Hardcore-Rapper Böse Buben bürgerlich

Als Porno- und Gangsta-Rapper begannen sie ihre Karriere, jetzt sind sie Buchautoren und beliebte Talkshow-Gäste: Bushido und Sido haben den Mainstream erobert. Die einstigen Bürgerschrecks sind konsensfähig. Wie konnte das passieren?

Von Daniel Haas


Das gute Buch, was ist aus ihm geworden? War es nicht ein bildungsbürgerliches Utensil zur Sicherung kultureller Werte? Ein Garant für zivilisatorische Mindeststandards? Und dann: Hämorrhoiden, Masturbation, Analverkehr. Monatelang hielt sich Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete" an der Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste. Die Geschichte einer sexuell drastisch enthemmten Abiturientin verkaufte sich bislang über eine Million Mal.



Wenn der literarisch feinfühlige Mensch glaubte, es könne nicht mehr schlimmer kommen, wurde er nun eines Besseren belehrt: Roches Sekretionsprosa wich diese Woche den Memoiren des Deutsch-Tunesiers Anis Ferchichi, 29, besser bekannt als Bushido. In dem 430 Seiten starken Buch schildert der erfolgreichste Rapper Deutschlands seinen Aufstieg vom Kleindealer zum Großverdiener. Eine Erfolgsstory, die das Leben im Spätkapitalismus schrieb und ganz nebenbei ein Werk, von dem sich das Genre der Autobiografie nicht so schnell wieder erholen wird.

Bushido ist Gangsta-Rapper, seine Texte handeln von Gewalt, Sex und beschreiben, wie man schnell ans große Geld kommt. Seine Klientel dachte man sich deshalb lange als Teenies in sehr weiten Hosen mit sehr begrenztem Horizont. Lesen diese Kids überhaupt Bücher?

Nun ist Bushido nicht nur ein erfolgreicher Buchautor, er ist auch ein Dauergast in deutschen bürgerlichen Medien. Der "Stern" widmete ihm ein dreiseitiges Interview, die "Bild"-Zeitung begleitete sein Buchprojekt mit einer Staffel von Meldungen und Zusatzgeschichten, bei "3 nach 9" plauderte er mit "Zeit"-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo, Jörg Pilawa lud ihn in die ARD zum Deutschlandquiz. Am Donnerstagabend schließlich saß er bei Johannes B. Kerner. Konsensfähiger kann man nicht sein.


Den Trend hatte Bushidos Konkurrent Sido, 28, vorbereitet: Der Rapper mit der Totenkopfmaske verkaufte Hunderttausende Platten, veröffentlichte letztes Jahr ebenfalls eine Autobiografie und ist mittlerweile ein Liebling der deutschen Fernsehunterhaltung. Wenn er nicht bei Kurt Krömer Schnäpse kippt oder als Juror bei den "Popstars" Girls abkanzelt, verbrüdert er sich mit Michel Friedman in dessen Sendung "Friedman schaut hin". Dort sagt er dann Sätze wie "Kämpf dich durchs Leben" und "Drogen sind Scheiße". Anarchie klingt anders.

Erst krass, dann Konsens

Es muss also mehr sein als die Verehrung von Halbwüchsigen mit Groll gegen Schule, Staat und Eltern, die den beiden Stars das Glück der breiten Verwertung sichert. Und dass ihre Biografien einen so hohen Marktwert haben, dass sie umfassend einsetzbar sind zur Unterhaltung verschiedener Milieus, verrät womöglich mehr über die kulturelle Lage Deutschlands als über die Gesinnung der Künstler selbst.

Bezeichnend ist die Umdeutung der einstigen Jugendverderber zu Vorzeigekarrieristen. Noch vor zwei Jahren machte SPD-Sittenwächterin Monika Griefahn Jagd auf Sido und seine Kollegen vom Berliner HipHop-Label Aggro Berlin. Mehrere Alben landeten auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Sexismus, Rassismus, Gewaltverherrlichung lautete die Anklage auch bei Bushido, seine Songs wurden ebenfalls indiziert.

Diese Zeiten sind vorbei: Sidos letzter Hit "Augen auf" ist eine Anklage gegen lieblose Eltern, die ihre Kinder der Drogen- und Alkoholsucht überlassen. Die "Bild"-Zeitung druckte im Rahmen einer mehrteiligen Sido-Porträts den Text vollständig ab und adelte den einstigen Rüpelreimer zum Pop-Pädagogen. Bushido schimpft in seinem neuen Hit "Ching Ching" zwar immer noch auf Staat und Moral, erklärt in Interviews aber hartnäckig, dass er ein Geschäftsmann sei, der es mit Disziplin und Ausdauer zu etwas gebracht habe.

Damit sind die beiden Söhne alleinerziehender Unterschichtsmütter die perfekten Helden für eine Erbauungsgeschichte, an die in Deutschland keiner mehr so recht glauben wollte. Mögen die Faschos, die Ultralinken und der Arbeitnehmerflügel der Union noch so lange unken, Hartz IV habe große Teile der Bevölkerung in die endgültige Armut hinabgestoßen, hier lässt sich noch einmal ein Aufstieg aus eigener Kraft bewundern. Bushido hat mittlerweile eine Villa in Lichterfelde, Sido lebt mit Freundin im soliden Berliner Stadtteil Schöneberg.

Dass die meisten Songs der beiden weiterhin nach dem Muster des Gangsterdramas gestrickt sind, in denen sich harte Jungs mit Gewalt das nehmen, was ihnen Staat und Gesellschaft vorenthalten, stört nicht. Im Gegenteil: Für die verarmten Kids aus den Problemvierteln von Stuttgart bis Hamburg sind sie der Soundtrack für den kriminellen Verteilungskampf, zu dem es immer weniger Alternativen zu geben scheint.

Der Sound des Elends

Historisches Vorbild für diese Entwicklung sind die USA. Dort kürzte die Reagan-Administration ab Mitte der Achtziger rabiat die Sozialhilfe, investierte in die Rüstung und ließ ganze Stadtteile veröden. Die Folgen waren eine Crack-Epidemie und Rapper wie Ice-T und NWA, die in ihren Songs das soziale Elend beschrieben und damit Millionen scheffelten.

Was die Reaganomics für den amerikanischen HipHop, das ist die Agenda 2010 für deutschen Hardcore-Rap: Bushido debütierte mit seinem Erfolgsalbum "Vom Bordstein bis zur Skyline" (2003) fast zeitgleich mit der Verabschiedung von Hartz IV im Bundestag. Der Abstieg der sozial Schwachen und Schwächsten verläuft mit dem Aufstieg des Berliner Rappers auffallend parallel.

Und die Mittelschicht? Sie kann sich gruseln - und mental schon einmal wappnen für die kulturelle und wirtschaftliche Katastrophe. Vom Abstieg fühlen sich schließlich gerade jene bedroht, deren Erwerbsverhältnisse als gesichert gelten. Sie erleben den popmusikalisch präsentierten Sozialdarwinismus als Handlungsanweisung für den Ernstfall: So könnte es kommen - und kein Heiner Geißler wird uns davor bewahren.

Gerade die Ambivalenz zwischen der Übererfüllung bürgerlicher Normen einerseits und Outlaw-Posen andererseits macht Bushido und Sido so erfolgreich - und so vermittelbar. Dazu gehört auch die bewährte Hure-oder-Heilige-Doktrin: Frauen sind entweder Schlampen oder - wie die alleinerziehende Mutter - unantastbare Figuren einer beispiellosen Nächstenliebe. Freudianern muss hier angst und bange werden: der Vater als Leerstelle, die ungehinderte Fixierung auf die Mutter - das klingt nach einem Rückfall in vormoderne Zeiten, wo Ödipus noch nicht durch Kulturleistung zivilisiert wurde.

Das Mutter-Los

Aber ist nicht auch Gerhard Schröder, der erfolgreichste Parvenü der Berliner Republik, Sohn einer alleinerziehenden Mutter? Nicht von schlechten Eltern: Das heißt heute nicht mehr zwangsläufig mit Vater und Mutter aufzuwachsen.

Und wenn diese Familienverhältnisse dann noch mit einer protestantischen Arbeitsethik kurzgeschlossen werden, dann kann daraus sehr wohl eine Erfolgsgeschichte werden. Sido und Bushido gelten als Schwerstarbeiter, die peinlich genau über ihre Vermarktung wachen. Hinzu kommt die soziale Verantwortung, die man für den eigenen Clan - die Entourage aus Label-Kollegen und Freunden - und auch den Stadtteil übernimmt.

Letzterer wird in den Songs immer wieder beschworen: Tempelhof (Bushido) und das Märkische Viertel (Sido) sind die Orte, auf die man sich beziehen kann; Großstadtschollen der Sicherheit und Heimatersatz, vor allem für den Migranten, der immer schon mit einem gespaltenen Verhältnis zu seinem Herkunftsort klarkommen muss.

Die Scholle als Rückzugs- und Identifikationsraum: Diese Idee leuchtet auch dem Angestellten ein, der bei zunehmender Verflüchtigung seiner Arbeitswelt mehr im Internet zu Hause ist als sonst wo. Der Regionalismus von Hardcore-Rappern: eine wohltuende Nostalgie für Office-Menschen zwischen Bits, Bytes und Überstunden.

Und die lesen dann das Bushido-Buch? Wohl eher nicht. Aber sie werden es vielleicht kaufen, als cool-trashigen Fetisch, mit dem man hofft, jenes Unglück abzuwenden, das Bushido und Sido so vollmundig in Geld verwandeln.



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