Gwen Stefani in Malaysia Keusch, nicht cool

Kapitulation westlicher Werte oder wohlwollende Rücksichtnahme? Ganz entgegen ihrer Gewohnheit trat US-Sängerin Gwen Stefani in Kuala Lumpur in äußerst züchtiger Kleidung auf. Muslimische Studenten hatten gegen die freizügigen Bühnenoutfits des Popstars protestiert.


Kuala Lumpur - Die Pussycat Dolls sind Schuld. Weil die Tanz- und Gesangstruppe mit dem Platin-Album im vergangenen Jahr mit ihrer extrem körperbetonten Show auch in Kuala Lumpur Halt gemacht haben, musste der örtliche Konzertveranstalter umgerechnet rund 2000 Euro Strafe zahlen. Die Behörden des zum großen Teil muslimisch geprägten Malaysia hatten den Auftritt der Dolls als zu vulgär empfunden.

Die Sängerin Gwen Stefani, 37, hätte nun die Gelegenheit gehabt, einen Punkt nach Hause zu bringen. Den nämlich, dass es bei Popstars zum guten Ton gehört, sich sexy und lasziv zu geben. Gestern jedoch, bei ihrem Konzert in der malaysischen Hauptstadt, trat Stefani ("The Sweet Escape") ganz gegen ihre Gewohnheit in äußerst züchtiger Kleidung auf. Vor rund 10.000 Fans zeigte die für ihre aufreizenden Bühnenshows bekannte Künstlerin, die vor kurzem ihr eigenes Modelabel gründete, fast überhaupt keine Haut. Unter ihren Kleidern und Miniröcken trug sie schwarze Leggings. "Ich bin praktisch Malaysierin", rief Stefani der Menge zu, in der sich auch muslimische Mütter mit Kopftuch neben ihren Töchtern drängten.

Es geht auch um Sex

Der keusche Auftritt kam nicht von ungefähr. Man wollte öffentlichen Protest und weitere empfindliche Geldstrafen vermeiden. Die 10.000 Anhänger der nationalen Vereinigung muslimischer Studenten in Malaysia hatten bereits Tage vor dem Konzert vehement gegen die üblichen Bühnenoutfits der Sängerin demonstriert. Die Studenten hatten aus ähnlicher Motivation heraus auch schon gegen Konzerte der Scorpions, der US-Rocker Linkin Park und Michael Jacksons mobil gemacht.

"Die Art wie sie tanzt, und sich anzieht – das ist nicht in Ordnung. Wenn unsere Teeanger das sehen, wird sie das zu schlechtem Benehmen anhalten", hatte einer der Islamisten erklärt, so dass Gwen Stefani nicht nur auf sexy Kleidung, sondern auch auf zu wildes Herumspringen auf der Bühne verzichtete. "Dabei weiß doch jeder, der mich kennt, dass es mir nicht darum geht, jemand anzugreifen. Ich will doch nur, dass die Leute Spaß haben", sagte die Sängerin der "Welt".

Klar, im Pop, anders als beim Rock'n'Roll, geht es vorrangig um Hedonismus, Luxus, schöne Oberfläche, Glanz und Glamour. Aber eben auch um Sex und seine Inszenierung. Zumindest in der durch medialen Voyeurismus geprägten Zeichenwelt des westlichen Kulturkreises.

Stefanis Selbstzüchtigung kann man also von zwei Seiten sehen: Vom kulturkämpferischen Standpunkt aus betrachtet, zeigt sich darin einmal mehr die Kapitulation des Westens vor dem Wüten fundamentalislamistischer Kräfte; vom integrativen Standpunkt aus muss man Stefani für ihre Rücksicht auf die religiösen Belange der malaysischen Glaubens-Majorität loben. Auch wenn das Motiv ihres Managements in Wahrheit wohl eher pekuniärer Natur gewesen sein dürfte: Ein wegen Studentenprotesten abgesagtes Konzert bedeutet schließlich den Verlust von Eintrittsgeldern. Insofern landet man am Ende aller kulturkritischen Überlegungen zu diesem Thema wieder bei der allregelnden Macht des Kapitals.

Was wäre eigentlich, wenn Stil-Ikone Stefani bei ihren Auftritten in Deutschland (ab 10. September) ebenfalls im keuschen Outfit auftreten würde? Gar nichts wäre. Im besten Fall laufen nächstes Frühjahr weniger Teenager mit bauchfreien Tops überm Hüftspeck durch die Einkaufszentren.

bor



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