Grand-Prix-Debakel Gebt Nobodys eine Chance!

Der Chor der Heulsusen beweint die Song-Contest-Schlappe. Dabei wussten alle Verantwortlichen: Die No Angels hatten keine Chance - weil sie schon vorher am Ende waren. Wann endlich gibt man wirklich erfolgshungrigen Künstlern eine Chance?

Von Jan Feddersen


Nur die feinsten Tröpfchen wurden geordert, nachts um zwei mussten sogar die Kochplatten der Hotelküche erneut angeworfen werden: Die siegestrunkene Meute hatte Hunger. Im Belgrader Hotel Hyatt Regency feierte Russlands Tross beim Eurovision Song Contest den Sieg bei der 53. Auflage dieses Popfestivals.


Dima Bilan wurde geherzt und beschmust, Eiskunstlauf-Olympiasieger Ewgenij Pluschenko, der während Bilans Auftritt neben ihm Kreise gedreht hatte, sang das Siegerlied "Believe" ebenso mit wie der Rest der Delegation. Und in dieser Stunde des Sieges, als Russlands Präsident Dimitri Medwedew sein Glückwunschtelegramm formulierte, saßen ein paar Sesselgruppen weiter die Mitglieder aus der ARD-Abordnung und ahnten, dass am Tag darauf die "Bild"-Zeitung einen vernichtenden Ton anschlagen würde: "Sollen wir da überhaupt noch mitmachen?"

Nullnummern aus Deutschland

Zu verdauen war der letzte Platz der No Angels, die bei diesem Wettbewerb nur 14 Punkte zuerkannt bekamen – zwölf aus Bulgarien und zwei aus der Schweiz. Fade, übersehbar schien ihr Auftritt – nicht spektakulär genug, um das televotende Publikum in den 42 anderen Ländern der Eurovision zur Stimmabgabe für die Deutschen zu bewegen.

Der Unterschied zu fast allen anderen Acts war nur: Die No Angels kamen nach Belgrad als Girlgroup, die ihre Zukunft längst hinter sich hatte. Sie wussten, dass ihr voriges Jahr gestartetes Comeback gefloppt war – und das war für ihre Plattenfirma Universal der einzige Grund, sie für dieses Festival freizugeben. Der Eurovision Song Contest war ihr Gnadenbrot – ein Betriebsausflug zum Ende einer versandenden Laufbahn.

Alle anderen Länder hatten Künstler und Bands geschickt, die entweder auf ihren Popmärkten unumstritten waren (Finnland oder die Türkei) oder mit dem Eurovision Song Contest unbedingt eine Bühne wollten, um an die internationalen Fleischtöpfe zu kommen. Russlands Sieger Dima Bilan war als Image-Investitionsprojekt für das ganze Land mit knapp zehn Millionen Euro Kapital ausgerüstet worden.

Investieren oder blamieren

Bei ihm wurde an nichts gespart. Kostümbildner, Geiger und Eiskunstläufer, Promotionausflüge bereits vier Monate vor dem Event, schließlich das Feintuning seines Songs in den amerikanischen Studios von Timbaland, dem zurzeit angesagtesten Pop-Producer der Welt. Nichts war den Russen wichtiger, als ganz vorne zu landen.


Die ARD (und dort sein Grand-Prix-federführender Sender NDR) steht vor dem Problem, dass die Musikfirmen niemanden zu einer Vorentscheidung schicken, der seine Karriere noch vor sich hat. Das europäische Ausland, so lassen sich Musikmanager vernehmen, interessiert in Deutschland niemand. Der deutsche Markt mit 82 Millionen Einwohnern ist so groß, dass ein Blick über den Tellerrand nicht lohnt.

Akquirieren konnte die ARD sowohl die Countryband Texas Lightning (2006) und den Jazzer Roger Cicero (2007) – beide Acts schnitten international beim Grand Prix Eurovision eher mäßig ab. Aber das spielte keine Rolle – über die Vorentscheidung in Deutschland, die sie jeweils gewannen, hatten sie sich eine Bekanntheit verschafft, die sie ohne diese Auftritte nicht erlangt hätten. Die jeweiligen internationalen Auftritte waren quasi mit zu absolvieren – als Teil des Deals: Die ARD ermöglicht ihnen, national noch prominenter zu werden, die Acts selbst müssen dafür einen Ausflug ins Ausland in Kauf nehmen.

Deutsche Stars zu verpflichten, wäre für die ARD eine Option. Aber weder Herbert Grönemeyer noch Ich + Ich oder Juli wären bereit, sich einer internationalen Konkurrenz zu stellen: Jenseits von Deutschland absolute No Names, könnten sie international auf keinen Promibonus rechnen. Ein solcher Auftritt ist viel zu riskant.

Thomas Schreiber, NDR-TV-Programmleiter Kultur, erklärte nach dem erwartbaren Desaster der No Angels, dass man das Resultat sportlich nehme. Nach dem Grand Prix sei vor dem Grand Prix. Deshalb werde man sich umgehend um eine Neujustierung der Vorentscheidung bemühen – aber weiter teilnehmen werde man auf jeden Fall.

Der NDR-Mann weiß, dass das wichtigste Unterhaltungsshow-Format der ARD – allen gesunkenen Marktanteilen bis zu jetzt 27,9 Prozent zum Trotz – nicht einfach abgesagt werden kann. Wichtig wäre womöglich, sich nicht wieder auf den guten alten Schlager nach Machart des Ralph Siegel zu verlassen. Der ist international so verrufen, dass er auf offener Bühne heruntergepfiffen würde.

Und noch wichtiger: Sich von keiner Plattenfirma Stars aufhalsen zu lassen, die keine mehr sind oder bald nicht mehr sein werden. Tapfere Frauen wie die No Angels, das war in Belgrad spürbar, wissen um die Bühne, die sich ihnen bietet – aber sie nehmen sie mit wie einen Allerwelts-Gig, nicht wie die beste Chance aller Zeiten.

Die sollen nur spielen

Eurovisionsgewinner wie Johnny Logan, Abba, Udo Jürgens oder Céline Dion triumphierten, weil sie vorher Nobodys waren – und unbedingt noch etwas werden wollten. Die ARD kann ihr bestes Programm retten, wenn sie sich dafür einsetzt, dass das Wertungssystem insofern geändert wird, dass nur jene Länder votieren dürfen, die am Finalabend auch teilnehmen. Und außerdem für die Vorentscheidung nur Bands und Künstler engagiert, die sich mit einem international akzeptablen Lied beweisen und die wirklich Karriere machen wollen. Denen das Naschen vom deutschen Suppentopf nicht ausreicht, sondern die gleich an die europäischen Buffets wollen.

Das wären Namen, die noch niemand kennt. Frauen und Männer, die nicht am Gängelband von Plattenfirmen hängen, sondern deren Companies ihnen künstlerisch freie Hand lassen. Der ARD stünde eine glänzende Zukunft bevor. Gerade das jüngere Publikumssegment hat am Sonnabend die Show aus Belgrad anschauen wollen – bis zu 49,8 Prozent aller 14- bis 29-Jährigen. Das ist ein Wert, den selbst Viva, ProSieben oder MTV nie erreichen.

Die Niederlage der No Angels ist in Wahrheit für die ARD ein Zeichen, sich aus den Fesseln des Gestrigen zu lösen. Die vier Engel haben gewiss einen guten Job gemacht – international war es aber nicht genug.

Dima Bilan hat gezeigt, wie es geht: Sehr uncool hat er tatsächlich so etwas wie Leidenschaft nicht nur dargestellt. Einen wie ihn oder andere, die glühen würden wie er es tat, gibt es in Deutschland auch. Man muss ihn oder sie nur suchen wollen.

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Seite 1
pressport, 23.05.2008
1.
Schaut sich diese Ostblock-Seilschaften-Veranstaltung überhaupt noch jemand an? Die Abstimmungen in den slawischen Staaten sind so spannend wie wie einst die Parteitage dieser Länder.
shiloh716 23.05.2008
2. Ich schalte nicht ein
Dieser Gesangscontest war schon immer nur mit Ironie zu ertragen. Aber selbst mit genug Ironie ist dieser Witz nun zu alt, um noch drueber lachen, ja sich aufregen zu koennen. Seien wir doch ehrlich - in den westlichen Laendern interessiert sich kaum jemand Ernstzunehmendes fuer den Contest. Im Osten dagegen nehmen Sie dieses "Event" noch richtig Ernst, und haben damit die moralische Oberhand. Will sagen - wenn wir sowieso nur noch aus zynisch-ironischen Gruenden mitmachen, sollten wir's lieber sein lassen. Dann sind zwar ein paar Trullas traurig, aber wir sparen viel Geld und Sendezeit.
juchee 23.05.2008
3.
Ich finde das neue Prozedere wirklich sehr gut. Nachbarschaftshilfe wie in den letzten Entscheidungen wird es auch zukünftig geben, aber ich meine, in einem durchaus kleineren Rahmen. Sehr schön auch, das alle durch die Halbfinale müssen (bis auf die großen 4 und den Vorjahresgewinner), so bekommt man einen guten Überblick, so denn der NDR es will. Und da haben wir schon das Ärgernis!!! Ich kann es verstehen, das es darum geht am Samstag so viele Menschen wir möglich vor den Fernseher zu locken, aber dass das erste Halbfinale live auf Sendung geht und das zweite Halbfinale tief in der Nacht und dann als Aufzeichung gezeigt wird eine absolute Frechheit. Was nehmen die sich heraus und entscheiden am Publikum vorbei. Schließlich bezahlen wir doch die Übertragung!
Rockker, 23.05.2008
4.
Quatsch,, in den Halbfinalen schieden doch schon viele Ossis raus.. Dagegen kamen mehrere Wessis weiter... Die Skandinavier vor allem, für mich völlig unverdient... Und dieser Begriff der kalte Krieg und die ganze Aufregung stammt überwiegend, aus, na... woher sonst, Deutschland natürlich.. Dem großen Land mit dem großen Minderwertigkeitskomplex was sein Pop-Liedgut international angeht, weswegen man, seit Jahren, völlig verzweifelt diesen,musikalisch belanglosen Wettbwerb gewinnen möchte, aber dazu schickt man schlechte, langweilige Nummer, die niemanden interesserien... Habe das zweite Halbfinale ein wenig gesehen... Was mir so aufgefallen ist; Der Ethno- und Folktrend der Paar letzten Jahre ist weg... Die aller meisten der 19 Songs, der typische Pop-Disco-Einheitsbrei, fast immer nach dem gleichem Muster; eine scharf aussehende Sängerin und dazu Tänzer oder Tänzerinnen im Hintergrund... Der tschechische Beitrag war da ganz vorne was den Sex-Faktor angeht: allesamt Models mit viel nackte Haut.. der Gesang ging so... Ausgeschieden... Überraschend; alle Skandinavier des Abends kamen ins Finale..Obwohl allesamt die langweilige discomässige 80-er Jahre Nummer... Dagegen schied der Schweizer Schlager-Song auf italienisch gesungen, aus.. Aber auch überraschend weiter; die lettische Piraten-Disco-Nummer; für mich die eindeutig schlechsteste des Abends... Auch übberaschend; die ambitionierte bulgarische, moderne Nummer mit DJ's , die laut dem Kommentator, in den Charts von MTV-World vertreten ist, schied aus... Von den ganzen 19 Nummern, stachen da untypisch der türkische sowie der kroatische Beitrag heraus..Von den Türken was völlig anders; eine Rock-Nummer und von den Kroaten- eine Altherrenkombo, mit so einer Mischung aus Jazz, Tango, Zigeuner-Musik und der 20-er Jahre Romantik... War nicht schlecht. Da die Kroaten auf Landessprache singen, so können sie schon im Start auf viele Punkte aus den anderen 5 benachbarten Ländern des ex-Jugoslawien rechnen, die dieselbe Sprache sprechen oder verstehen... Auch mutig; die portugiessische Nummer; die Fado-Ballade auf portugiesisch vorgetragen..Starke Sängerin,,, aber die Nummer vom Stil her schon ein wenig eine Kopie des vorjährigen, serbischen Sieger-Lieds...Trotzdem zurecht weiter... Ich freue mich für die armen Portugiesen, die, früher in den Zeiten des alten GP, da kann mich noch daran erinnern, mit ihrer Landessprache keine Lieblinge der Jury-Schlager-Fuzzis waren und fast immer auf den letzten Plätzen landeten. Habe auch ein wenig die Beiträge von den 3 gesetzten Ländern (GB, ESP, FRA), reinhören können... Diesmal eine starke Nummer mit einem gutem schwarzen Sänger aus Großbritannien, für mich eindeutig der beste aller Songs die ich gehört habe..Jedoch mein Liebling ist die Gaga-Nummer der Spanier; Eine Lerne-mal-den-neuen-Tanz-Nummer, so ein wenig Parodie auf die ganzen Macarena- und Kethcup-Songs, so weit ich raushören könnte (ich kann kein Spanisch), absichtlich im schlechten Spanisch gesungen,... oder irre ich mich da ? (Wer kann Spanisch und wer kennt das Lied ?).
Dr h.c. Ceasar, 23.05.2008
5.
Zitat von pressportSchaut sich diese Ostblock-Seilschaften-Veranstaltung überhaupt noch jemand an? Die Abstimmungen in den slawischen Staaten sind so spannend wie wie einst die Parteitage dieser Länder.
Jedes Jahr dasselbe, die Blut- und Busenzeitungsfraktion (sic!) heult sich mal wieder über die Ostblock-Seilschaften-Veranstaltung aus, ohne sich die Zahlen mal genauer angeschaut zu haben. Allein wegen solcher Beiträge , soll der ESC IMHO bleiben, mit dem nun gefühlten "ungerechtfertigten" 100.Sieg einer Ostblock- Nation.
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