Grönemeyer gegen Rechts Der Meniskus riss bei "Alkohol"

Über 25.000 Berliner hatten sich zu seinem Konzert vor dem Brandenburger Tor versammelt. Herbert Grönemeyer rockte gegen Rechts und erlitt dabei einen Meniskusriss. Den Rest des Abends sang er im Sitzen.

Von Harriet Dreier


Grönemeyer: Erst freute er sich über das Verkehrschaos, dann strauchelte er
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Grönemeyer: Erst freute er sich über das Verkehrschaos, dann strauchelte er

Die Menge gehörte Herbert Grönemeyer schon als er noch gar nicht zu sehen war. Fans jeden Alters riefen "Herbie", pfiffen anheizend, reckten die Arme empor und klatschten. Dann zauberten die Pyrotechniker eine Leuchtrakete in dem Himmel und am Bühnenrand schlugen Flammen hoch. Um 20.30 Uhr kam der Deutschrocker auf die gigantische Bühne vor dem Berliner Wahrzeichen und wurde von massenweise Sonnenblumen aus dem Publikum beregnet. Drei Tage lang hatte der Verkehr in Berlin Mitte brachgelegen - für Grönemeyers Auftritt war die Straße des 17. Juni ab Siegessäule gesperrt worden. "Ich habe mich besonders gefreut, dass ich das Verkehrschaos der letzten Tage verursacht habe. Das passiert nicht jedem. Dafür möchte ich mich bei der Stadt bedanken. Ich hoffe, viele haben im Stau gestanden und sich über mich geärgert", begrüßte der Sänger die über 25.000 Besucher seines Konzerts gegen Rechtsextremismus, das vom Kundenclub der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) organisiert worden war.

Lange war der Auftritt angekündigt, seit ungefähr zwei Wochen unter dem Motto "Kein Rassismus - Gegenwehr". Dafür konnte die BVG bei der Stadt die Sperrung der Straße des 17. Juni durchsetzen - ein solche Ehre wird selbst dem Kanzler höchst selten zuteil. Von anderen Popstars ganz zu schweigen: Sie werden zumeist in die Berliner Wuhlheide mit ihren 17.000 Plätzen verbannt. Grönemeyer nahm das Veranstaltungsmotto ernst. "Ich will die Gelegenheit nutzen, um gegen Rechts aufzurufen. Dieses Land kann nur friedlich sein ohne Rassismus. Wir sind genug, um die wenigen in die Schranken zu weisen", rief der Bochumer. "Bochum, ich komm' aus dir", sangen dann später auch die Berliner im Chor.

Wie schon auf der Expo wurde Grönemeyers Rockröhre von einem ganzen Sinfonie-Orchester mitsamt Streichern untermalt. Mit dem NDR-Hannover Pop Orchestra unter Leitung von Nick Ingman kramte ein sichtlich gutgelaunter Grönemeyer - wie vorher versprochen - auch seine alten Hits mal wieder heraus. Seine berüchtigten "Männer" lösten frenetischen Beifall aus, aber auch neue Songs wie "Kein Verlust" ernteten Jubel. Ausgerechnet bei "Alkohol" kam der Ruhrpott-Rocker jedoch ins Straucheln und stürzte. Der heisere Gesang brach ab, der Blondschopf war einen Moment lang nicht zu sehen. Dann tauchte Grönemeyer hinkend wieder auf: eine "alte" Knieverletzung, wie Grönemeyer-Sprecher Hansi Hoffmann später vermutete. Am Samstag teilte die Managerin Claudia Kaloff jedoch mit, das beim Tanzausrutscher des Sängers sowohl das vordere Kreuzband als auch der hintere Meniskus gerissen seien. Den Rest des Konzerts musste er sitzend und mit zeitweise schmerzverzerrtem Gesicht absolvieren. Doch Lieder wie "Bleibt alles anders" und Klassiker wie "Flugzeuge im Bauch" sorgten bei allen Beiteiligten bald wieder für gute Stimmung. Auch das für Samstag angekündigte Konzert in Bitterfeld wolle Grönemeyer, 44, stattfinden lassen - allerdings ebenfalls nur im Sitzen.

BVG pragmatisch: Zur Teeküche umgebaute Telefonzelle auf dem Konzertgelände
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Trotz der weiträumingen Absperrung reichte der Platz für die vielen Fans kaum aus: Zaungäste standen sich im Tiergarten zuhauf die Füße platt. Einzig der Backstage-Bereich bot etwas mehr Raum: auf einem eigenen Podest feierte auch der BVG-Club seinen Star. Zwischen die fleißigen U-Bahnnutzer war auch Katja Riemann geraten: "Der Mann ist super", rief die Schauspielerin begeistert, als sich Grönemeyer bei dem Lied "Halt mich" an den Flügel setzte. Der VIP-Bereich, der strengsten Sicherheitskontrollen unterlag, lockte mit Lachs, Blattspinat und Petits Fours. Dennoch war in den weißen Zelten gähnende Leere ausgebrochen: Niemand wollte das Konzert nur aus der Ferne hören...



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