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Migrantische Musik: Kümmeltürken- und Knoblauch-Klischees

Foto: Archiv Trikont

"Songs of Gastarbeiter" Mir sagen Leute, du nix Knoblauch heute!

Deutschland entdeckt den Sound seiner Arbeitsmigranten: Auf "Songs of Gastarbeiter" besingen türkische Deutschländer die Knoblauch-Klischees und den Fließband-Akkord der Sechziger und Siebziger. Auf "Heimatlieder aus Deutschland" beschwören migrantische Chöre ein imaginäres Zuhause.

Das waren noch Zeiten: Als man in deutschen Unterhaltungstalkshows wie "Bios Bahnhof" noch türkische Familien einlud, um mit ihnen darüber zu plaudern, ob sie eher zurück in die Türkei gehen oder sich lieber integrieren wollten. "Wenn wir uns total anpassen und voll integrieren würden, würden wir unsere eigene Identität verlieren, und das möchte ich nicht", antwortet der 21-jährige Mahir Uslu in einer Sendung aus dem Jahre 1980 . Alfred Biolek hakte nach: "Ist das der Grund, warum Sie und Ihr Bruder einen Schnurrbart tragen? Damit werden Sie doch sofort als Türke erkannt!"

So war sie, die alte Bundesrepublik - höflich, aber bestimmt, wenn es um das Fremde ging. Bis weit in die achtziger Jahre hießen die Mitbürger mit Migrationshintergrund noch "Gastarbeiter" - ein deutscher Neologismus der Fünfziger, der per Sprachregelung dekretieren wollte, dass die, die kommen, auch bitteschön wieder gehen sollen. Noch in den Achtzigern habe die Regierung Kohl Pläne gewälzt, "die Zahl der Türken in Deutschland um 50 Prozent zu reduzieren", schreiben Bülent Kullukcu und Imran Ayata in den Linernotes von "Songs of Gastarbeiter Vol. 1 " (Trikont).

Das Album, das der Münchner Künstler und Theatermacher und der Berliner Autor und Werber zusammengestellt haben, hätte auch "Gastarbeiter strike back" heißen können, denn die 16 Songs aus den sechziger bis achtziger Jahren sparen nicht mit Kritik an den deutschen Zuständen. Die türkischen Migranten kamen "als Schweißer, als Hilfsarbeiter / Als Drecks- und Müllarbeiter / Bahnarbeiter - sie nennen uns Gastarbeiter / unsere deutsche Freunde" singt Ozan Ata Canani, der 1975 als 12-Jähriger nach Deutschland einwanderte. Und der von 1979 bis 1987 in Deutschland lebende Cem Karaca  ergänzt in seinem Song "Gastarbeiter": "Man brauchte unsere Arbeitskraft / Die Kraft, die was am Fließband schafft / Wir Menschen waren nicht interessant / Darum blieben wir euch unbekannt."

Manchmal in gebrochenem Deutsch - bisweilen als Kanak-Sprak sarkastisch überspitzt - und oft auf Türkisch beschweren sich die Almançi-Musiker, die "Deutschländer", über grantige Meister und Fließband-Akkord. Und nicht zuletzt klagen sie über das fremde Leben in Almanya, wie die Sängerin Yüksel Özkasap , die als "Nachtigall von Köln" ("Köln'ün Bülbülü") in der deutsch-türkischen Community der Sechziger und Siebziger große Erfolge feierte. Özkasaps Alben - herausgebracht von der Kölner Plattenfirma Türküola - bekamen mehrere Goldene Schallplatten - von der deutschen Öffentlichkeit natürlich völlig unbemerkt.

Unbekümmerte Kümmeltürken-Klischees

Viele andere Songs dagegen erblicken auf "Gastarbeiter Vol.1" erstmalig das Licht der Öffentlichkeit - oft sind es private Mitschnitte, aufgenommen mit Kassettenrekorder, ohne professionellen Anspruch. Aber um audiophile Aspekte geht's hier ohnehin nicht. "Songs of Gastarbeiter" will eine Art Retromania für die "Alamanya Türküleri", die "Lieder aus Deutschland" stiften, die damals eben nur im Wohnzimmer, im Wohnheim, auf Festen oder Polit-Veranstaltungen der türkischstämmigen Communitys gespielt und gehört wurden.

Die Songs, die bislang nur im kollektiven Gedächtnis der Elterngeneration existiert haben, können jetzt - wie man so sagt - Kultcharakter bekommen. Gerade auch, weil sie unbekümmert die Klischees des damaligen Inländer-Ausländer-Alltags verarbeiten: So wie Nudossi, Ampelmännchen und Karat das ostalgische Herz erwärmen, so wirken hier bisweilen die Kümmeltürken-Klischees der Sechziger und Siebziger als bizarr-vertraute Fundstücke. "Ich türkisch Mann / Nix deutsch sprechen kann", singt ein gewisser Yusuf auf einer Decca-Single aus dem Jahr 1977 . "Kümmel, Paprika, Knoblauch ess ich auch / Mir sagen Leute: Du nix Knoblauch heute!" Woher der Mann kommt? Ob er nicht gar ein Biodeutscher war, der sich einen Schnurrbart angeklebt hat? Man weiß es nicht.

"Songs of Gastarbeiter Vol.1" - der Titel verrät's - soll erst der Anfang sein. Über hundert Songs aus der migrantischen Vergangenheit der Bundesrepublik warten auf eine Veröffentlichung, versichern Bülent Kullukcu und Imran Ayata.

Heimat? Ein funky Loop

Da scheint das Projekt "Heimatlieder aus Deutschland ", das am Sonntag im Berliner Hebbel am Ufer ein großes Release-Konzert feiert, die logische Fortführung der Idee zu sein: Es versammelt 13 Musikensembles aus Berlin, viele Chöre darunter, deren Mitglieder Wurzeln in den Ländern haben, mit denen die BRD und die DDR einst einen Anwerbevertrag hatten. "Eingewanderte Folklore" lautet der Oberbegriff, den der Autor und Migrationsforscher Mark Terkessidis und der Labelbetreiber Jochen Kühling gewählt haben für ihr Projekt, das derzeit die Bühnen und Konzertsäle des Landes erobert.

Da ist der deutsch-polnische Chor Spotkanie, der seit 1989 deutsche und polnische Kunst-, Kirchen- und Volkslieder singt, da ist das kroatische Männer-Vokalensemble Klapa Berlin, das altdamatinischen A-cappella-Gesang intoniert, da gibt es das marrokanische Gnawa-Quartett, das Perkussionsensemble aus Mosambik und diverse Chöre mit vietnamesischem, koreanischem, griechischem, türkischem oder spanischem Liedgut.

Das wirkt einerseits wie eine Umverpackung des guten alten interkulturellen Begegnungsfestes der Siebziger und Achtziger, das man besuchte, um voll völkerfreundlichen Willens zu probieren, was uns die Ausländer aus ihrer Heimat an Speisen und Klängen mitgebracht haben. Andererseits geht es eben auch um eine Neudefinition von "Heimat": "Der gemeinsame Gesang diente dazu, den durch die Migration erfahrenen Bruch in der Kontinuität von Kultur und Erinnerung zu kitten und sich neu zu verorten", schreiben die Heimatlieder-Macher über die migrantischen Ensembles, die sie aufgenommen und auf die Bühne gebracht haben. "Und im gesungenen 'imaginären Heimatland' sind die Nachkommen aufgewachsen."

Diese gesungene Heimat wird noch ein bisschen imaginärer, wenn sie in die Finger von Remixern gerät. Unter dem Titel "New German Ethnic Music" hat das Elektroniklabel Karaoke Kalk die "Heimatlieder aus Deutschland" in Remixversionen veröffentlicht. Elektronikproduzenten wie Matias Aguayo, Eric D. Clark, Mark Ernestus oder Gudrun Gut - die Mehrzahl selbst mit migrantischen Roots - räumen mit der Idee von authentischen Traditionen auf sehr zeitgemäße Weise auf. Von der Folklore bleiben nur Versatzstücke: Hier ein funky Loop, da ein Stückchen Gesang im Echoraum, da ein dekonstruierter und neu zusammengesetzter Choral.

Heimat? Das ist das, woran man sich bedient, wenn man einen guten Track zusammenschraubt.


Heimatabend. Heimatlieder aus Deutschland: Record-Release-Konzert mit Sandra Stupa und Dusica Gačic, BTMK & Polyphonia, La Caravane du Maghreb, Klapa Berlin, Quan Ho Chor, The MahuGang u.a., Sonntag den 24.11. um 20 Uhr im Hebbel am Ufer (Hau 2), www.hebbel-am-ufer.de