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Herbert Grönemeyer: Seelenton der Nation

Foto: Britta Pedersen/ dpa

Neues Grönemeyer-Album Hymnen für den Widerstand

Mit seinem neuen Album "Tumult" empfiehlt sich Herbert Grönemeyer als Gewissensbarde der Nation. Sanfte Chansons und agitierende Rhythmen werden zum Soundtrack gegen den Rechtsruck.

"Ich drehe schon seit Stunden, hier so meine Runden/ Es trommeln die Motoren, es dröhnt in meinen Ohren", sang Herbert Grönemeyer 1984 in "Mambo". Es war der letzte, lässig hingeworfene Song auf "4630 Bochum", dem ersten Erfolgsalbum des Sängers aus Göttingen, der als Kind in den Ruhrpott umzog. 34 Jahre später dreht Grönemeyer immer noch seine Runden. Was in seinen Ohren dröhnt, ist jedoch schon lange nicht mehr der Straßenverkehr, der ihn damals davon abhielt, zu "dir, mein Schatz" zu gelangen. Es ist das Grundrauschen dieses Landes, der Seelenton der Deutschen, den er versucht, mit seinen Liedern zu treffen.

Mit seinem 15. Studioalbum ist ihm das erneut gelungen. "Tumult" erscheint am 9. November, dem Schicksalstag der Deutschen. Zufall, sagt Grönemeyer, doch die Symbolkraft haftet. Die Plattenfirma bewirbt es als "hochpolitisch". Aber wer Grönemeyers Werk verfolgt, und das ist in Deutschland ein Millionenpublikum, der weiß, dass bisher noch jede Platte des Sängers Lieder enthielt, die den Raum des Privaten verließen, um dem gesellschaftlichen Zeitgeist nachzuspüren. 1993, mit dem Wiedervereinigungs-Kater und dem Neonazi-Hass von Rostock-Lichtenhagen noch in den Knochen, schrieb er eine Spotthymne gegen Rechte wie "Die Härte" ("Hart im Hirn, weich in der Birne") und fremdelte, im Song "Grönland", mit seiner verrohenden Heimat: "Frust und Gewalt legen Brände/ Ich will wieder nach Haus".

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Herbert Grönemeyer: Seelenton der Nation

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Vom "Chaos" zum "Tumult", das ist kein weiter Sprung, auch wenn für Grönemeyer ein längerer Lebensabschnitt in London sowie private Schicksalsschläge dazwischenliegen, die er 2002 unter anderem auf seinem erfolgreichsten Album "Mensch" verarbeitet hat. Spätestens seitdem hat ihn die Nation als ihren Gewissensbarden umarmt. Man mokiert sich gerne, wenn er knödelt und kehlt, man findet seine Tanzschritte auf der Bühne putzig (er selbst auch) - aber man weiß auch, was man an ihm hat: einen uneitlen Grübler, einen unbequemen Mahner, einen wortgewandten Tröster.

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Und weil er uns, sich selbst und damit die Trägheitsgesetze des allzu Menschlichen kennt, weiß er, dass er erst mal ein bisschen am Gemüt rütteln muss, bevor es ans Eingemachte geht. "Tumult" beginnt ganz vertraut, ganz harmlos mit sanftem Zirpen, den Frühlingsgefühlen und überschwappenden Herzen von "Sekundenglück", danach wendet er den Bochumer "Mambo" in den fröhlichen Berliner Zydeco-Groove von "Taufrisch". Seit neun Jahren lebt Grönemeyer in der Hauptstadt. "Warten bis der Tag bricht/ Und die Sonne sich regt/ Uns wiederbelebt/ Jetzt erst recht", blökt er da im Refrain, ein "Brüder zur Sonne, zur Freiheit", das den Ton für den Rest des Albums setzt. Denn es geht ihm, in dieser neuen, bleiernen Zeit von Angstdruck und Rechtsruck, um die Solidarität der Guten. "Gemeinsam sind wir frech", singt er - und meint natürlich auch "stark". "Gegen Augenwischerei" von AfD und anderen Populisten ruft er auf zur Zivilcourage.

Diese Selbst- und Volksanimation wird nach diesem Anschwung musikalisch diversifiziert und textlich vertieft. Die Musik, erneut mit Langzeitpartner Alex Silva komponiert, verlässt selten das gewohnte Grönemeyer-Terrain aus Synthie- und Piano-Pop, manchmal ("Bist du da") auch Schweinerock und Chanson ("La Bonifica"). Aber es gibt intensivere und zupackendere Momente als zuletzt auf "Schiffsverkehr" (2011) und "Dauernd Jetzt" (2014). Vor allem dann, wenn Grönemeyer in der urban-orientalisch wirbelnden Single "Doppelherz/ Iki Gönlüm" Verse und Refrain auf Türkisch singt und damit leidenschaftlich für offene (Herzens-)Grenzen und kulturelle Vielfalt wirbt.

Gefühlvolle Agitation

Den angespannten Diskurs der Gesellschaft - zwischen nationalistischer Ignoranz und weltoffener Toleranz - betrachtet er vor allem als "Geistesgefecht", sagt er im SPIEGEL-Gespräch : "Aufgescheucht und nervös, sind wir leichtes Futter" für die Agitation und Propaganda der rechten Scharfmacher. "Alles ist gefährlich/ Hasardeure haben gerade einen Lauf", singt er in "Leichtsinn und Liebe" über fatalistischem Elektro-Puls. "Ganz ruhig", ruft er immer wieder zwischen die Refrains von "Fall der Fälle". Selbst verunsichert, horcht er in diesem Lied tief in sich hinein, ob er selbst schon vergiftet wurde. Er "belauert die Gedanken/ Dass ihre Seele nicht erkrankt" und findet am Ende mit kecker Chorbegleitung zur klaren Haltung: "Verständnis ist nie schlecht, aber keinen Millimeter nach rechts".

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Wenn die Politiker versagen oder verzagen, sei jeder Einzelne gefragt, sich zu positionieren und das "Wartezimmer der Welt", in dem er hockt und darauf wartet, dass es besser wird, zu verlassen, wie es im gleichnamigen Song heißt: "Lange hat man selbst nichts getan/ Man nimmt stark an, die wissen, was sie tun". Es geht darum, sich aufzuraffen, den bequemen Raum zu verlassen: "Irgendwann stehen wir auf/ Obwohl uns noch niemand ausrufen ließ".

Wie dieser Aufbruch aus der Lethargie, der Aufstand der Gartenzwerge, wenn man so will, aussehen kann, erlebte Grönemeyer, als er vor einigen Wochen zum Abschluss der #Unteilbar-Demonstration in Berlin auftrat. 240.000 Menschen waren an dem Tag für Vielfalt und Toleranz auf die Straße gegangen. Zwischen "Mensch" und "Doppelherz" hielt Grönemeyer eine kleine Rede: "Wir sind ein sehr, sehr junges, zerbrechliches Land und wir haben uns unsere Freiheit über Jahre sorgsam gemeinsam erarbeitet. Sie ist nicht selbstverständlich oder in Stein gemeißelt. Wir stehen auf dem Prüfstand und es gilt viel zu verteidigen", sagte er, gar nicht mal so staatstragend, wie es sich hier liest, sondern bewegt und emotional, aus der richtigen Richtung besorgt.

"Tumult", das mit der besinnlichen Weihnachtsballade "Mut" endet, ist ein nachdenklicher, gefühlvoll agitierender Soundtrack für diesen Grönemeyer-TÜV des dröhnenden, unruhig laufenden deutschen Getriebes im Jahre 2018.