Neuer deutscher Jazz Nimm's leicht

Im Jazz-Film "Whiplash" soll Drill den Meister machen. Schlagzeuger Haffner beweist mit seinem Cool Jazz jedoch, dass Gutes aus reiner Spielfreude entsteht. Auch der Trompeter Nils Wülker feiert die musikalische Mühelosigkeit.

Gregor Hohenberg/ ACT

Wolfgang Haffner erinnert sich noch lebhaft an die Jam-Session 1985 im Münchner "Allotria". "Wir spielten 'Groovin' High' von Dizzy Gillespie", erzählt der Schlagzeuger. Es sei gut gelaufen. Aber nach dem Stück habe Dusko Goykovitch gesagt: "Wir bedanken uns bei unserem jungen Freund aus Nürnberg." Dann bat der Trompeter den im Klub anwesenden Amerikaner Alvin Queen ans Schlagzeug, einen Superdrummer, der schon mit Horace Silver und Johnny Griffin spielte. "Da wurde mir klar, wie viel ich noch zu lernen hatte", erinnert sich Haffner. "Ich dachte damals: Lieber Dusko, wir werden uns wiedersehen." Er war glücklich, als ihn Goykovitch ein paar Jahre später anrief und ihm anbot, mit auf Japan-Tournee zu gehen.

So hat Haffner selbst erlebt, wie erfahrene Musiker auf jüngere einwirken. Im Gegensatz zum gerade mit drei Oscars ausgezeichneten Film "Whiplash", in dem ein fanatischer Schlagzeuglehrer seinen Schüler drangsaliert, hat er es nie erlebt, dass Ältere den Nachwuchs tyrannisieren. "Musikmachen hat mit Drill nichts zu tun", sagt Haffner.

Mit 49 Jahren hat er sich als Deutschlands vielseitigster Jazzdrummer etabliert, zudem als Bandleader, Komponist und Produzent. Für sein neues Album "Kind of Cool" holte er Goykovitch in seine Band. Der aus Jugoslawien stammende Münchner erhielt 2014 einen Echo für sein Lebenswerk. Der Trompeter ist 83, aber das ist ihm mitnichten anzusehen oder anzuhören. Für Goykovitch schrieb Haffner "Remembrance", den Schlusstitel der Platte.

Glücksgefühle bei "Summertime"

Ansonsten gibt es auf der CD vor allem bekannte Stücke, darunter "Summertime", "Autumn Leaves" und "My Funny Valentine". "Das waren Titel, die ich eigentlich nie aufnehmen wollte", sagt Haffner. Denn die seien mehr als genug gespielt worden, und es gebe eine Art endgültiger Versionen, etwa von Miles Davis oder Chet Baker. Doch dann hätten er und seine Kollegen Jan Lundgren (Piano), Christopher Dell (Vibraphon), Jukka Perko (Saxofon) und Dan Berglund (Bass) eine ungewöhnliche Freude beim Spielen empfunden. Über Stücke aus der Zeit des Cool Jazz zu improvisieren, bedeute ein "Nachhausekommen", sagt Haffner. Für sie alle war Cool Jazz ein Meilenstein zu Beginn ihrer Laufbahn. Haffner übte nach "Dave Brubeck live in Carnegie Hall", der ersten Jazz-Platte, die ihm geschenkt wurde. Und Goykovitch, der Senior der Session, hat noch mit Miles Davis gespielt.

Die Überraschung der rundum stimmigen CD ist das einzige Vocal-Stück. Max Mutzke bringt den Billy-Eckstine-Count-Basie-Song "Piano Man" (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Billy-Joel-Hit) im Stil eines ausgekochten Blues-Barden. Großartig, wie sich der von Stefan Raab entdeckte 34-Jährige entwickelt hat.

Auch auf dem neuen Album von Nils Wülker ist Mutzke dabei. Der Hamburger Trompeter Wülker könnte eine echte Konkurrenz für Deutschlands Vorzeige-Jazzer Till Brönner werden: Sein Instrument klingt fabelhaft, er schreibt wunderschöne Stücke - und bewegt sich wie sein berühmter Kollege in Richtung Pop. So werden im Pressematerial zu seinem Album "Up" zwar die acht Gastsängerinnen und -sänger herausgestellt, nicht aber die Namen der Bandmitglieder genannt. Konsequenterweise gibt es dann auch keine Instrumental-Soli (von der Trompete des Protagonisten abgesehen). Wülkers erstes Album beim Groß-Label Warner ist für ein breites Publikum geschneidert.

Jazz in persischer Sprache

Das gilt nicht für die ECM-CD "Phoenix". "Lautmalerische Gedichtvertonungen" nennt die "Süddeutsche Zeitung" die Musik von "Cyminology", der Band der deutsch-iranischen Musikerin Cymin Samawatie. Die 38-Jährige singt in persischer Sprache klassische und neue Lieder. Samawatie ging in Braunschweig zur Schule, besuchte aber immer wieder die Großeltern im Iran. Nach dem Musikstudium bildete sie eine Band mit dem Pianisten Benedikt Jahnel, dem Bassisten Ralf Schwarz und dem aus Indien stammenden Perkussionisten Ketan Bhatti. Zu dem Quartett kommt auf dem neuen Album Martin Stegner, der bei den Berliner Philharmonikern Bratsche spielt. "Unsere Musik ist etwas irgendwo zwischen Jazz, Weltmusik und klassischer Musik", beschreibt "Cyminology" den Sound der Band. Man kann sich hineinhören - und vielleicht auch begeistern!


CD-Angaben:
Wolfgang Haffner: Kind of Cool. ACT; 17,99 Euro.
Nils Wülker: Up. Warner; 18,99 Euro.
Cymin Samawatie & Cyminology: Phoenix. ECM; 18,99 Euro.

Tourneeangaben:
Nils Wülker:
11.4. Stuttgart, 12.4. München, 13.4. Freiburg/Br., 14.4. Osnabrück, 17.4. Hamburg, 18.4. Frankfurt/M., 19.4. Berlin, 20.4. Köln. Infos: Neuland Concerts.



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Yoroshii 01.03.2015
1. Er lebt!
Der Jazz lebt!
sekundo 01.03.2015
2. der letzte,
der in deutschland jazz von rang angeboten hat, war der grosse albert mangelsdorff. der hat abseits vom mainstream improvisert, experimentiert und virtuosität ohne gleichen gezeigt. till brönner und kumpane arbeiten dagegen eher als musizierende models- musik für die zahnarztgattin.
sekundo 01.03.2015
3. bitte
Zitat von YoroshiiDer Jazz lebt!
erklären sie mir, wie sie jazz definieren.
chaps 01.03.2015
4. Aha, die Jazz-Polizei
Zitat von sekundoder in deutschland jazz von rang angeboten hat, war der grosse albert mangelsdorff. der hat abseits vom mainstream improvisert, experimentiert und virtuosität ohne gleichen gezeigt. till brönner und kumpane arbeiten dagegen eher als musizierende models- musik für die zahnarztgattin.
Überlassen Sie es doch bitte jedem selbst, was Jazz von Rang ist. Es gilt den Jazz zu fördern und nicht über Jazzmusiker herzuziehen. Ansonsten hat sich das mit dem Jazz in Deutschland schnell erledigt. Ihre Meinung in Ehren aber auch Till Brönner hat sehr gute Platten gemacht.
sekundo 01.03.2015
5. es kann ja sein,
Zitat von chapsÜberlassen Sie es doch bitte jedem selbst, was Jazz von Rang ist. Es gilt den Jazz zu fördern und nicht über Jazzmusiker herzuziehen. Ansonsten hat sich das mit dem Jazz in Deutschland schnell erledigt. Ihre Meinung in Ehren aber auch Till Brönner hat sehr gute Platten gemacht.
dass ihnen die platten von herrn brönner gefallen. ob die auch gut sind, können sie wohl eher nicht beurteilen. ein urteil darf ich mir als berufsmusiker erlauben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.