HipHop-Star Fler "Ich bin gerne der Bad Boy"

"Schwarz, rot, gold, hart und stolz" rappte Fler letztes Jahr und brachte Kritiker und Fans gegen sich auf. Auf seinem neuen Album wird Deutschlands umstrittenster HipHop-Star persönlich - mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Gewalt, Motivation und die Härte der Jugend.

SPIEGEL ONLINE: Letztes Jahr waren Sie in einem Video mit wehender Deutschlandfahne zu sehen, die Kritik war scharf bis niederschmetternd. Heute versinkt das Land in einem Flaggenmeer. Eine späte Bestätigung für Sie?

Fler: Ich freue mich darüber. Wenn ich jetzt durch die Straßen fahre, dann sehe ich, wie die Menschen miteinander klarkommen, wie jeder Flagge zeigt. Ich glaube, dass es für Deutschland eine gute Sache ist. Die Welt sieht jetzt, dass wir uns nicht mehr im Zweiten Weltkrieg befinden, dass wir ein gutes Land und gastfreundlich sind. Es gefällt mir, dass so viele verschiedene Menschen in den Straßen unterwegs sind. Die Deutschen bekommen dadurch gute Laune. Das hat mich ja oft aufgeregt an den Deutschen, dass sie mit allem unzufrieden sind. Aber wie der Titel meines Albums sagt: Ich bin ein Trendsetter.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch fehlen auf der aktuellen Platte Parolen wie "Schwarz, rot, gold, hart und stolz". Auch der Reichsadler und die Frakturschrift des Debütalbums sind weg. Ein Zugeständnis an die Kritiker, die gesagt haben, Fler liebäugelt mit den Rechtsradikalen?

Fler: Ich ziehe nicht den Schwanz ein, weil sich andere aufregen – im Gegenteil. Ich setze immer noch einen drauf. Am liebsten hätte ich mir noch einen größeren Adler besorgt. Aber mir geht es bei meinem neuen Album darum, die Leute zu überzeugen mit meiner Musik, ohne Skandal. Deshalb auch das neue Logo, ich will einen Neuanfang machen. Hätte ich wieder dasselbe gemacht, hätte ich zur Fußball-WM wahrscheinlich einen Überhit gelandet. Aber dann hätte ich nicht beweisen können, dass Fler mehr ist als der Typ, der nur schocken kann.

SPIEGEL ONLINE: Hooligans und Skinheads hat das bislang aber nicht abgehalten, bei Ihren Konzerten aufzutauchen.

Fler: In erster Linie bin ich Künstler, Musiker. Ich kann nicht für jeden Fan, der meine Musik hört, die Verantwortung übernehmen. Wer meint, diese Leute schaden unserem Land, soll etwas gegen sie tun, aber nicht mir die Verantwortung in die Schuhe schieben und auch noch sagen, HipHop ist schlecht für die Jugend, weil die Hooligans zu Fler gehen.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem umstrittenen Album "Neue Deutsche Welle" haben sich auch Teile der HipHop-Szene von Ihnen abgewandt. Sie galten als Nestbeschmutzer.

Fler: Ich bin gerne der Bad Boy, der Typ, bei dem alle sagen: Was für ein Prolet, was für ein arroganter Arsch. Das ist für mich HipHop. Wenn jemand aber sagt: Fler ist dumm, dann ist das arrogant. Kein Mensch auf der Welt ist mit Absicht dumm. Außerdem ist der Unterschied von Dummheit und Intelligenz für HipHop nicht von Bedeutung. HipHop wurde praktisch von den Dummen erfunden, von den Leuten auf der Straße, denen es schlecht ging und die einen Lebenssinn brauchten, etwas, womit sie ihre Zeit sinnvoll verbringen konnten.

SPIEGEL ONLINE: An der Rütli-Schule flogen letztes Jahr die Steine, Sie selber setzen sich gegen Gewalt und Drogen an Schulen ein. In Ihren Texten werden aber nach wie vor "Kilos vertickt" und Leute "kaltgemacht". Welche Moral wollen Sie den Jugendlichen denn nun vermitteln?

Fler: Wenn ich in Schulen gehe, dann stelle ich mich nicht hin und sage, macht eure Ausbildung, dann geht's euch gut im Leben. Weil das nicht die Wahrheit ist. Klar, macht euren Abschluss, es gibt ein wenig Sicherheit. Ich sage aber auch: Wenn Schule nicht euer Ding ist, dann macht euer eigenes Ding. Geht nicht zum Sozialamt und kassiert nicht Hartz IV, ihr müsst euren eigenen Plan haben, so wie Fler seinen eigenen Plan gehabt hat.

SPIEGEL ONLINE: Der Widerspruch bleibt: Auf der einen Seite sehen die Kids einen Star, jemand, der etwas aus sich gemacht hat – auf der anderen Seite den harten Mann, der keine Gnade kennt.

Fler: Wenn ein Rapper wie ich in die Schule kommt, wo die Kinder nur Grau sehen, graue Flure, graue Klassenzimmer, grauer Schulhof, dann können sie sich wenigstens am nächsten Tag sagen: Es ist zwar nicht cool, aber wenigstens war Fler hier. Wenn schon Fler in meine Schule kommt, dann muss an der ganzen Sache was dran sein. Wenn der hierher kommt, dann kann ich hier auch bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Mit Bildung haben Sie jedoch zumindest in Ihren Texten wenig am Hut. Es geht ums Business, ums große Geld.

Fler: Wenn du vorher nie was gehabt hast, dann bist du stolz darauf, dann willst du zeigen, was du hast. Und wenn nur ein einziges Kind auf der Straße sagt, ich fang jetzt an zu rappen, denn ich will auch so eine Kette wie Fler, dann ist das eine gute Sache. Das Schlimmste ist doch diese Perspektivlosigkeit. Die Kids müssen morgens aufstehen und sagen, ich mach was aus meinem Leben. Es geht nicht darum, dass die Eltern sagen, was du machst, oder der Staat. Das ist hier ein Riesenproblem: dass die Menschen nicht von alleine was machen wollen. In Amerika haben sogar die Ghetto-Leute was aus ihrem Leben gemacht, und das ist HipHop. Selbst der Typ, der an der Ecke steht und gebrannte DVDs verkauft, spielt eine Rolle im HipHop, auch die Frau, die abends in einem Strip-Club mit dem Arsch wackelt, spielt eine Rolle im Rap. Sie sind Teil eines größeren Zusammenhangs. Ich würde mich, freuen, wenn jeder Junge, der durch Kreuzberg oder Neukölln rennt, sich als ein Teil von HipHop sieht und etwas dazu beiträgt.

SPIEGEL ONLINE: Auf der einen Seite die Gesellschaft als hart und ungerecht kritisieren, auf der anderen ihre Anforderungen durch Konsum und Erfolg übererfüllen: Das ist doch paradox.

Fler: Es geht erst einmal um Motivation. Breite Kette, großes Auto, das sind doch nur Status-Symbole. Ich vermittle den Kids nicht, dass das das Einzige ist, was zählt. Sehen Sie sich Aggro Berlin an: Wir sind eine Gemeinschaft, eine Familie. Wir sind ein Independent-Label, seit Tag eins haben wir alles alleine gemacht, aber immer den Zusammenhalt untereinander groß geschrieben. Es ging nie darum zu sagen, Sido ist der Star oder Fler ist der Star. Nein, das Team ist der Star. Alle zählen, jeder einzelne Mitarbeiter.

SPIEGEL ONLINE: Aggro Berlin ist Marktführer im Gangster-Rap. Wie lange kann man die immer gleichen Kriegsgeschichten noch vermarkten?

Fler: Ich will nicht ewig der Typ sein, der einfach nur provoziert, sondern den Leuten zeigen: Ich mache gute Lieder, ich bin ein talentierter Künstler. Und ich sage den Kids die Wahrheit. Deshalb lieben uns die Jugendlichen: Weil wir sagen, was abgeht, in ihrer Sprache. Aber es stimmt: Die Menschen erreichst du auf Dauer nicht, indem du immer nur einen auf Gangster machst, sondern, indem du ihnen etwas gibst. Wenn ich darüber rappe, wie schwer meine Kindheit war, dann denken andere: Krass, wenn der mit so einer Scheißgeschichte was aus seinem Leben gemacht hat, dann schaff ich das auch.

Das Interview führte Daniel Haas


Das aktuelle Fler-Album "Trendsetter" ist am 23.6. bei Aggro Berlin erschienen

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