Album der Woche mit Harry Styles So heiß, man könnte Eier drauf braten

Mit lässigem Funk und Siebzigerjahre-Rock kommt der Ex-Boyband-Sänger Harry Styles ganz bei sich selbst und seinem Superstar-Status an. »Harry’s House« ist unser Album der Woche. Und: das Debüt von Rapperin Finna.
Popkünstler Harry Styles

Popkünstler Harry Styles

Foto: Lillie Eiger

Album der Woche:

Harry Styles – »Harry’s House«

Schon der Anfang ist eine Unverschämtheit: »Music For A Sushi Restaurant« eröffnet das dritte Album von Harry Styles mit einem geslappten Funk-Bass, der direkt in die Magengrube zielt, ein Chor schrillt dazu »Baaaah-ba-baaaah«, als wäre man in der »Muppet Show« gelandet, wo diese irre Studioband mit dem schönen Namen Dr. Teeth And The Electric Mayhem lustig drauflosspielt, begleitet von den singenden Lupinen und Wassermelonen aus dem »Garden Song«. Styles fantasiert dazu von grünen Augen und frittiertem Reis, sitzt offenbar einer Angebeteten gegenüber und malt sich aus, wie er auf ihrer heißen Haut ein Spiegelei brät: »Green eyes, fried rice/ I could cook an egg on you«. Äh, ja.

Aber zum Äußersten kommt es nur selten in »Harry’s House«, schon im Eröffnungsstück begnügt er sich mit »just a taste«, später, in »Little Freak« sinniert er einem weiteren Flirt nach und stellt gentlemanlike fest: »You never saw my birthmark«. Allein das ist schon eine bemerkenswerte Zeile in einem Popsong.

Bemerkenswert ist aber natürlich so ziemlich alles, was Harry Styles betrifft. Der 28-Jährige aus dem britischen Kaff Redditch ist der vielleicht gültigste männliche Popstar zurzeit, ein zeitgeistiges Sexsymbol ohne Macho-Attitüde, ein modeverliebter Foodie mit Sonnyboy-Charme, der gern ältere Frauen datet und es als erster Solo-Mann auf das Cover der »Vogue« schaffte. Sein größter Hit war auch schon eine köstliche Frechheit, ein sommerlicher Song über den Zuckerkick, nachdem man eine saftige Melone geschlürft hat, Sex- und Drogen-Innuendos nicht ausgeschlossen: »Watermelon Sugar«.

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Wenn einer diesen Status der Unantastbarkeit erreicht hat, ist die Musik schon fast egal. »Harry’s House« wird ein bombastischer Charterfolg, jeder einzelne der neuen, von Kid Harpoon und Tyler Johnson hervorragend zwischen Retro und Moderne produzierten Styles-Songs, taugt zum Hit und wird auf TikTok zum Meme und von den zahllosen Teenie-Fans einer akribischen, atemlosen Textexegese unterzogen werden. Egal, was die Kritik schreibt oder mosert. Wenn es denn etwas zum Meckern gäbe.

Aber das Schöne an Harry Styles ist ja, dass er nicht nur etwas von Musik versteht, sondern auch noch weiß, wie er Kritiker damit entwaffnet. »Harry’s House«, das sei eine Hommage an den japanischen Popklassiker »Hosono House« von Haruomi Hosono, der 1973 so klingen wollte wie damals populäre US-Rocker wie The Band oder James Taylor. Allein diese Kult-Kuriosität zu kennen, ist ein Clou, den Styles bewusst gestreut hat, das traut man einem, der einst in einer Boyband (One Direction) bekannt wurde, nicht zu. Mit seinem dritten, gereiften, aber gleichzeitig auch bezwingend gelassenen Album dürfte er diese Herkunft im Seichten endgültig hinter sich lassen, so wie es vor ihm bereits Robbie Williams und Justin Timberlake gelang. Wo sein Debüt vor fünf Jahren noch zu viel wollte und »Fine Line« 2019 zu wenig, hält »Harry’s House« die richtige Balance zwischen präzisem Songwriting und zwanglosem Geplauder über Freundinnen, für die er mal den glühenden, sehnsüchtigen Lover gibt (»Cinema«), mal den beratenden Kümmerer (»Matilda«). So richtig deep ist das alles nicht, aber es wird Fans großes Vergnügen bereiten, Hinweise zu entschlüsseln, wer womit im echten Leben gemeint sein könnte. Styles war mal mit Taylor Swift zusammen, von ihr weiß er, wie man Tratschbömbchen legt.

»Harry’s House« ist natürlich auch eine Hommage an Joni Mitchells »Harry’s House / Centerpiece« von ihrem 1975 veröffentlichten Album »The Hissing of Summer Lawns«, das wiederum eine Hommage an den Jazztrompeter Harry »Sweets« Edison enthält. Sie merken schon: Das Interieur von Styles’ Bude mag auf dem Cover kopfstehen, aber seine Popreferenzen hält der Sänger und Songwriter in strenger Ordnung. Joni Mitchell twitterte kürzlich an Harry: »I like the title«, das ist als Ritterschlag der Queen jener Musikepoche zu verstehen, die Harry Styles am meisten verehrt.

Zu seinen erklärten Vorbildern zählen auch Stevie Nicks, Paul McCartney und Songwriter-Schelm Harry Nilsson – und all diese Einflüsse finden sich, zusammen mit viel Jacht-Rock, Achtzigerjahre-Soul und -Funk auch auf dem Album wieder: Die Ballade »Boyfriends« erinnert mit gepickter Gitarre an McCartneys »Blackbird« oder Simon And Garfunkel, »Cinema« klingt nach den Commodores der »Nightshift«-Ära, »Daydreaming« nach Earth, Wind & Fire, »Daylight« nach Steely Dans »Haitian Divorce« – und die Single »As It Was« ist letztlich eine dreiste, überdrehte Kopie des A-ha-Welthits »Take On Me«. Aber geschenkt. Die jüngsten Styles-Follower kennen das alles eh nicht – oder entdecken es durch ihn nun zum ersten Mal. Auch nicht schlecht.

»You know it’s not the same as it was«, singt Styles in diesem ersten Hit seines neuen Albums. Stimmt, nichts ist mehr, wie es war: Statt süß-klebrigem Wassermelonen-Saft gibt’s im Hause Styles jetzt guten, teuren Vintage-»Grapejuice« aus dem Laurel Canyon zum Dinner: »A bottle of rouge, just me and you«. Kann man kaum ausschlagen, so eine Einladung. (8.0)

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Kurz abgehört:

Finna – »Zartcore«

Zu den Mythen des Rap-Genres gehört, dass es ein Einzelkampf-Business ist. Die Hip-Hop-Geschichte ist voll von harten Kerlen, die sich aus prekären Verhältnissen zum Ruhm gereimt haben. Aber was ist, wenn man kein Kerl ist und gar nicht hart sein will oder kann? Die Hamburger Rapperin Finna hat jetzt ihr erstes Album »Zartcore« veröffentlicht: »Mache den Rap wieder soft und zart/ Fühl mal Gefühle und komm drauf klar«, formuliert sie darauf ihre sanfte, aber souveräne Mission: Es geht in den Texten der 31-Jährigen um psychische Probleme, Selbstzweifel, Body Positivity. In der Elektropop-Ballade »Mudda« thematisiert die queere Mutter einer neunjährigen Tochter ihren Konflikt mit der Rolle, die ihr die Gesellschaft vorschreibt: »Zieh’ mich sexy an, auch hinterm Kinderwagen/ Warum sollte ich jetzt nur noch Birkenstock tragen?«. Finna ist stolz darauf, ihren Weg allein gegangen zu sein: »Ey, das hab’ ich selbst gemacht, selbst verkackt, selbst geschafft«, trotzt sie in »D.I.Y.«, eine Punk-Abkürzung für »Do it yourself«. Als sie anfing, Musik zu machen, hatte die in Ahrensburg aufgewachsene junge Sängerin keine Lust auf den von Machos dominierten Rap, bis eine Freundin ihr feministische Hip-Hop-Künstlerinnen wie Sookee nahebrachte. 2015 gewann sie mit ihrer ersten Single »Musik ist Politik« einen Nachwuchspreis, eine psychische Erkrankung setzte sie bald darauf jedoch mehrere Jahre außer Gefecht. Sie legte an Gewicht zu und wehrt sich in wütenden Tracks wie »Overscheiß« nun ähnlich wie ihre US-Kollegin Lizzo mit fröhlich betonter Körperlichkeit dagegen, diese Fülle als Problem zu sehen. Nicht ohne Humor: »Ich hänge fett in Hamburg City!!!« postete sie Anfang der Woche auf Instagram  euphorisch zu einem riesigen Plakat ihres Albums in der Hansestadt. Im queerfeministischen Kollektiv Fe*male Treasure engagiert sich Finna auch als Netzwerkerin, damit Rapperinnen sich künftig nicht mehr einsam durchkämpfen müssen. »Ich bin emo, aber fighte«, rappt sie auf ihrem späten, wuchtigen Debüt. (7.7)

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Porridge Radio – »Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky«

Man sollte ihre albern betitelte Band Porridge Radio bitte nicht mit den aktuellen Postpunk-Acts in eine Rührschüssel werfen, sagt Sängerin Dana Margolin, sondern lieber mit Nu-Metal- oder Emo-Bands, die seien genauso »cringe« wie sie. Hört man sich durch ihr drittes Album, weiß man, was sie meint: Margolins näselnd-gepresster, immer am Rand des Heulens, Zähneklapperns und Wehklagens kratzender Gesang, ihre mitten ins Gesicht formulierten Selbstbezichtigungen, wie verzweifelt, eifersüchtig, frustriert oder auch einfach nur in jeder Beziehung schlecht sie sei, zerren mächtig am Geduldsfaden des Nervenkostüms. Die Band spielt dazu zunehmend hymnenhaften, gitarrenstarren Indierock, der so wenig innovativ ist, dass man ihn stumpf nennen könnte, was dann wieder zu den Lyrics passt. Denn natürlich wütet Margolin gegen alles Stumpfe, die Apathie, die Einsamkeit, die Selbstgespräche im Auto mit dem Radiomoderator »I’m bored to death let’s argue«, sang sie noch vor zwei Jahren in ihrem schön schnippischen Break-up-Song »Born Confused«, das zugehörige, ungeschliffen intensive Album »Every Bad« machte die Band aus Brighton zu gefeierten Szenestars. Streitbar bleiben Porridge Radio auch mit dem Nachfolgealbum, man könnte zum Beispiel argumentieren, dass sie aufpassen müssen, nicht zu viele Cranberries in ihren Schmerzschlagerbrei zu streuen. (6.9)

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Marina Herlop – »Pripyat«

Schon auf ihrem letzten Album »Babasha« zeigte sich die aus Barcelona kommende Musikerin Marina Herlop mit dem Track »Odessa« inspiriert von ukrainischer Folklore, ihre dritte Veröffentlichung, die erste auf dem Berliner Elektroniklabel Pan, trägt nun den Titel »Pripyat«, scheint sich also der nach der Tschernobyl-Katastrophe verlassenen und verwilderten Stadt nahe dem havarierten Reaktor zu widmen. Warum und mit welcher Intention? Das muss der Hörer dieser faszinierenden, aber auch reizvoll verschlüsselten Musik selbst erspüren. Erstmals entwarf Herlop, die zuvor für ihren eher neoklassischen Entwurf nur Piano und Stimme nutzte, ihre Tracks komplett auf dem Computer, experimentierte mit karnatischer Vokalmusik aus Indien, spielte mit eingestreuten Beats, zischenden Geräuschen, zerklüfteten Rhythmen. Das Ergebnis erinnert an den ähnlich interkulturell durchwirkten Hyperpop ihrer ebenfalls katalanischen Kollegin Rosalía , aber auch an die elektronische Folklore von Ibeyi. Und natürlich denkt man bei verschachtelten Chorälen wie »Miu« auch an die Klangkathedralen der venezolanischen Produzentin und Musikerin Arca. Wenn einem die aufregendste Pop-Avantgarde zurzeit also gerade spanisch vorkommt, hat das schon seine Richtigkeit. (7.9)

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Lykke Li – »Eyeeye«

Ganz lustig ist es, sich vorzustellen, man hörte diese 33, bewusst lo-fi und schrottig im Schlafzimmer produzierten Minuten, ohne zu wissen, dass sich dahinter die für ein paar Jahre lang erfüllte Pophoffnung von 2008 verbirgt: Würde man die Schwedin Lykke Li wohl aufgrund dieses Demo-Tapes, das gleichzeitig ihr Comeback nach vier Jahren ist, unter Vertrag nehmen? Puh. Potenzial wäre mit der niedlichen Balladenskizze »No Hotel« oder dem sich selbst einholenden Gesang in »Carousel« schon erkennbar. Aber verklimperte, mit viel Hall dramatisierte Klischeesammlungen wie »Highway To Your Heart« oder vergebliche Lana-Del-Rey-Versuche wie »5D« lassen dann doch Tiefe vermissen. Das ganze clever behauptete audiovisuelle Albumkonzept: auch nur palindromische Mätzchen. Bange Frage: Vielleicht waren die kreativen Flüsse, in die Lykke Li einst mit ihrem Remix-Superhit »I Follow Rivers« zu folgen aufforderte, ja immer schon ganz schön, aber auch flach. (5.5)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

Abgehört im Radio

Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM  ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).

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