HipHop-Star 50 Cent Schulhof-Rüpel und Superheld

50 Cent ist das große enfant terrible des Rap-Geschäfts - und verkauft Millionen Platten. Gewalt und Glamour begleiten auch die Veröffentlichung seines neuen Albums "The Massacre". In New York kam es zu Schießereien, die besorgte Szene organisierte einen Friedensgipfel.

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Rapper 50 Cent: Der Künstler als Radaubruder

Rapper 50 Cent: Der Künstler als Radaubruder

Das Prinzip kennt man vom Schulhof. Zwei Rabauken mit Chefmentalität sind einer zuviel. Also wird aus fadenscheinigen Gründen ein Streit angezettelt, zwei Gruppen bauen sich auf - und bevor irgendwas passiert, schreitet meist die Pausenaufsicht ein. Über was genau sich 50 Cent und The Game vor zwei Wochen in die Haare bekamen, zwei der erfolgreichsten Rapper Amerikas und gemeinsam in der Gruppe G-Unit, dürften sie wahrscheinlich selbst nicht mehr so genau wissen. Die Behörden kamen auf jeden Fall zu spät, nachdem 50 Cent The Game öffentlichkeitswirksam in einem Interview mit einem New Yorker Radiosender aus der Gruppe geschmissen hatte. Auf dem Parkplatz vor dem Funkhaus kam es zu einer Schießerei, bei der ein Mitglied der The-Game-Entourage verletzt wurde.

Das Ghetto am Drücker

Wie tief der amerikanischen Hiphop-Gemeinde nach dieser Schießerei der Schreck in die Glieder gefahren sein dürfte, konnte man schon an dem Umstand ablesen, dass mit Reverend Run, einst Rapper bei den Hiphop-Pionieren Run DMC, und Russell Simmons, dem Begründer des Def-Jam-Labels, zwei der Überväter der Hiphop-Szene einen Friedensschluss organisierten. Auf einer Pressekonferenz kündigten 50 Cent und The Game vergangene Woche ein Ende der Feindseligkeiten an.

50-Cent-Kontrahent The Game: Drohen und ernst machen

50-Cent-Kontrahent The Game: Drohen und ernst machen

Es war eine Schießerei, die vor allem deshalb so bedrohlich wirkte, weil sie alle Züge des Konflikts trug, der in den Neunzigern schon einmal zu einem Hiphop-Bürgerkrieg zwischen Ost- und Westküste geführt hatte und für die Rapper Tupac Shakur und Notorious B.I.G. tödlich endete. Eine unklare Konfliktlage - abgesehen davon, dass sich beide voneinander respektlos behandelt fühlen, geht es substanziell um nichts -, die sich aber umstandslos als Krieg zwischen zwei Städten darstellen lässt: 50 Cent kommt aus New York, The Game aus Los Angeles. Natürlich geht es um Plattenverkäufe - wo geschossen wird, da hört man hin.

Insofern dürfte der Streit seinen Zweck erfüllt haben: 50 Cents neues Album "The Massacre" schoss von Null auf Eins der amerikanischen Charts. Auch The Games Platte "The Documentary" hält sich sieben Wochen nach ihrem Erscheinen noch immer in den Top Ten.

Zwischen Kunst und Knarre

Doch so kalkuliert hier mit dem Feuer gespielt wurde - im Fall von 50 Cent lässt sich der Künstler nicht vom Radaubruder trennen. Im Gegenteil. Wer glaubwürdig drohen will, muss es auch ernst meinen. Als wäre er ein düsterer Superheld, den das Zeitalter des Reality-Fernsehens aus dem Comic auf den Bildschirm übertragen hat, besteht 50 Cents eigentliche Kunst darin, mit traumwandlerischer Sicherheit auf dem schmalen Grad zwischen Inszenierung und Wirklichkeit zu balancieren. Unter Einsatz des eigenen Lebens lässt er die Mechanismen der Spektakelkultur gekonnt für sein Bankkonto arbeiten.

Mordopfer Shakur: Unklare Konfliktlage
REUTERS

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Das beginnt mit einer Biografie, die sich liest, als sei er für den Job des Gangsterrappers gecastet worden. Seinen Vater hat er nie kennen gelernt, seine Mutter wurde ermordet, als er acht Jahre alt war. Er wuchs bei seinen Großeltern, auf der Straße und in Besserungsanstalten auf. Sein Geld verdiente er mit dem Verkauf von Drogen. Und wie das an den Straßenecken des New Yorker Stadtteil Queens so üblich ist: Wenn gerade keine Kundschaft kleine Briefchen in die Hand gedrückt haben wollte, rappte er vor sich hin.

Schon bald war 50 Cent ein gesuchter MC für Mixtapes, die man in New York an eben jenen Straßenecken kaufen kann. Bis er 1999 zum ersten Mal für Aufsehen sorgte: Das Stück "How To Rob", in dem er so gut wie jeden Rapper beleidigte, der in New York ein Mikrophon halten kann, war ein sofortiger Erfolg, führte jedoch auch dazu, dass 50 Cent im April 2000 nach einer Schießerei mit neun Kugeln im Leib für mehrere Monate ins Krankenhaus musste.

Ermordeter Rapper Notorious B.I.G.: Opfer des HipHop-Bürgerkriegs

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Doch auf diesem Ruf ließ sich aufbauen, und mit "Get Rich Or Die Tryin'" spielte er 2003 eines der erfolgreichsten Hiphop-Alben aller Zeiten ein. Nicht zuletzt, weil es derart glaubwürdig mit der Drohung seines Titels spielen konnte - hier war ein wild entschlossener Ex-Krimineller, der sein Leben aufs Spiel setzt, um an die Spitze zu kommen und sich mit der Abgeklärtheit desjenigen, der dem Tod schon ins Auge geblickt hat, durchs Hiphop-Gelände kämpft.

Zur Unterstützung suchte er sich die G-Unit zusammen, einen Guerillatrupp von Rappern mit ähnlich bewegter Vergangenheit. Die Schießerei vor dem New Yorker Radiosender war nicht der einzige Vorfall, in den die G-Unit in den letzten Monaten verwickelt war. Im Dezember kam es in Los Angeles während der Verleihung der Awards des Magazins "Vibe" zu einer Messerstecherei. Der Täter war Young Buck, einer von 50 Cents Schützlingen.

Lässig und bedrohlich

Nun nützt die ausgefeilteste Künstlerpersönlichkeit im Hiphop wenig, wenn die Musik nicht ebenfalls überzeugend ist. Und tatsächlich ist es 50 Cent gelungen, einen ganz eigenen Sound zu definieren. Auch auf "The Massacre" kontrastieren die technoid-dunklen Rhythmusgerüste auf eine ganz besondere Weise mit Texten, die 50 Cent in einem immer leicht gelangweilt klingenden Singsang systematisch hinter dem Beat herschlurfen lässt. Das hat eine verführerischerische Lässigkeit und ist doch gleichzeitig unterschwellig äußerst bedrohlich. Etwas ähnliches dürfte ihm wohl auch für das Album-Cover vorgeschwebt haben, das ihn mit nacktem Oberkörper zeigt, wobei schwarzes Gestrichel seine Muskeln hervorhebt.

CD-Cover von "The Massacre": Unterschwellig bedrohlich

CD-Cover von "The Massacre": Unterschwellig bedrohlich

Dieses Bild unterstreicht aber vor allem 50 Cents Status als Superheld. Im Unterschied zu seinen gezeichneten Vorgängern ist er zwar mit keinen übernatürlichen Kräften ausgestattet. Dafür ist er aus Fleisch und Blut. Er hat wirkliche Schießereien überlebt, er hat wirklichen Erfolg und wirkliche Macht, wird deshalb von Feinden bedroht, deren Machenschaften er bekämpft. Kurz gesagt: Er erfüllt all die Begehrlichkeiten, die Zehnjährige seit jeher auf Superhelden projizieren. Auch das kennt man vom Schulhof.


Das Album "The Massacre" von 50 Cent ist am 7. März bei Interscope/Universal erschienen.



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