Migrantische Symbolfigur Haftbefehl Weil er unsere Sprache spricht

Ein Gastbeitrag von Miriam Davoudvandi
Ein Gastbeitrag von Miriam Davoudvandi
Auf den Rapper Haftbefehl können sich Straße, Bürgertum und Feuilleton gleichermaßen einigen. Warum der Aufstieg des Frankfurters für junge Migrantinnen so wichtig ist - trotz seiner sexistischen Sprache.
Rapper Haftbefehl (2016): Unapologetisch kanakisch

Rapper Haftbefehl (2016): Unapologetisch kanakisch

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Paul Zinken/ picture alliance/ dpa

Es ist Sommer 2010, ich bin gerade 18 geworden und sollte mich eigentlich auf mein Abitur vorbereiten. Ich bin eine junge, migrantische Frau und verbringe meine Jugend in der baden-württembergischen Ödnis. Andere Schwarzköpfe auf dem Gymnasium? Kaum. In unserem Ort? Sowieso kaum Menschen. Anstatt zu lernen, träume ich von meinem Umzug. Ich google nach der deutschen Stadt mit dem größten Anteil an MigrantInnen. Es fehlt an Identifikationsfiguren.

Parallel dazu entdecke ich zum ersten Mal den Rapper Haftbefehl, damals Mitte 20, der in Offenbach und Frankfurt, rund 350 Kilometer von meinem Kinderzimmer entfernt, sein Zuhause hat. Er rappt in einem klassischen Straßenvideo auf YouTube : "Frankfurter Jungs, hungrig und stur, Mann." Sein Stil ist hypnotisierend und erinnert an französische Vorbilder - so etwas hatte ich hierzulande noch nie gehört. Er rappt aggressiv, teilweise unverständlich, er thematisiert die Drogen, das Leben auf der Straße und seine Herkunft: Kurdistan. Viele kommentieren unter dem Video abfällig: Wie rappt denn der? Wie sieht der denn aus? Seine Wut in der Stimme kommt mir bekannt vor, die Kommentare ebenso.

Zehn Jahre später: Haftbefehl, der eigentlich Aykut Anhan heißt, ist inzwischen ein etablierter Künstler. Letzte Woche ist sein fünftes Soloalbum erschienen, "Das weiße Album", mehr als nur eine Beatles-Hommage. Das letzte, "Russisch Roulette", wurde vor sechs Jahren von der Straße bis ins Feuilleton einstimmig als eines der besten deutschsprachigen Rap-Alben gelobt.

Aber nicht nur das: Haftbefehl wurde im Zuge seines Erfolgs für viele Migranten und Migrantinnen zu einer essenziellen Identifikationsfigur. Weil er unsere Sprache spricht. Weil er sich in seiner Kunst zu vielem positioniert, was uns beschäftigt, darunter Rassismus und das in der Rap-Welt oft tabuisierte Thema Depression. Er hat es geschafft, binnen einem Jahrzehnt von einer großen, bürgerlichen Masse akzeptiert zu werden - ohne sich anzubiedern, ohne weniger unbequem zu sein.

"Das weiße Album" hört sich so an wie das erste Essen schmeckt, das man bei Mama bekommt, nachdem man sie mehrere Wochen nicht gesehen hat. Man weiß, es wird gut und lecker, aber diesmal ist noch mehr Pfeffer drin. In der Videoauskopplung "RADW" gedenkt Haftbefehl der Opfer des rechtsterroristischen Anschlags von Hanau. Im Video zum Song "Conan x Xenia" sieht man Richter, die sich das rechte Auge verdecken, somit also gegenüber rechtem Terror blind sind, suggeriert er. Es wird mehr per Bildsprache kommuniziert denn je. Aber wir haben das erwartet, oder? Wir wussten, dass "Hafti" uns nicht mit unserer Wut im Bauch alleinlassen würde. Sein Album wird für viele erneut eine sehr gute Platte eines sehr guten deutschen Rappers sein. Für andere, wie mich, ist es auch Trost und Zuspruch in politisch aufgeladenen Zeiten.

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Man kann davon ausgehen, dass Haftbefehl die Rolle eines Vorbilds nie wollte. Gerade in der Musikbranche hört man oft den Satz: "Ich bin nicht politisch!" Die meisten wollen schlicht nichts Falsches sagen. Dennoch sind gerade viele Rapper qua Geburt schon ein Politikum. Haftbefehl, ein Sohn kurdischer Gastarbeitereltern, der sich von "unten" nach "oben" gekämpft hat, benennt in seinen Texten immer wieder soziale Ungerechtigkeiten und die Multidimensionalität von Kriminalität, die nicht nur aus der einfachen Formel "illegal = unmoralisch" besteht. Er ist, wenn auch wider Willen, politisch höchst relevant.

Dazu trägt vor allem seine Sprache bei. Schon vor Haftbefehl prägten Künstler aus dem Rhein-Main-Gebiet wie Azad oder Moses P. die Szene-Sprache durch Begriffe wie Babo (Boss), Chab oder Chabo (Junge) und Chaya (Mädchen), die ihren Ursprung in Teilen bei den Sinti und Roma haben. Wie diese Worte es in das Sprachrepertoire von Rappern geschafft haben? Auf den multikulturellen Straßen Frankfurts und in den bekannten Hotspots wie dem Bahnhofsviertel, der Konstabler- oder der Hauptwache kommen Menschen unterschiedlichster Hintergründe zusammen. Und entgegen allen Klischees werden hier nicht nur Haschischpäckchen, sondern auch Geschichten ausgetauscht.

Der Rapper schnappte diese Begriffe auf, addierte eigene Neologismen und Dialekt hinzu - und herauskam das Kunstwort "Kanackiş", so hieß auch Haftbefehls zweites Album. Ein riesiges Statement. Aus der Beschimpfung "Kanake", die sich hauptsächlich gegen sogenannte Gastarbeiter richtete, wurde eine stolze Selbstzuschreibung. Sein erstes Album war "Azzlack Stereotyp", Azzlack steht im Slang für "asozialer Kanake". Haftbefehl stilisierte diese Worte zu etwas Coolem. Auf einmal wollte jeder ein Azzlack sein. "Babo" wurde sogar zum Jugendwort des Jahres gekürt.

Rapper Haftbefehl zu Beginn seiner Karriere: Auf einmal wollte jeder ein "Azzlack" sein

Rapper Haftbefehl zu Beginn seiner Karriere: Auf einmal wollte jeder ein "Azzlack" sein

Foto: Geturshot/ picture alliance/ dpa

Dabei hatten sich gerade zu Beginn viele darüber mokiert, dass man Haftbefehls Rap kaum verstehen könne. Aber vielleicht sollte ihn auch nicht jeder verstehen. Man bekam das Gefühl, sein "Kanackiş" sei nur für diejenigen bestimmt, die diese Worte auch kannten, ohne sie im Internet nachzuschlagen: Die, die wissen, wissen. Das löste ein Zugehörigkeitsgefühl aus. Dass später sogar Politiker wie Fabian Giersdorf (CSU), die normalerweise alles außer Politik für junge migrantische Männer machen, Haftbefehls Sprache für Wahlwerbung nutzten, war natürlich absurd.

Allein seine Sprache signalisiert ja: Haftbefehl ist zwar über sein Milieu hinaus erfolgreich und in der bürgerlichen Mitte angekommen, bleibt aber dennoch unapologetisch kanakisch. Für ihn wurde das Märchen vom sozialen Aufstieg wahr, eine der am meisten erzählten Storys im Rap. Er hat es geschafft - Frau, Kinder, Haus, Garten, Urlaub in Dubai. Was ihn jedoch von vielen seiner Kollegen im Rap unterscheidet: Er grenzt sich nicht von seinem alten Ich ab. Der German Dream ging für ihn in Erfüllung - aber irgendwie auch nicht. Und das ist etwas, was sich viele MigrantInnen als Lebensmotto tätowieren lassen könnten.

Keine Anpassung, kein Zugeständnis, nix

Es wäre gelogen zu sagen, dass nicht viele von uns vor allem nach Akzeptanz im Bürgerlichen streben würden. Für mich waren Zeitungen immer ein Ort der Bürgerlichkeit, in dem MigrantInnen oft nur im Sportteil oder bei den Verbrechensmeldungen vorkamen. Plötzlich aber stürzte sich das Feuilleton auf Haftbefehl. Die Vorstellung, dass nun die Frankfurter Banker, über die er rappte, beim Frühstück Texte über ihn lasen, war köstlich. Begriffe, die bisher für Kunst und Hochkultur reserviert waren, las man nun in den Rezensionen seiner Alben. Auffällig oft wird er mit Schriftstellern verglichen. Es herrscht ein schwieriges Spannungsverhältnis zwischen der Exotisierung des Fremden und der Faszination dafür, vielleicht liegt es auch an der jahrelangen Unterschätzung des Potenzials von Rap. Es fällt den Kritikern offenbar schwer, einfach zu sagen: Das ist gute Musik.

Was Haftbefehl für mich so faszinierend macht: Das Bürgertum feierte ihn ab, aber von ihm kommt keine Regung, keine Anpassung, nix. Während ich mich noch um Assimilierung bemühte, schien ihm das alles total egal zu sein.

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Mit dem Lob der Feuilletons geht nun aber auch eine utopische Erwartungshaltung an die politische Figur Haftbefehl einher. Wird von einer weiblichen Autorin erwartet, dass sie auf Haftbefehls sexistische Ausdrücke hinweist? Natürlich. Die Illusion eines politisch korrekten Rappers muss platzen! Es ist aber falsch, vom Azzlack-Rapper aus Offenbach die Sensibilität eines Gender-Studies-Studenten zu erwarten. Fällt es mir jedes Mal auf, wenn er "Fotze" sagt? Ja. Stört es mich? Jein. Ich würde mir wünschen, es ginge auch ohne. Ist das, was er gibt, deutlich mehr als das, was stört? Auf jeden Fall. Empowerment muss nicht per se politisch korrekt sein. In seinen Worten: Er ist vermutlich ein "Engel im Herz, Teufel im Kopf".

Das Thematisieren des Teufels in seinem Kopf ist eine weitere Besonderheit Haftbefehls, die ihn gerade unter MigrantInnen so unentbehrlich macht: Er lässt Verletzlichkeit zu. Schon auf "Azzlack Stereotyp" rappte er: "Dieses Leben macht schizophren und suizidgefährdet", es ging weiter mit Songs wie "Depressionen im Getto". Auch heute, wo er scheinbar alles hat, was er braucht, bleibt ihm "Depression und Schmerz".

"Hör auf deinen Verstand, mein Sohn, anstatt auf deine Gefühle", ist nicht nur ein Songzitat, sondern ein Satz, den viele junge Männer von ihren Vätern kennen, ein Männlichkeitsgebot. In vielen migrantischen Communitys ist nicht viel Raum für psychische Gesundheit, man muss funktionieren. Viele MigrantInnen haben ihre "Babas" noch nie weinen gesehen. Ich meinen nur ein einziges Mal - als sein eigener Vater starb. Es hilft ungemein, dass ein gestandener Mann wie Haftbefehl einräumt, Depressionen zu haben.

Aykut, das heißt auf Alt-Türkisch Belohnung oder Geschenk. So kitschig ein abschließender Satz nur sein kann, aber viele MigrantInnen werden mir zustimmen: Der Name ist Programm.

Und übrigens: Ich zog damals nach Frankfurt.

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