Beim unfreiwillig komischen griechischen Beitrag ("Say The Password"), beim Radebrechen der russischen Boyband oder beim Herumhampeln des schwedischen Mädchentrios geht dem Zuschauer natürlich das Herz auf, aber soll der Grand Prix am Ende tatsächlich nicht mehr als eine amüsante Freakshow sein?

Auch wenn sich Frankreich (erstaunlicherweise) und Großbritannien (gerechterweise) diesmal wieder unter den vorderen Plätzen wieder finden: Auffällig ist, dass immer mehr "neue" Länder Europas den Eurovisions-Wettbewerb durchaus erfolgreich dazu nutzen, sich vor einem breiten, internationalen Publikum zu profilieren. Mit spürbarer Leidenschaft stemmte Estland eine TV-Show, die trotz fehlender finanzieller Mittel liebevoll und professionell gestaltet war. Nächstes Jahr in Riga wird man wohl den nächsten sympathischen (und vielfach gesponserten) Kraftakt dieser Art erleben.

Doch nicht nur die Balten und Russland, auch die Splitterstaaten des Balkans spielen sich beim Grand Prix immer mehr in den Vordergrund - und begünstigen ihre Beiträge untereinander durch nachbarschaftliches Voting. Eine intereuropäische Solidarität, die unter den klassischen Europa-Ländern von jeher ihresgleichen sucht. Die immer stärker werdende Präsenz der Ost-Länder ergibt sich aber auch aus dem immer auffälligeren Fehlen "alter" Länder: In diesem Jahr waren weder Italien, noch die Niederlande, Irland oder Norwegen dabei, ein Trend, der sich im nächsten Jahr noch verstärken wird. Erst wenn wir den Grand Prix wieder so ernst nehmen wie unsere östlichen Nachbarn, werden wir uns wieder über einen Sieg freuen können.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.