Gute Entscheidung Simon Rattle wird Chef der Berliner Philharmoniker

Der britische Dirigent Simon Rattle ist zum Nachfolger von Claudio Abbado als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker gewählt worden.

Von Bettina Koch


Jugendlicher Chefdirigent: Simon Rattle
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Jugendlicher Chefdirigent: Simon Rattle

Berlin - Der erst 44jährige Musiker wurde in geheimer Abstimmung vom Orchester auf einen der begehrtesten Dirigentenplätze der Welt gewählt. Die Berliner Philharmoniker wetteifern mit den Wiener und New Yorker Philharmonikern um den Titel des besten Klangkörpers der Welt. Der sehr der modernen Musik verhaftete Dirigent tritt sein Amt im Jahr 2002 an und wird damit der sechste Chefdirigent des über 100jährigen Berliner Orchesters. Daniel Barenboim, der ebenfalls zur Wahl gestanden hatte, wünschte in einer nur zwei Sätze umfassenden Presseerklärung "allen Beteiligten viel Glück".

Im Februar 1998 hatte Claudio Abbado, der an diesem Sonnabend 66 Jahre alt wird, angekündigt, er wolle seinen Vertrag nicht verlängern. Er war 1989 nach dem Tod Herbert von Karajans an die Spitze des Berliner Orchesters gewählt worden. Schon damals war Simon Rattle gefragt worden, der die Berliner Philharmoniker erstmals 1987 dirigiert und dabei begeistert hatte. Er lehnte aber die Karajan-Nachfolge mit der Bemerkung "ich bin zu jung" ab - ebenso wie die Übernahme von Carlo Maria Giulinis Los Angeles Philharmoniker.

Stattdessen führte der in Liverpool geborene Rattle seine Kärrnerarbeit an dem bis dahin nur als englisches Provinzorchester bekannten City of Birmingham Symphony Orchestra weiter. Er dirigierte das Orchester in die internationale Spitzenliga und galt bald als größter lebender Dirigent Großbritanniens. Er wurde von der Queen zum Sir geadelt und bekam für sein Orchester eine für ihre außergewöhnlich gute Akustik berühmte Konzerthalle gebaut. Mit seiner verblüffenden Paarung von Charme und Könnerschaft nahm er schließlich das Publikum sogar für zeitgenössische Musik ein.

So veranstaltete er seit 1991 in Birmingham das Festival "Towards the Millennium", das jedes Jahr ein Musik-Jahrzehnt dieses Jahrhunderts ins Programm nahm - zuletzt auch Auftragskompositionen neuesten Datums.

Auch den Berliner Philharmonikern brachte er schon neue Flötentöne bei: So leitete er bei einem seiner 55 Gastauftritte mit den Orchester beispielsweise die Uraufführung von Sofia Gubaidulinas "Alleluja". Aber er hat nicht nur ungewohnte Neutöner im Programm. Im Sommer 1995 dirigierte er das traditionelle Philharmoniker-Konzert in der Berliner Waldbühne mit Werken von Bernstein und Gershwin. In Hinblick auf CD-Produktionen kann es für die Berliner Philharmoniker nur von Vorteil sein, wenn sie nicht die x-te Einspielung eines Klassikers in die Ladenregale türmen. Mit solchen ist Rattle zurückhaltend. Erst 1995 wagte er sich an seinen ersten kompletten Zyklus aller neun Beethoven-Symphonien.



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