"Soundclash" zwischen Haftbefehl und Sido So weit ist es mit Deutschrap gekommen

Gangster-Rapper gegen Chartstürmer, #Teamhaft gegen #Teamsido: Beim "Soundclash" in Essen haben sich Haftbefehl und Sido ein Wortgefecht auf zwei Bühnen geliefert - und eine Show, die viel über den Zustand des deutschen Hip-Hops verrät.

Red Bull/ Christoph Voy

Aus Essen berichtet


2015, das war im deutschen Hip-Hop das Jahr des Beefs. Nicht nur intern (wer hat heute wieder wen gedisst?), sondern vor allem mit der Außenwelt (das hat die Diskussion um Jan Böhmermanns Rap-Polizeivideo gezeigt). Am Donnerstagabend nun trafen sich in der Grugahalle in Essen zwei der bekanntesten Rapper Deutschlands zum Wortduell. Und Fans aus dem ganzen Land reisten an, um diesen Fight - den "Soundclash" - zwischen Sido und Haftbefehl zu sehen. Deutschrap AG, gesponsort von Red Bull.

Es ging um die Frage: Wer ist der beste Rapper im ganzen Land? Dafür wurde das Duell zwischen Gangster-Rapper und Chartstürmer inszeniert, zwischen #Teamhaft und #Teamsido. Natürlich war das kein echter Kampf, man schätzt sich nicht nur, man ist befreundet. Seit Haftbefehl Bart und Mütze trägt, sehen die beiden sogar ganz ähnlich aus. Die Show war kein "Thrilla in Manila", eher Rapperfressen in Essen.

Im Vorfeld gab es diverse inszenierte Streiche. Sido wurde während eines Presse-Promo-Termins ein unwissender und frecher Interviewer vorgesetzt, Haftbefehl mit dem dreisten Imitatsrapper "Abu Abiat" provoziert. Doch nicht nur wegen der Streiche fühlte sich die Veranstaltung wie ein Produkt des "Circus Halligalli"-"Neo Magazin"-Entertainment-Komplexes an.

Linke Ecke, rechte Ecke

Das ganze Konzert ist eigentlich eine Spielshow, moderiert von Comedian Enissa Amani und Charlotte Würdig, Sidos Ehefrau. Sido und Haftbefehl battlen sich mit ganzen Songs, dafür sind in der Halle zwei Bühnen aufgebaut.

In der linken Ecke: Sido, die Atze aus Berlin, einst Jugendgefährder bei Aggro, heute anständiger Familienmensch mit radiotauglichen Pophits. Sechs Alben in den Top 5 der Charts. Kein Techniker, aber ein solider Texter mit Charme.

In der rechten Ecke: Haftbefehl, der Offenbach-Brudi. Feuilleton-Liebling, Erneuerer der deutschen Sprache, Straßenprophet. Das letzte Album "Russisch Roulette" ging, Hype zum Trotz, nicht auf eins. Bei allem Widerspruch und Widerspruch des Widerspruchs: der interessanteste Rapper Deutschlands.

Zwischen beiden Bühnen: die Fans.

Was ein guter Disstrack kann

Spannend wird es, als Sido und Haftbefehl die Hipsterrap-Hymne "Easy" von Cro covern, mit der 2011 die Deutschrapwelle begann. Sie machen daraus einen Disstrack auf den jeweils anderen. Und zeigen damit: Gute Disstracks sind tatsächlich nur Rap-Rezensionen mit anderen Mitteln, weil sie Image und Werk des Opfers auf Widersprüche und Schwächen abklopfen.

Sido nennt Haftbefehl "einen Popstar wie Pur", der sich hart gibt, aber nie im Knast war und der nur "Hipster und Emos" als Fans hat. Haftbefehl reagiert darauf mit einem Cover von Sidos "Einer dieser Steine" und holt sich Olli Schulz auf die Bühne - da ist er wieder, der "Halligalli"-"Neo"-Komplex - und lässt ihn "du hast deine Rapkarriere verkackt - du bist nur eins dieser Schweine" singen.

Die gespielten Sticheleien, die Tiefschläge, die aufgeheizten männlichen Fans: Das ist kein Boxen, das ist kein Rap, das ist Wrestling. Und zu Wrestling gehört auch, dass sich niemand so richtig sicher sein kann, dass die zerbrochenen Stühle nicht doch echt sind.

Deswegen kippt die Stimmung merkwürdig, als Sido den Rapper Laas Unltd. - über dessen Status auf der Straße man nur wissen muss, dass er eigentlich Lars heißt - auf die Bühne holt. Laas liefert einen brutalen Vers über Haftbefehls Karriere ab: Der sei ein unoriginelles Gemisch aus dem französischen Rapper Booba und der Eastcoast-Legende Biggie und habe nur durch Major-Money Erfolg. Das finden Hafti-Fans gar nicht lustig und unterbrechen ihn mit lauten Rufen. Doch am Ende ist es Show, am Ende ist es Business. Da ist Deutschrap 2015 also angekommen.

Nur über Böhmermann redet niemand. Da hört der Spaß auf, vielleicht. Andererseits: Gerade der "Soundclash" beweist, dass Rapper über sich selbst lachen können. Die Halle muss nur groß genug sein.



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