Ho99o9-Konzert in Berlin Mit Faust und Penis gegen das System

Ein Auftritt wie eine Urgewalt: Ho99o9 inszenieren sich als Schocktheater aus Hardcore-Punk, Hip-Hop und Horrorfilm. In Berlin trieb das US-Duo seine körperliche Präsenz auf die Spitze.

Roland Owsnitzki

Von Markus Schneider


Es war ein Moshpit, der den Namen verdiente: Kochend heiß, irre eng, so energiegeladen, dass die Umstehenden fielen wie die Kegel. Die Bühne des Berliner Klubs "Prince Charles" liegt keinen halben Meter hoch, und so konnte Eaddy, die muskulöse Hälfte des Punk-Hop-Duos Ho99o9, immer mal wieder umstandslos, schwitzend und fast nackt in die Menge springen und mitmachen: effektvolle Momente in einem hoch energischen Konzert. Dass es ein bisschen mehr war, erkannte man, als schließlich auch noch die Unterhose fehlte und der Künstler das Publikum in den letzten fünf Minuten mit frei hüpfendem Gemächt begeisterte.

Anlass des bemerkenswerten Auftritts am Montagabend war das kürzlich erschienene Albumdebüt "United States of Ho99o9". Tatsächlich stammten davon nicht wenige Tracks des Abends - prachtvoll finstere und wütende Songs, in denen galoppierende Hardcoregitarren spratzen wie in "City Rejects", zähe Trap-Beats kriechen wie in "Splash" oder derbe Industrial-Mutationen bollern wie in "Face Tatt". Dazu schreien und rappen Eaddy und sein Partner TheOGM meist unverständlich zorniges Zeug in die Mikrofone.

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US-Band Ho99o9: Sturm gegen Gleichgültigkeit

Live gab es dazu einen großartigen Drummer, aber sonst kamen alle wesentlichen Sounds, die kreischenden Gitarren ebenso wie die elektronischen Fiesheiten, aus dem tiefgelegten Sampler, über dem TheOGM buckelte. Er haute zwar leidenschaftlich auf seiner Gerätschaft herum; aber mehr als um Musik geht es bei Ho99o9 um die Performance, für die sie mittlerweile berühmt sind, und an deren Markigkeit sie seit 2012 feilen: "Du musst dich gefälligst da oben hinstellen und arbeiten", haben sie einmal in einem Interview gesagt. "Den Performertitel muss man sich verdienen!"

Ho99o9 leben seit längerer Zeit in Los Angeles, kennen sich jedoch aus einer Künstlergruppe ihrer Ostküstenheimat New Jersey. Dort wurden sie zunächst mit Hip-Hop sozialisiert, um danach dem Hardcore-Punk zu verfallen. Entsprechend erkennt man in ihren Tracks Achtzigerjahre-Einflüsse von Black Flag oder den Bad Brains, die sie auch gern covern. Natürlich erinnern sie auch an den wütenden Noise-Hop der Death Grips.

Ein ästhetisch ebenso auffälliger Einfluss, der live clever zum Tragen kommt, ist die Leidenschaft für Horrorfilme. TheOGM leitet viele der Stücke mit Grollen, Heulen, Stöhnen ein. Dazu wirft er seine Dreadlocks in den Nacken, reißt die Augen auf, zuckt und windet sich zombieesk in den Stroboskop-Blitzen. Er trägt zunächst ein Marilyn-Manson-T-Shirt als Minirock zum fedrigen Bolerojäckchen; später erweist er sich als drahtiger Gegenpart zu seinem muskulösen Partner, als er plötzlich nur noch lange Handschuhe, einen lose sitzenden BH und eine Unterhose auf Schambeinhöhe trägt - ganz beiläufig hat er über die Strecke des Konzerts einen derangierten Punkstriptease hingelegt.

Körperlichkeit des Auftritts

Das "Prince Charles" ist kein idealer Ort für einen Auftritt von Ho99o9. Statt Lärm und Lautstärke zu bündeln, öffnet sich der Raum flach zur Seite, so dass die dicht gepressten Geräusche ein bisschen zu viel Luft bekommen. Vielleicht fehlt wegen der niedrigen Decke auch der Salto, den Eaddy bei Konzerten gerne absolviert; vielleicht liegt das aber nur daran, dass die beiden, wie TheOGM ins Publikum klagt, nach langer Polenreise und einer durchgemachten Nacht im "Berghain", "ein bisschen müde" sind.

Die Körperlichkeit des Auftritts ist dennoch eindrucksvoll. "Unsere Präsenz", sagen sie, "ist als Statement gedacht. Wie bei Mike Tyson. Wenn der in den Ring stieg, war sofort klar, dass es böse wird." So sehr sie mit ihrer lächerlich anmutenden Raserei auf Chaos setzen - es herrscht kein Zufall, hier wird inszeniert.

Zwar bestreiten die beiden Amerikaner gern den politischen Kern ihres absurden Theaters. Aber unter allen Splattermotiven, zwischen Grausamkeit und Tod, toben sie auf dem Album auch ganz explizit gegen Rassismus, Polizeigewalt und staatliche Unterdrückung; im Video zum Opener "U.S.H." sieht man sie unter Elektroschocks, während eine Bildkollage die Kontinuität von Naziaufmärschen, Ku-Klux-Klan und Donald Trump behauptet.

Auf der Bühne schwingt in den verfremdeten Stimmen und Bewegungen bis hin zu den schweißglänzenden Muskeln auch die Geschichte der rassistischen Ikonografie mit - zwischen Superathleten und Zombies, von Jacques Tourneur bis Jordan Peeles "Get Out". Wie jede beste Unterhaltung wirkt auch dieser Auftritt als Katharsis und Befreiung - Ho99o9 stürmen gegen Erstarrung und Gleichgültigkeit. Und im Zweifel schütteln sie dem System immerhin Faust und Penis entgegen.

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insgesamt 4 Beiträge
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troy_mcclure 11.07.2017
1. Wow
Kritik um der Kritik Willen, um irgendwelche vermeintlichen Einflüsse hineinzuinterpretieren. Erinnert mich an "Hurz" von H. Kerkeling.
markseifert69 11.07.2017
2. leider geil....
waren ja nicht zum ersten Mal hier auf Tour. Ho99o9 sind ein grower!
augen-auf 11.07.2017
3. @troy_mcclure
Aha. Und woran machen Sie das fest? Oder ging es Ihnen beim Tippen nur um des Tippens willen?
arrache-coeur 11.07.2017
4.
"So sehr sie mit ihrer lächerlich anmutenden Raserei auf Chaos setzen - es herrscht kein Zufall, hier wird inszeniert." - So ist es. Alles nur Show, um sich von den anderen Bands abzuheben. Warum auch nicht, wenn es Leute gibt, denen es gefällt:-)
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