Großmeister Jarrett in Berlin Keith kämpft gegen die deutsche Arroganz

Huster und Schwadroneure waren daheim geblieben, Fernsehen und Radio auch. Die Bedingungen für den Auftritt des sensiblen Jazz-Großpianisten Keith Jarrett in der Berliner Philharmonie waren also fabelhaft. Blieb nur ein Problem: Im Konzertsaal saßen keine Japaner.
Jazz-Pianist Jarrett bei einem Auftritt in Montreux, 2002: Bitte Ruhe!

Jazz-Pianist Jarrett bei einem Auftritt in Montreux, 2002: Bitte Ruhe!

Foto: ANDREE-NOELLE POT/ ASSOCIATED PRESS

Man kann trefflich darüber streiten, was ein Konzert ist. Man darf diesen Streit nur nicht mit Keith Jarrett führen. Ist es Entspannung? Zerstreuung? Darf es gar Unterhaltung sein? Oder eher harte Arbeit, Qual, kräfteraubender Verschleiß?

Die Mehrheit der Menschen sieht es sicher so: Der da vorn darf sich abrackern, ich lehne mich zurück und relaxe. Wer so denkt, sollte niemals auf ein Solo-Konzert des Jazz-Musikers Jarrett gehen. Denn der hat den Anspruch, dass das Publikum Teil seiner künstlerischen Menschwerdung wird. Wann immer Jarrett Solo-Konzerte gibt, versteht er diese nicht einfach als Darbietung seines pianistischen Könnens, sondern als kreative Neuschöpfungen - mindestens als das. Und daran hat das Publikum bitteschön mitzuwirken - und sei es nur als demütig staunender Resonanzkörper im Konzertsaal.

So war es auch am Montag in der Berliner Philharmonie. Nach seinem letzten Solo-Konzert in Frankfurt am Main vor zwei Jahren kam Jarrett nun anlässlich des 40-jährigen Jubiläums seines Plattenlabels ECM für dieses eine Konzert nach Deutschland. Solo-Konzerte von Keith Jarrett sind immer so etwas wie sakrale Momente. Seit seinem berühmten "Köln-Concert" erstarren die Fans vor Ehrfurcht vor so viel Improvisationstalent und der Gabe, komplizierte pianistische Läufe in melodiösen, ja fast eingängigen und zum Teil rührenden Stücken zu verpacken.

Auf der Suche nach dem roten Faden

Mehr als 30 Jahre hatte sich Jarrett geziert, wieder in Berlin aufzutreten, zuletzt war er in den frühen siebziger Jahren mit seinem Quartett im Rahmen des Jazzfestes dort. Damals mochte er das Publikum nicht sonderlich, die Halle war ihm suspekt, und dass das Fernsehen und der Rundfunk die Konzerte aufzeichneten und später sendeten, störte den Meister des situativen Moments kolossal. Jetzt dagegen waren die Bedingungen geradezu fabelhaft. Längst hat sich unter den Jarrett-Jüngern herumgesprochen, dass bei seinen Konzerten nicht nur der Künstler hoch konzentriert sein soll, sondern das Publikum ebenso. Das heißt, Huster und Schwadroneure blieben gleich freiwillig zuhause. Und weil niemand es sich mit dem Amerikaner verscherzen wollte, blieben auch Handys und Digi-Cams ausgeschaltet in der Tasche. Selbst Fernsehen und Radio waren ausgesperrt.

Es hätte also ein schöner Abend werden können.

Doch nach dem ersten - gut 20-minütigen - Stück war er schon wieder zu Ende. Kaum setzte Jarrett zur zweiten Improvisation an, einer sanften Ballade, brach er ab, erhob sich, schlenderte zum Mikroständer und schleuderte eine Ermahnung ins Auditorium: "Konzentration ist eine lustige Sache", sagte Jarrett. "Sie bedeutet, sich von Stress frei zu machen. Da draußen in der Welt ist genug Stress. Aber nicht in diesem Raum."

Was war geschehen? Hat es doch jemand gewagt, sich in die Stille hinein zu räuspern? Hat sich jemand auf seinem Stuhl bewegt und er knarzte? Raschelte vielleicht eine Jacke auf dem Schoß eines Zuhörers. Man weiß es nicht.

Klar war nur, dass es kein entspannter Abend mehr werden würde. Das Publikum war fortan mehr mit der eigenen Beklemmung beschäftigt als mit dem Genuss der Musik. Natürlich: Jarretts Solo-Konzerte sind vollständig improvisiert. Wenn er auf die Bühne geht, hat er kein Konzept, sagt er. Der rote Faden spinnt sich erst während des Spiels und je idealer die Bedingungen, desto länger und schöner wird der rote Faden.

Nur gewinnt man als Zuhörer zunehmend den Eindruck, Jarrett befasst sich mehr mit den Bedingungen, als mit der Suche nach Konzepten und dem roten Faden für sein Spiel. Da! Ein Klappern irgendwo. Abbruch. Dort, doch ein Husten! Abbruch. Ansprache. Wie ein Zuchtmeister wendet er sich ans Publikum: "Vielleicht denken Sie, das hier ist einfach für mich, weil ich es schon so oft gemacht habe. Ist es aber nicht." Später gefällt ihm mitten im Spiel plötzlich der Klang seines Pianos nicht mehr und er beordert einen Klavierstimmer auf die Bühne. Dann entdeckt er irgendwo den Red-eye-Reducer einer Digitalkamara und fordert den Besitzer auf, sie seinem Nachbarn zu geben, damit er ab jetzt unschädlich ist.

Eine gewisse Arroganz

Jarrett will, dass man ihn wegen seiner Musik ernst nimmt, er definiert sich über seine Kreativität. Doch genau solche Mätzchen verstellen den Blick auf den genialen Improvisateur. In der Pause unterhielt sich im Foyer der Philharmonie kaum jemand über die Musik, aber viele über das Gewese, das Jarrett regelmäßig auf seinen Konzerten veranstaltet. Nach der Pause hat sich Jarrett offenbar mit dem Publikum versöhnt, die erste Improvisation danach ist der Höhepunkt des gesamten Konzertes. Allein dafür hat sich der Besuch gelohnt, wenngleich ein durchschnittlicher Ticketpreis von 100 Euro sicher ein hoher Einsatz für 15 Minuten Glück sind. Nach zwei weiteren Improvisationen begibt sich Jarrett jedoch auf die sichere Seite und spielt keine reinen Improvisationen mehr, sondern er improvisiert lediglich über Klassikern wie "My Song" oder "Sophisticated Lady" oder dem erdenschweren "True Blues".

Warum gibt er überhaupt noch Solo-Konzerte, wenn die Bedingungen seiner Ansicht nach doch so widrig sind? Manfred Eicher, Jarretts Produzent und Gründer des Jazzlabels ECM hat eine simple Erklärung. "Die Leute in Japan, Frankreich oder England können besser zuhören als die Deutschen", sagt er. Dort würde niemand einfach in den Schlussakkord hineinklatschen. "Das ist eine gewisse Arroganz des deutschen Publikums, eine Missachtung der künstlerischen Leistung."

Dafür gibt es genau zwei Auswege. Jarrett könnte künftig seine Improvisationen entweder ausschließlich im Studio einspielen und seine Fans per Tonträger erfreuen. Oder er bringt sich beim nächsten Mal japanisches Publikum mit.