Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Patches und Pins und Schnurrbärte: So sind sie halt, die Jungs von Dead Lord
High Roller Records/ Micke Rip

Patches und Pins und Schnurrbärte: So sind sie halt, die Jungs von Dead Lord

Von und Boris Kaiser


Dead Lord verneigen sich vor Thin Lizzy. Von Porcupine Tree bis Pink Floyd: Amplifier reisen durch ganz Proggistan. Long Distance Calling werden ein wenig zu aufdringlich. Exklusiv und komplett im Stream zu hören: das neue Clutch-Album "Earth Rocker". Und das rockt wirklich.

Dead Lord - "Goodbye Repentance"
(High Roller/Soulfood, erscheint am 5. April)

Ganz schön locker drauf: Weil das Schweden-Quartett Dead Lord bereits seit dem ersten Release, der letztjährigen 7"-Single "No Prayers Can Help You Now/Onkalo", sowieso für eine seltsame Reinkarnation von Thin Lizzy gehalten wird (Gottes Wege!), wagte es gleich den Schritt nach Dublin. Dort, in den Sun Studios, arbeitet mit Ola Ersfjord ein dicker Kumpel der Band, dessen Beziehungen weit reichen, sehr weit sogar. Zumindest so weit, dass er den aus (Ex-)Mitgliedern von The Scams, Enforcer, Morbus Chron und Kongh bestehenden Hardrockern sieben Tage Aufnahmezeit für ein paar Kisten Starköl besorgte. "Eine Woche reicht uns allemal", freute sich Hakim Krim, Sänger und einer der beiden Gitarristen von Dead Lord, im Vorfeld. Und wenig später pflasterte er mit seiner Hintermannschaft ohne Overdubs und doppelten Boden, live und in nur wenigen Takes acht Songs (Gesamtspielzeit: 40 Minuten) in die Aufnahmemaschine, dass man "Donnerwetter!" oder gerne auch "Thunder and lightning!" ausrufen will. Wobei: Die vier Skandinavier orientieren sich weniger am 1983er Schwanengesang Thin Lizzys, sie gehen noch ein Stück weiter zurück, zitieren die heftigeren Momente von "Jailbreak" oder "Johnny The Fox" oder "Bad Reputation". Dass Krims Stimme der von Phil Lynott in Timbre, Intonation und Phrasierung frappierend ähnelt, ist allerdings nur ein Grund für die stilistische Nähe, denn auch der immer feiste Groove der Iren und vor allem die knochentrockenen, in den aufregendsten Momenten gedoppelten Gitarren, für die Lizzy immer standen und die ja zum Beispiel Iron Maiden übernommen haben, finden sich auf "Goodbye Repentance" an allen Ecken und Enden. Die Highlights eines durchgehend starken Debüts: die eröffnenden Superhits "Hank" und "Hammer To The Heart", das bereits von der Single in anderer Version bekannte "Onkalo" sowie die zurückhaltende, diesseits der Kitschgrenze platzierte "Still In Love With You"-Verbeugung "No More Excuses". (Gesamtwertung: 8,5) Boris Kaiser

Anspruch: Den auf Platte leider schwächelnden Vanderbuyst den Rang ablaufen. Schon gelungen. (8)

Artwork: Weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund - und damit tatsächlich ansehnlicher als die meisten anderen Platten. (6,5)

Aussehen: Leder- und Jeansjacken, Patches und Pins, lange Haare und Schnurrbärte. Das mag nicht wirklich überraschen, aber so und nicht anders muss sich eine coole Hardrock-Band präsentieren. (7,5)

Aussagen: "Hank he lives again/ With help from his chemical friend/ Hank's at peace again/ But Hank, how will it end?" Wir erkundigen uns bei Gelegenheit bei Lemmy. Oder bei Mechthild Dyckmans. (7) Boris Kaiser

Clutch - "Earth Rocker"
(Weathermaker Music/ Soulfood, erscheint am 15. März)

Ich kenne Ben Wettervogel nicht persönlich und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das als großes Versäumnis werten soll, denn wer als Wetter-Mann für das "ZDF"-Morgenmagazin arbeitet und sich solch einen Nachnamen als Pseudonym ausdenkt, ist vermutlich ein Mensch, der viel zu viel Humor hat. Meine Zweifel daran, ob ich Wettervogel, oder Benedikt Vogel, wie er mit bürgerlichen Namen heißt, kennenlernen möchte, bekamen diese Woche zusätzlich Nahrung, weil Wettervogel am Montagmorgen, passend zu seinem superdupersonnigen Gemüt, mit launiger Tanzlehrer-Stimme den nahenden Frühling ankündigte, der, wie Wettervogel betonte, ja gewissermaßen schon vor der Haustür stünde, auf weitere Details seiner Ansage achtete ich danach schon nicht mehr, so froh war ich.

Und tatsächlich, er war ja da diese Woche, der Frühling, und was für ein Glück, dachte ich, nicht nur kommt die Sonne heraus, sondern sie kommt auch gerade noch zur rechten Zeit, denn dieses Album, das zehnte von Clutch aus Germantown in Maryland, darf nicht im Wintergrau versuppen, dachte ich, denn es strotzt voller Kraft und Saft, es ist ein grundoptimistisches Räkeln im Freien, es ist das erste T-Shirt des Jahres - diese Musik, war ich mir sicher, hören die Bäume im Mai, wenn sie ausschlagen. Also fummelte ich gleich am Montag, mit dem Frühlingsversprechen Wettervogels im Kopf, eine Lobpreisung auf die doppelte, also musikalische und meteorologische Frühlingsfrische zusammen, um "Earth Rocker" in dieser Kolumne zu präsentieren - ein Text, den ich wegschmeißen musste, als die Welt kurze Zeit darauf wieder im Grauingrau versank. Weatherbird (nein, auf Englisch klingt's nicht weniger beknackt) hatte mich Anfang der Woche einfach auf die falsche Fährte gelockt.

Egal, machen wir's halt ohne den toten Text, also kurz und knapp und deutlich. Clutch sind in ihrer Heimat viel erfolgreicher als hierzulande, was auch damit zu tun haben könnte, dass die Anhänger harter Gitarrenmusik in Deutschland, besonders in der Metal-Szene, eine Obsession mit Genre-Schublädchen haben. Wer sich aber im Lande der Dark-Suicidal-Paganesque-Northern-Death-Metal-Systematiker einer eindeutigen Zuordnung entzieht - so wie Clutch es bisher getan haben - hat dann schnell Schwierigkeiten, neue Freunde zu finden: Hä? Was machen die? Stoner Rock? Southern? Sludge?

Clutch: Ben Weatherbird? Nie gehört.
Jesper & Mathias

Clutch: Ben Weatherbird? Nie gehört.

Außerdem sehen die Jungs ja nun auch nicht unbedingt so aus, wie Metaller bei uns auszusehen haben, ihre Haare sind nämlich im Gesicht lang und nicht auf dem Kopf, irgendwie wirken sie insgesamt eher wie das Hausmeister-Team eines White-Trash-Trailer-Parks vor den Toren von Chicago oder Detroit. Oder, und das trifft es wohl am besten, wie ein typischer Underdog-Nebenheld in Stephen-King-Romanen- und Verfilmungen, so ein schweigsamer und daher als leicht beschränkt geltender Tankwart etwa, der aber an seinem Schulnebenjob in diesem Kaff nur deswegen 11 Jahre lang festgehalten hat, weil er seiner Mutter versprochen hatte, sie bis zu ihrem Tode zu pflegen, der deswegen sogar ein Elite-Uni-Stipendium ausschlug, und der irgendwann in der Mitte der King-Story sein Leben opfern wird, um andere zu retten, zum Beispiel, indem er sich den genetisch mutierten Killer-Meerschweinchen vermeintlich zum Fraß anbietet, nur um sich mitsamt seiner Tanke und ihnen in die Luft zu jagen. Oder ein ölverschmierter Trucker mit einem tadelnswerten Hang zu Schmuggelgeschäften und Körperverletzungen, dem im entscheidenden Moment sein gutes Herz zum Hals herauskommt, so doll schlägt es und der dann mit einem Lächeln im Gesicht und einem 37-Tonner unterm Arsch in die Armee anmarschierender Zombies rast, damit der Rest des Letzte-Überlebende-Grüppchens mit den verbliebenen fünf Gewehrkugeln ungehindert aus dem belagerten Haus flüchten können.

Das Clutch-Album direkt bei tape.tv hören.

Genau nach solchen Typen und solchen Filmen klingen Clutch auf diesem Album, sie hätten zum Beispiel in "Rhea M. - Es begann ohne Warnung" auftreten können, in dem die Technik auf Erden plötzlich ein Eigenleben entwickelt und wir sehen, wie tötungswütige Trucks ein paar Menschen in einer Raststätte belagern. Der Soundtrack dazu stammte übrigens von Atzedatze, was eine erste, sehr grobe Bezugsgröße ist, aber sicher nicht ganz die richtige und vor allem nicht die einzige. Werfen wir unbedingt Motörhead hinterher, auch eine Prise Mastodon, vor allem für die Stimme, und, oje, weil Clutch oft im besten Sinne so schön rund klingen, vielleicht soooogar Volbeat, aber ohne deren Rangewanze an den allerkleinsten Nenner und dafür mit echten Songs (sorry, Leute, nein: die gehen nicht, aber viel Spaß weiterhin in der ProSieben-Online-Community oder vor der "Ratten mit Matten"-Bühne beim Rattenfänger-Straßenfest in Hildesheim). Und dann tunken wir das Ganze in den nächsten Sumpf. Äh, ja. Clutch? Rock 'n' Roll. (Gesamtwertung: starke 7,5) Thorsten Dörting

Anspruch: Dicke Eier vertonen. (7,5)

Artwork: Der Cover-Artist, der den Indianer gemalt hat, hat mit dem Indianer nicht nur eine Friedenspfeife geraucht. (8,5)

Aussehen: "Hey, herzlich willkommen, Mann! Das hier ist Joey, dem "Peacemaker & Peacebreaker" gehört, der örtliche Waffenladen, und dahinten kommt ja auch schon Pete die Straße rauf, ihm gehört die Tankstelle am Ortseingang, der Supermarkt, der Arsch des Bürgermeisters, der Arsch der Tochter des Bürgermeisters und das Altenheim am Ortsausgang. Und dann sind noch Josh und Brad am Start, die haben sich auf kreative Immobilienentwicklung an der Ostküste spezialisiert und reisen deswegen erst morgen an, weil sie noch einen Auftrag in Boston erledigen müssen. Kleine Sprengung, ein altes Mietshaus. Wie, leerstehend? Nein, nein, ist es nicht. Deswegen haben sie ja den Job übernommen! Also: Wie sieht's aus, Kumpel? Schönes kühles Bier gefällig?" (9)

Aussagen: Bämbämbäm. (9) Thorsten Dörting

insgesamt 517 Beiträge
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Seite 1
Kuechenchef, 05.05.2011
1.
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Volker Paul, 06.05.2011
2.
Zitat von KuechenchefTides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
Shiraz, 23.05.2011
3. Frei ohne Titel
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
marks & spencer 23.05.2011
4. re
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
kingofmetal 24.05.2011
5. Nix Versteh
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
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