Hamburgische Staatsoper Poppeas Rom, ein Pappenheim

Mit seiner letzten Oper "L'Incoronazione di Poppea" stellte sich Claudio Monteverdi 1642 auf die Seite der unmoralischen, unvollkommenen Menschen. Makellos barocker Schönklang und zerborstene moralische Werte polarisieren heute noch - auch wenn die spaßgebeutelte Hamburger Neuinszenierung streckenweise eher von Pappe ist.


Nero (Jacek Laszczkowski) und seine Gespielinnen: Ob blond ob braun, er liebt und streichelt jeden Clown
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Nero (Jacek Laszczkowski) und seine Gespielinnen: Ob blond ob braun, er liebt und streichelt jeden Clown

Unbehauste, obdachlose Götter stromern zu Beginn durch das dekadente Rom zu Zeiten Neros. Ob Amor, Fortuna oder die spröde Tugend, alle drei suchen im Müll nach den Resten ihrer Daseinsberechtigung und finden wenig. Einzig Amor, Anwalt von Liebe und Lust, versprüht Optimismus inmitten von wenig wohnlichen Umzugskartons, die die Bühnenwelt dieser Hamburger "Poppea" bilden. Denn egal, ob bei Untertanen oder beim Herrscher selbst: Hier ist alles von schlichter Pappe. Leicht zu durchdringen, hellhörig und ein wenig flach. Und überall klebt Blut an den dünnen Wänden, mal breite brutale Streifen, mal neckische Händchen. Kein Ort für Moral, eher schon für Widerstand. Amor sprayt vorsorglich sein "tag" auf den großen Papp-Vorhang und setzt auf Spaß und Hoffnung. Naja, warum nicht. Tanzen wir eben auf dem Vulkan.

Der römische Kaiser des ersten nachchristlichen Jahrhunderts - bekannt als brutaler, rücksichtsloser Lüstling - hat sich die lockere, verführerische Dame Poppea in den Kopf gesetzt und will sie auch standesgemäß auf den Thron befördern. Poppea ist jedoch eine zielstrebige Frau, kein schüchternes, unterdrücktes Weibchen. Sie bricht nicht aus ihrer Welt aus, sie bricht ein in das Pappenhaus der Macht. Dabei bleibt natürlich das Personal in Gestalt der üblichen Opfer auf der Strecke - Ehefrauen, Geliebte, Freunde und Verwandte leiden Seelenqual, Verfolgung und Verbannung. Neros Lehrer und Berater, der Schriftsteller und Philosoph Seneca, muss gar einem Selbstmord-Befehl des Kaisers folgen, der sicherheitshalber vom Agenten des Chefs hinter dem Vorhang vollzogen wird: Ein buchstäblicher Mord, etwas plakativ und drastisch enttarnt von der Regie.

Biederbizarres aus dem Zadekfundus der siebziger Jahre

Die junge österreichische Regisseurin Karoline Gruber konnte bereits Lob und Auszeichnung von der Fachzeitschrift "Opernwelt" für ihre Arbeit ernten, doch hier spielen ihre Ideen den Monteverdi arg herunter, und bei aller Banalität und Zeitlosigkeit von Machtgier, Grausamkeit und Sinnentleertheit erscheint es fraglich, ob man denn diese offensichtlichen Inhaltsfrachten so pappendünn auf die irgendwie zu groß wirkenden Bühnenräume bringen musste. Bei der pflichtschuldigen Orgie im ersten Aufzug agiert das eigentümlich biederbizarr herausgeputzte Bühnenpersonal wie aus dem Zadekfundus der siebziger Jahre heraus, in den Kostümen ebenso schrillnormal volkstümelnd, was selbst als Parodie einer abgenudelten Verruchtheit ins Leere läuft.

Poppea (Elzbieta Szmytka) und Nero: Kein schüchternes, unterdrücktes Weibchen
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Poppea (Elzbieta Szmytka) und Nero: Kein schüchternes, unterdrücktes Weibchen

Der Nero, gar nicht mal nur unsympathisch als hyperaktiver, nervöser Knallkopf angelegt, arbeitet sich im AC/DC-Entengang Luftgitarre spielend über die Bühne - ob blond ob braun, er liebt und streichelt jeden Clown, und seine Poppea natürlich auch. Mit gepflegtem Rockerbart, leicht speckig im maßgeschneiderten T-Shirt als später Grungerocker aus dem Pop-Nirvana: Ja, so sind sie, die Superstars, wenn sie den Kontakt mit der Straße verloren haben. Da verblüffen den Verblendeten die aggressiven Liebes-Aktionen seiner eigenen Ehefrau Ottavia sowie vom Poppea-Mann Ottone und seiner Geliebten Drusilla derart, dass er ergriffen nur die Verbannung verhängt. Der übergroße Thron - man errät es, vergoldete Pappe, die auf Kartonstufen erklommen wird - gebührt fürwahr einer Herrscherin, die ihn auch souverän besteigt und sich ironisch harmoniesüchtig an ihren Kaiser schmiegt. Poppea und ihr Pappenheimer: ein Traumpaar, in der Tat. Mit ihm gemeinsam singt sie das himmlische Schlussduett, das über alle Verwerflichkeiten die Kuscheldecke schwingt. Keine Wertung, keine Verdammnis - das Leben ist so, wie es ist. Das war im Venedig des 17. Jahrhunderts, wo Monteverdi seine späten Werke schrieb, absolut in Ordnung.

Nero, ein Feuerwerker

Der Hamburgischen Staatsoper gelang mit der letzten Barock-Operninszenierung von Händels "Alcina" ein großer Regie-Wurf, der sich hier leider nicht wiederholt hat. Aber das Ensemble: Genial wurde der Nero als veritabler männlicher Sopran besetzt. Jacek Laszczkowski, als Countertenor mittlerweile zwischen Paris, London und Mailand erfolgreich, brillierte in seiner Rolle, die er sowohl stimmlich als auch als gezielt überagierender Kaiser-Geck komödiantisch und musikalisch bis zum Rand ausfüllte. Ein Feuerwerker. Auch das übrige Ensemble, vor allem die Drusilla (Sabine Ritterbusch) und natürlich Poppea (Elzbieta Smytka), überzeugte restlos mit Charme, Temperament und Sinn für Klamauk, wobei die Grenze zum tuntigen Kabarett-Ulk schon mal gern und bewusst gestreift wurde. Die arg überzeichneten Karnevalskostüme (Henrike Bromber) ließen auch gar keine Dezenz zu.

Umso sachdienlicher hatte der Orchesterleiter und Barockspezialist Alessandro De Marchi um Klang und Partitur der Oper bemüht, für die es keine verbürgte Handschrift des Komponisten gibt. Schon immer waren Dirigenten dazu gehalten, zu ergänzen und selbst zu komponieren. Instrumentalisten mussten improvisieren, weil es schlicht zu wenig Noten gab. De Marchis Musikerinnen und Musiker, deren großformatige Instrumente hoch aus dem Orchester aufragten, hatten sich nach anfänglichen Koordinationsproblemen bald freigespielt und sorgten für dichte, dennoch federnde und leichte Klangflächen.

Und wenn die notwendigen Additionen mal leicht nach Swing und "Mr. Bojangles" klangen: Herr De Marchi studierte zwar Cembalo und Orgel, aber er war auch Jazzpianist - Respekt! Es gab Momente von hinreißender Einheit, bezwingender und doch unerzwungener Schönheit in perfekter Einheit von Worten und Musik. Umso erstaunlicher, da die brillant eingepasste Ursula Hesse von den Steinen als Ersatz für die stimmbandgeschädigte Yvi Jänicke eingesprungen war. Die eine sang (aus der Orchester), die andere spielte im Playback - auch hier eine exzellenten Ensemble-Leistung. Brausender Beifall und viele Bravos für Sänger und Orchester, enttäuschte Buhs für die papierne, allzu federleichte Regie. Dennoch ein Erfolg, wie beim Pop: der Sound war super.



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