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Herbert Grönemeyer in Berlin: Die tonnenschwere Mehrzweckhallenbewegung

Foto: Votos/ Roland Owsnitzki

Herbert Grönemeyer in Berlin Der Kämpfer im Roggen

In Berlin führt der erfolgreichste Musiker Deutschlands seine neue Tour auf. Unser Herbert: ein Mann, der seine Stimme schroten muss. Nicht nur Kämpfer, sondern Kampfbrot. Das Publikum ist schwer beeindruckt.

Herbert führt Herbert Grönemeyer auf. Es ist ein deutsches Theaterstück mit Musik. Seine Requisite, das ist ein komplett schwarzes Kostüm, Hose, Jackett, T-Shirt, dazu weiße Turnschuhe. Seine Rolle, das ist der Grönemeyer, der erfolgreichste Musiker Deutschlands, einer, der aber auch hart dafür arbeitet. In jeder Sekunde - Sekundenanstrengung.

Die Rolle, also der Grönemeyer, steckt dem Herbert irgendwie unter dem Bühnenboden, nur unter größter Kraftanstrengung kann er ihn während des stundenlangen Stückes aus dem Boden ziehen: "Ohhhh!", "Hmmm!", "Ahhhh!", brüllt er, während er zieht und zieht, er macht das mit dem ganzen Körper. Die Rechte hält dabei sein Mikrofon, die Linke schnellt nach oben, Zeigefinger raus.

"Das ist ein Turnier"

Körperspannung ist hier Körperverspannung, sie plustert seinen Mund auf, zieht die Augen zusammen. "Au, au, au! " Nur keinen Infarkt bekommen. Lieber sich ein bisschen warmlaufen. Den Steg in das Publikum hinein, ein bisschen Seil springen - ohne Seil, natürlich - wieder abbrechen. Da ist er, der Grönemeyer! Ihn kurz aufführen, sich dann freuen, dass es klappt, mit Gesten, wie sie sonst nur Boris Becker 1985 in Wimbledon gemacht hat.

Auf das Publikum geht diese Freude sofort über. Ab Song eins, ab "Sekundenglück", steht es und singt und klatscht. Das ist unfassbar selten. Aber Herbert Grönemeyer ist eine tonnenschwere Mehrzweckhallenbewegung, die mit Wucht auf einen einkracht. RUMMS. "Ay, ay, ay!" ruft Herbert. Danach erschöpft: "Ich spiele mich durch für Euch. Das ist ein Turnier."

Nicht alle Lieder singt er in der gleichen Intonation. Grönemeyer, das ist einer, der nicht singen kann, was mitunter schwierig zu spielen ist, für einen, der eigentlich ganz wunderbar singen kann, nur eben in einer ganz anderen Tonlage. Was er vor allem in der Kür - der Zugabe -zeigt, wo er bei einer angejazzten Version von "Flugzeuge im Bauch" auch höchste Töne trifft.

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Herbert Grönemeyer in Berlin: Die tonnenschwere Mehrzweckhallenbewegung

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Die Gitarristen, allesamt Breitbeiner

Aber für den Grönemeyer, da muss er halt grönen, also dröhnen, was machmal klingt wie rotzevoll aus einer Kneipe nach Hause kommen ("Vollmond"). Ein anderes Mal wählt er die Methode der Mauerschau. Will heißen, er geht dazu über, ein ganzes Lied nicht zu singen, sondern es nachzuerzählen. "Bleibt Alles Anders" etwa. Seine Sprachausgabe ist dabei sehr hoch gepegelt, er übertönt seine schweinerockende Showband.

Acht Männer. Acht Banddarsteller vor dem Herrn. Für keine Geste in die Kamera zu müde. Am gierigsten aber sind die Gitarristen. Allesamt Breitbeiner, die am genüsslichsten im zweiten Akt aufspielen. Dem von "Bochum" eröffneten "Männer"-Akt , den das Publikum lautstark singend mitträgt. Hier schrubben die Gitarristen ihre Saiten auf Gemächthöhe. Rücken an Rücken, im Windschatten vom Herbert, der sich blutend ins Mikrofon stirbt, bis er nach dem besoffen-aus-einer-Kneipe-nach-Hause brüllenden "Vollmond" mit einer Ballade das Licht ausmacht.

"Mein Lebensstrahlen" heißt sie, ist vom aktuellen Album "Tumult" (lesen Sie hier die SPIEGEL ONLINE-Kritik) und "das Schönste, was ich je geschrieben hab'", sagt Herbert. Er lobt sich selbst, für all die Anstrengung. Immer wieder. Er muss es machen. Im Backdrop erblüht dazu eine Pusteblume. "Das Lied kann noch wachsen", sagt er. "Hat Potenzial", sagt er. Ein Klassiker wird man nicht über Nacht.

Hymnen gegen den Rechtsruck

"Roter Mond" leitet den engagierten Akt des Abends ein. Also den gegen rechts. Herbert sagt, man erschrecke ja schon, was durch den eigenen Kopf für komische Gedanken zögen. Da müsse man "ballern" und "Haltung beziehen". Keinen Millimeter dürfe man nach rechts. Er singt sein deutschtürkisches "Doppelherz/Iki Gönlüm".

Und schließt mit "Mensch". Verhindert aber, dass das Publikum in allzu große Rührung ob seiner eigenen Spezies gerät, indem er nach drei Vierteln des Songs in allerlei Tiergeräusche ausbricht, die ihm das Publikum dann im Echo zurückspielt. Und so brüllen die Menschen wie Affen. Bellen sie wie Hunde. Und der Herbert hält einen auf die Bühne geworfenen Teddy auf dem Arm, den er in Folge für einen Affen hält.

Das reguläre Stück lässt er mit Fußball, mit der WM-Hymne von 2006 "Zeit, dass sich was dreht", enden. Es ist aber die Kür, in der Herbert sich durch den Grönemeyer erst am besten singen - und dann nicht mehr aufhören lässt.

Einen Song hat er noch. Und noch einen. Einen hat er noch? Hat er? Hat er. Hat er. Zu "Warum" erscheint im Backdrop ein Boxring im Ährenfeld. Es ist ein Bild, das Herbert Grönemeyer wie kein zweites treffend beschreibt. Er ist der Kämpfer im Roggen. Das Kampfbrot. Die geschrotete Stimme. Unser Herbert. Ay ay ay ay!

Die nächsten Tourtermine:

08. März: Bremen, ÖVB-Arena

10. März: Halle/Westfalen, Gerry-Weber-Stadion

11. März: Leipzig/Arena Leipzig

13./14. März: Köln/Lanxess Arena

16. März: Stuttgart/Hanns-Martin-Schleyer-Halle

17. März: Zürich/Hallenstadion

19./20. März: München/Olympiahalle

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