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Genre-Revival: It's Jazz!

Foto: Mike Windle/ Getty Images for Coachella

Musiktrend Wird Jazz wirklich wieder hip?

Totgesagte leben länger: Pop- und Hip-Hop-Künstler wie Gregory Porter und Kamasi Washington geben dem Jazz neue Impulse. Aber kann man wirklich schon von einem Revival sprechen?

David Bowie engagierte für sein Abschiedsalbum "Black Star" Jazzmusiker; der bislang nur in der Rap-Szene bekannte Saxofonist Kamasi Washington kommt als Jazz-Star groß heraus; sein Soul-Brother Kendrick Lamar überrascht auf seinem aktuellen Album und bei seinem Grammy-Auftritt mit Anleihen aus dem Jazz; das Rockmagazin "Rolling Stone" hebt mit Miles Davis zum ersten Mal einen Jazzmusiker auf seinen Titel. Anlass ist der 90. Geburtstag des 1991 verstorbenen Trompeters sowie die Kino-Biographie "Miles Ahead", einer von mehreren Jazz-Filmen, die in den vergangenen Monaten Premiere hatten.

"Jazz ist wieder hip", titelt angesichts dieser Fakten die Zeitung "Schweiz am Sonntag". Musikjournalisten in etlichen Ländern sprechen sogar von einer Renaissance des in die Nischenecke geschrumpften Genres. Kommt der Jazz zurück?

In seiner gut hundertjährigen Geschichte ist das Genre schon öfter totgesagt worden, und es hat Wiedererweckungen gegeben - etwa das so genannten Dixieland-Revival und mehrere Swing-Renaissancen. Was sich gegenwärtig tut, erhellen Anrufe bei einigen Musikern, Festival- und Labelmachern.

"Von einer Renaissance zu sprechen, ist übertrieben", urteilt Angelika Niescier, es gebe aber keinen Grund zu Klagen. Die Saxofonistin hat mit dem Quintett New York City Five gerade den Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik gewonnen und kennt die Szene auch als Musikmanagerin, Niescier organisiert Kölns Winterjazz-Festival. Die Veranstaltung hatte - wie alle deutschen Jazzfeste der ersten Jahreshälfte - die erwartet hohe Publikumsresonanz. Nun hoffen die Musiker, dass etliche der Besucher ermuntert wurden, auch mal einen Club aufzusuchen oder eine Jazz-Platte kaufen.

"File under Jazz"? Vergiss es!

"Interesse antriggern", sagt Niescier, würden auch Filme wie das Drummer-Drama "Whiplash", in dem ein unbarmherziger Schlagzeug-Lehrer seine Jazz-Eleven wie Rekruten drillt. Denn Filme brächten den Jazz in die Mainstream-Medien - worunter die Branche alles außerhalb der Jazz-Sendungen im Radio und der Publikationen "Jazzthing", "Jazzthetik" oder "Jazz Podium" versteht. Anhaltend in den Non-Jazz-Medien vertreten und damit potentielle Aufreißer neuer Interessenten sind der Sänger Gregory Porter sowie Kamasi Washington. Während Porter Popfans ins Jazz-Lager locken könnte, wäre Washington ein Zugpferd für Überläufer aus dem Hip-Hop- und Soul.

Aber gibt es diese verschiedenen Lager überhaupt noch? "Ich glaube, dass die Vorstellung von Genres eine des 20. Jahrhunderts ist", meint Wolfram Knauer, "einer Zeit, in der man in Plattenläden nur in den Regalen seiner eigenen Stilrichtung wühlte, sei es nun Jazz, Blues, Rock oder Heavy Metal." Der Direktor des Darmstädter Jazzinstituts erinnert an Hinweis-Sticker der Plattenindustrie wie "File under Jazz". Solche Einordnungen verschwinden. "Schubladen taugen nur so lange, wie sie auch mit unserer Lebenswirklichkeit übereinstimmen", erklärt Knauer. Im Zeitalter von YouTube und Spotify würden sich Musikinteressenten auf allen möglichen Gebieten kundig machen.

Hautnah erlebt das aktuell der Saxofonist Frank Delle mit seinem 19-jährigen Sohn und seiner 15-jährigen Tochter. Für die sei "die digitale Welt so selbstverständlich wie der Hahn, aus dem das Wasser kommt"; die Teenager würden "völlig offen ein breites Spektrum von Musik" wahrnehmen. Delle hat eine umfassende Sicht über die Szene. Als langjähriges Mitglied der NDR Bigband erlebt der 50-Jährige bei Konzerten in der deutschen Provinz und auf internationalen Gastspielen ein extrem diverses Publikum. Im Trio mit dem Bassisten Robert Landfermann und dem Schlagzeuger Jonas Burgwinkel spielt er zeitgenössischen Jazz in Clubs.

"Generell sind die Leute aufgeschlossen", sagt Delle, "folkloristisch geprägte Stücke kommen genau so gut an wie Jazz-Standards." Entscheidend sei, dass sie überzeugend dargeboten werden.

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