Musikfestival Haldern Pop Die Schönheit vom Lande

Das Haldern Pop ist eines der schönsten und besten Festivals in Deutschland - weil es die Besucher mit Provinzcharme betört und mit einem Line-up aus frisch gebliebenen Veteranen und den wahren Stars von morgen begeistert.

Stefan Dürr/ Haldern Pop

Die schlechte Nachricht zuerst: Das Haldern-Pop-Festival, das am Donnerstag beginnt, ist längst ausverkauft. Als Trost bleiben der ab dem 1. Oktober 2014 beginnende Vorverkauf für die Ausgabe im kommenden Jahr - und der Livestream des Festivals, den SPIEGEL ONLINE dieses Jahr erstmals zusammen mit dem WDR Rockpalast überträgt (mehr dazu siehe unten). So gut wie sicher ist übrigens, dass auch für 2015 alle Tickets lange vor Festivalbeginn vergriffen sein werden, noch bevor überhaupt das Line-up bekannt ist. Denn in Haldern - und das ist der Unterschied zu all den großen Konkurrenzveranstaltungen - ist das Festival selbst der Star.

Musikern und Publikum gelten die Konzerte in der ländlichen Idylle am Niederrhein als Erlebnis der besonderen Art. Der britische Shooting-Star Tom Odell ("Another Love") etwa schwärmte im "Guardian": "Haldern ist wie ein kleines Glastonbury. Ich bin dort aufgetreten und will da auf jeden Fall wieder hin." Und Sven Regener jubilierte im Fachblatt "Spex": "Dieses Festival ist ein Wunder!"

In Haldern sind immer die gefragteren Newcomer der Saison am Start. In diesem Jahr geben sich zum Beispiel der Pop-Barde George Ezra ("Budapest"; musste wegen Krankheit kurzfristig absagen, Anm. d. Red.), der stimmgewaltige BBC-Talent-Poll-Gewinner Sam Smith ("Money On My Mind"), die Electro-Soul-Entdeckung Kwabs ("Wrong Or Wright") sowie die Indie-Hipster-Helden Chet Faker und Connan Mockasin die Ehre. Letztlich bieten die Haldern-Pop-Macher immer ein kurzweiliges Programm aus begehrten Newcomern und bewährten Veteranen.

Natürlich wäre es kein Problem, weit mehr als die begrenzte Anzahl von 6500 Tickets für das Provinz-Spektakel abzusetzen. Aber bei solchen Fragen beginnt das, was beim Haldern-Pop-Festival mindestens so wichtig ist wie die Musik: Haltung! Den Festival-Rahmen aufzublasen, kommt für die Verantwortlichen nicht in Frage: "6500 Tickets entsprechen der Größenordnung des Dorfes. Das auszubauen würde unsere Möglichkeiten übersteigen", sagt Stefan Reichman, der zu den Strippenziehern der Großveranstaltung nahe der niederländischen Grenze gehört.

Galerie von Berühmtheiten

Der 50-jährige Familienvater und Grafiker war einer der gelangweilten Halderner Ministranten, die Anfang der Achtziger beschlossen, etwas Schwung in ihre Dorfgemeinde zu bringen. Am Anfang waren das Partys, "Sausen", am Dorfrand, mit Plattenspieler, Lautsprechern und einem Satz Bierkästen. Weil sich die Veranstaltungen enormer Beliebtheit erfreuten, beschlossen die Partymacher, Bands an den Niederrhein zu locken. In den Anfangstagen reisten Künstler wie Element Of Crime, Fischer-Z, Tocotronic oder The Soundtrack Of Our Lives nach Haldern.

Der erste ganz große Wurf gelang den Ex-Ministranten, als sie 2004 die lichtscheuen Schotten von Belle and Sebastian in ihr abgelegenes Revier lotsten und das Festival folglich zum ersten Mal ausverkauft war. Seitdem ist nie ein Ticket übrig geblieben. Ein Triumph, der auch einer konsequenten Markenpflege zu verdanken ist. So wird in Haldern die Idee vermittelt, dass dort besondere Musiker zuerst zu entdecken sind, also lange bevor sie den sogenannten Mainstream erreichen. Als Beleg dient eine eindrucksvolle Galerie von Berühmtheiten, die hier vor dem großen Durchbruch Station machten: Mumford & Sons, Muse, Emilliana Torrini, Franz Ferdinand, Phoenix, Editors oder The Flaming Lips.

Andererseits wird in Haldern eben auch nicht jeder genommen. Als vor zehn Jahren einmal Sting angeboten wurde, lehnte man dankend ab. Das sei eine "schlaue Entscheidung" gewesen, meint Reichmann bis heute, denn für Kandidaten wie Sting sei Haldern nur ein Festival wie viele andere. Und genau das will das Haldern Pop eben nicht sein.

Letztlich geht es Jahr für Jahr erneut darum, was Haldern, mal abgesehen von der Größe, eigentlich von gigantischen Konkurenzveranstaltungen wie "Rock am Ring" unterscheidet. Was ist seine Klangfarbe? Welche Sponsoren soll oder darf man an Bord holen? Gern nimmt man sich Firmen aus der Region, Produzenten harter Alkoholika sind hingegen nicht erwünscht: "Natürlich sind wir finanziell oft am Limit, aber unsere Expansionspläne sehen anders aus", sagt Reichman.

Letztlich ist das Haldern-Pop-Festival vor allem eine große Liebeserklärung an die Provinz: "Das Dilemma mit kleinen Städten wie Haldern ist doch, dass viele junge Leute nach ihrem Abitur das Weite suchen", sagt Reichmann. "Es gibt aber auch die Leute, die bleiben und die keine Deppen sind. Letztlich steckt hinter unserem Festival die Idee, etwas anzubieten, das diese zwei Gruppen verbindet."

SPIEGEL ONLINE streamt, in Kooperation mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR), ab Freitag live vom Haldern Pop.

Zum Livestream mit allen Programminfos geht es hier entlang - bitte schon mal bookmarken!

Mit dabei sind bei uns unter anderem:

Honig: Der sanfte Barde Stefan Honig veröffentlicht beim Festival Label "Haldern Pop Recordings" sein neues Album.

My Brightest Diamond: Hinter dem Namen steckt die ambitionierte Amerikanerin Shara Worden, die bereits mit den Decemberists und Sufjan Stevens zu Werke ging.

Ewert & the Two Dragons: Die Folk-Pop-Band ist Estlands Version von Belle and Sebastian und sorgt besonders auf Bühnen zuverlässig für Euphorie.

Stephan Eicher: Der Schweizer wurde mal mit "Grauzone" bekannt und wandelte sich dann zum in Frankreich enorm erfolgreichen Indie-Rocker.

Lee Fields and The Expressions: Wer nie James Brown erlebte, bekommt bei diesem spät entdeckten Schwitz-Soul-Veteran eine Ahnung von der Kraft dieser Musik.

Fink: Zu den auffälligeren Skandinaviern der vergangenen Jahre zählt dieser Künstler. Er kombiniert eigene Songs mit Beats und großer Show.


Sondersendungen zum Haldern Pop im WDR-Programm: Radio 1Live berichtet am 10.8. von 18-21 Uhr; "Rockpalast"-Sendungen im WDR-Fernsehen am 17.8., 24.8. und 31.8. - jeweils ab 0.15 Uhr



insgesamt 2 Beiträge
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Loewenherz 06.08.2014
1. KoMMz
Zitat von sysopStefan Dürr/ Haldern PopDas Haldern Pop ist eines der schönsten und besten Festivals in Deutschland - weil es die Besucher mit Provinzcharme betört und mit einem Line-Up aus frisch gebliebenen Veteranen und den wahren Stars von morgen begeistert. http://www.spiegel.de/kultur/musik/haldern-pop-festival-in-rees-startet-mit-george-ezra-und-sam-smith-a-984589.html
Nichts gegen Haldern. Aber mit dem KoMMz bietet das beschauliche Aschaffenburg bereits seit 40 Jahren durchgehend das älteste, durchgehend stattfindende nicht-kommerzielle Festival Deutschlands in ähnlicher Größenordnung. Dank hunderter ehrenamtlicher Helfer. Und die Gewinne - zuletzt in Größenordnung um die 30000 Euro - gehen als Spenden an Projekte in aller Welt!
liawell 07.08.2014
2. Fink ist großartig...
...aber kein Skandinavier. Der Frontmann der Band stammt aus Großbritannien.
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