Hörspiel "Release" DSDS im Knast? Fast!

Annäherungsversuche im Jugendknast: Der Musiker Schneider TM suchte in zwei Berliner Strafanstalten nach talentierten Häftlingen und nahm mit ihnen HipHop-Songs auf. Das nun veröffentlichte Hörspiel "Release" dokumentiert die Aufnahme-Sessions eines Sozialarbeiters wider Willen.

Von Thomas Winkler


Musiker Dresselhaus (l.) mit "Release"-Gruppe: "Es war beeindruckend, wie ehrlich die mit sich selbst sind"

Musiker Dresselhaus (l.) mit "Release"-Gruppe: "Es war beeindruckend, wie ehrlich die mit sich selbst sind"

Der erste Gedanke ist: Sozialhilfe-Projekt. Ein Musiker, der mit Häftlingen aus Berliner Jugendstrafanstalten Songs erarbeitet und daraus eine Platte macht? Und wenn dabei dann - natürlich - HipHop rauskommt, wie immer, wenn ein Sozialpädagoge Jugendlichen mit Musik zu Leibe rückt; wenn das alles auch noch als Hörspiel dokumentiert und "Release" genannt wird, als hätte man es mit einem Drogenausstiegs-Initiative zu tun - dann scheint eigentlich alles klar zu sein.

Aber nein, dieses Missverständnis soll sich erst gar nicht verfestigen, darauf legen alle Beteiligten großen Wert. Vier Monate lang, im Spätsommer 2004, fahren Dirk Dresselhaus, besser bekannt als Schneider TM, und der Hörspielmacher Paul Plamper mitsamt ihren Aufnahmegeräten bis zu zwei Mal wöchentlich in den Bau. Im steten Wechsel geht es hin und her zwischen zwei Berliner Jugendvollzugsanstalten: Plötzensee, wo die beiden Insassen Ingo und Rados warten, und Lichtenberg, wo sich Sabrina und Mogli auf den Aushang gemeldet hatten und ausgewählt wurden.

Deutschland sucht den Superstar - im Knast

Mogli spielt Schlagzeug, Sabrina textet, Rados und Ingo rappen, man setzt sich auseinander, streitet, erzählt, bekennt und langsam geht es voran. Schneider nimmt auf und versucht, daraus Musik zu formen. Seine Freundin, die Schauspielerin und Sängerin Julia Hummer, steuert einen Refrain bei, Plamper schneidet den langwierigen Prozess später zu einem 54-minütigen Hörspiel zusammen, das auf einigen Sendern der ARD läuft und schließlich sogar in einem Berliner Theater aufgeführt wird. Reality-Radio, wenn man so will, das nun auf der Doppel-CD "Release" dokumentiert wurde - mit dem Hörspiel, den Songs, zahlreichen nicht verwendeten Aufnahmen und zwei nachträglich gefilmten Videos, in denen die Beteiligten dann doch noch Gesichter bekommen.

Nun könnte man sagen, das klingt als suche Deutschland einen neuen Superstar, nur diesmal eben im Knast. Diesen Eindruck galt es vor allem bei den Gefangenen zu vermeiden, sagte Dresselhaus, der früher mit Indie-Rockbands wie Hip Young Things und Sharon Stoned und zuletzt als Elektro-Produzent Schneider TM Szene-Berühmtheit erlangte. Zumindest Rados sah sich zwischenzeitlich schon als kommende Rap-Größe und stieß damit bei seinen Mitgefangenen auf wenig Gegenliebe. Doch als die Gefahr der überbordenden Egos erst einmal gebannt war, entwickelte sich das Projekt, so Schneider, schnell "bewusstseinserweiternd für alle Beteiligten, für mich auch. Es sind Türen aufgegangen auf beiden Seiten, viele Türen und das nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes".

Musiker Schneider TM: "Bewusstseinserweiternd für alle Beteiligten"

Musiker Schneider TM: "Bewusstseinserweiternd für alle Beteiligten"

Seine Erfahrung als Sozialarbeiter beschränkte sich bis dahin auf ein kurzes Praktikum in einem Jugendzentrum. Bei der Arbeit an "Release" erfuhr er in der Zusammenarbeit mit den Jugendlichen unter anderem "wie sehr unsere Gesellschaft gespalten ist". Vor allem die beiden Jungs ließen nur langsam ihre auf der Straße und im Knast erworbenen Masken fallen. Zuerst imitierten sie vornehmlich die Battle-Raps ihrer Vorbilder aus den Charts, erst später "musste nicht mehr alles cool sein", erinnert sich Schneider. Ingo rappt nun auch über seine Sucht zu lügen, und Rados reimt serbokroatisch über "Mein Leben". "Es war beeindruckend, wie ehrlich die mit sich selbst sind", sagt Schneider rückblickend.

Ingo stammt aus dem Berliner Problembezirk Märkisches Viertel, dem der Rapper Sido in dem Hit "Mein Block" ein zwiespältiges Denkmal gesetzt hat. Bevor Ingo in den Knast kam, war er bereits Teil der Posse um das HipHop-Label AggroBerlin, auf dem früher auch Sido und aktuell der noch stärker umstrittene Fler veröffentlicht wurden. Jetzt, als Freigänger, könnte sich Dank seiner Erfahrungen mit "Release" und der alten Verbindungen tatsächlich eine Karriere als Rapper entwickeln. Rados hat seine Strafe abgesessen und träumt ebenfalls von einer Zukunft im Musikgeschäft, während Mogli wieder auf der Straße als Punk vom Schnorren lebt. Sabrina dagegen war nach ihrer Entlassung schnell wieder im Knast: Die ehemals Heroinabhängige bekam zusätzliche sechs Monate für den Diebstahl einer Flasche Wodka und einer Flasche Cognac.

Musik ist die Rettung

So rutschte der Musiker dann doch schnell in die Rolle des Sozialarbeiters, auch wenn er sie gar nicht annehmen wollte. Rados prügelte sich und konnte zeitweise nicht mehr zu den Aufnahme-Sessions kommen, Sabrina wollte ihre eigenen Texte nicht singen, und Mogli, inzwischen entlassen, durfte "wegen der Sicherheitsauflagen" nicht mehr in den Knast, schaffte es aber auch draußen nicht, weiter an ihrem Text zu arbeiten. "Ehrlich gesagt", hört man sie mit schleifender Stimme sagen, "meistens bin ich total breit."

Hörspiel "Release": "Positiver Impuls"

Hörspiel "Release": "Positiver Impuls"

Im Hörspiel ist förmlich zu spüren, wie Schneider von seinem linken Gewissen der pädagogische Part aufgedrängt wird, aber es ist ebenso zu merken, wie unwohl er sich in dieser Rolle fühlt. Die Musik ist die Rettung: So unterschiedlich die sozialen Hintergründe der Protagonisten sind, so unterschiedlich sich ihr Musikgeschmack darstellt, In der Musik finden die Kreuzberger Schnorrerin, der Möchtegern-Gangster aus dem Wittenauer Ghetto und der etablierte Musikproduzent in mittleren Jahren zusammen.

Manchmal habe er schon hinschmeißen wollen, erzählt Dresselhaus. Wenn man sich wieder einmal durch die Einlasskontrollen gequält und das Equipment aufgebaut hatte - und dann doch versetzt wurde. Wenn sich nichts zu entwickeln schien, die Zeit ohne Fortschritte verstrich. Leicht, erzählt Schneider TM, hätte das ganze Projekt scheitern können, immerhin arbeitete er zum ersten Mal in seinem Musikerleben mit Menschen zusammen, "die nicht wissen, was sie können, und oft nicht einmal, was sie wollen". Das Projekt habe ihnen "ein Fenster in andere Möglichkeiten" geöffnet, habe "einen positiven Impuls - vor allem für die beiden Jungs - gegeben", und somit dann doch einen sozialarbeiterischen Ansatz erfüllt. Auch wenn dieser von allen Beteiligten nicht gewollt war - oder vielleicht gerade deshalb.


"Release" (Lieblingslied Records/Alive)



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