Hoffnungsträger Mika Bunter, als die Pop-Polizei erlaubt

Im internationalen Popzirkus ist eine neue, knallbunte Attraktion zu bestaunen: Mika heißt Großbritanniens Hoffnungsträger, der mit exaltiertem Auftreten und operntauglicher Stimme einschlägt wie eine Bombe.

Von Jan Kedves


Wenn die Welt tatsächlich so strahlend bunt wäre, wie es der junge Popsänger Mika auf dem Cover seines Debütalbums "Life In Cartoon Motion" vorschlägt, dann würde wohl schon bald das Schwarz-Weiß-Kino ein Revival erleben, und auch die Zwölftonmusik käme wieder in Mode. Damit soll keineswegs angedeutet werden, die Musik von Mika klinge unerträglich. Allerdings, das muss man schon sagen, geizt sie klanglich und visuell nicht mit jenen Momenten, die in der Popsprache Englisch gerne als "too much" bezeichnet werden.

"Too much", das ist natürlich ein Gütesiegel des Camp, jener merkwürdigen kulturellen Sensibilität also, die einst von Susan Sontag treffend analysiert wurde. Camp stellt herkömmliche Werteinschätzungen genüsslich auf den Kopf. Und wer das Popgeschäft zuletzt beobachtete, musste feststellen: Es ist eine gute Zeit für Camp. The Darkness, Scissor Sisters, Robbie Williams, sie alle sind berühmt für exaltierte Gesten, unmögliche Kostümierungen und dramatisch überdrehten Falsett-Gesang. Und alle finden das toll.

"Es ist gerade eine gute Zeit, Popstar zu werden", findet demnach auch Mika, ein 23-jähriger, schlaksiger Luftikus, dessen Lieder so eingängig sind, dass man schon beim ersten Hören denkt, sie seien Coverversionen. Dass die Musikindustrie in einer Krise stecken soll, davon kann Mika nichts mitbekommen haben: In den deutschen Single-Charts rangiert seine Single "Grace Kelly" derzeit auf Platz 10 – was für Mika selbst vermutlich eher eine Niederlage ist, immerhin landete er in Großbritannien Mitte Januar mit demselben Song direkt auf Platz eins. Seit diesem Erfolg kann Mika auch von sich behaupten, der erste Künstler zu sein, der es in Großbritannien ohne Veröffentlichung eines physischen Tonträgers an die Spitze der Charts geschafft hat. Seit einer Regeländerung Anfang dieses ist dies nämlich auch mit digitalen Downloads möglich.

Der Mann mit den Mozart-Locken

Mika, bürgerlich Michael Penniman, Sohn eines Amerikaners und einer Libanesin, ist nichts Geringeres als das neueste Popwunder. Der Weg aus dem Nichts zum Star führte den in Beirut geborenen und dann in Paris aufgewachsenen Wirbelwind über die Chansonsammlung seiner Mutter (Tino Rossi, Nana Mouskouri) und eine spätere Obsession für den Ragga-Macho Shabba Ranks ("Mr. Loverman") direkt ins Londoner Royal College of Music, wo er seine operntaugliche Falsettstimme trainieren ließ. Nicht lange allerdings: Mariah Careys Ex-Gatte und Ex-Sony-Boss Tommy Mottola nahm ihn schon bald unter Vertrag – für sein Label Casablanca Records.

Mottola wird imponiert haben, wie dieser Junge mit den vollen Mozart-Locken seine eigenen Songs schreibt, sie selbst produziert, am Klavier performt und dazu auch noch seine eigenen Comics malt. Gibt es überhaupt irgendetwas, was Mika nicht gut kann? "Ballsportarten", verrät der Sänger beim Interview. "Aber in Wasserski bin ich gut!" Allerdings möchte er statt über sein Privatleben doch lieber darüber sprechen, wie stolz er darauf ist, der einzige aktuell bei Casablanca Records unter Vertrag stehende Künstler zu sein.

Casablanca Records, man erinnert sich, brachte der Welt einst die Gassenhauer von Kiss, Donna Summer und den Village People. Genau das richtige Zuhause, scheint es, für den Party- und Provinz-tauglichen Pop-Potpourri, wie er von Mika zusammengemischt wird. Dass derartige Musik polarisiert, wundert nicht: Ein Kritiker der britischen Zeitung "The Guardian" wollte in Mikas Songwriting keineswegs etwas Raffiniertes erkennen, sonder nur dreistes Kopistentum. Lediglich einen Punkt gestand er dem Album "Life In Cartoon Motion" in seiner Rezension zu – von zehn möglichen. Was im Handumdrehen die Beschützerinstinkte des Queen-Veteranen Brian May weckte: Er sprang Mika verteidigend zur Seite und empfahl dem Zeitungskritiker, er solle in Zukunft doch lieber Tamburin spielen. Seinen Job habe er jedenfalls verfehlt.

Comics und Konfettikanonen

"Relax, take it easy", hätte Mika den streitenden Herren entgegenträllern können – so heiß es jedenfalls in einem seiner Songs, mit dem er zugleich unter Beweis stellt, dass er keinerlei Berührungsängste mit dem Schlüsselwort hat, das man seit Frankie Goes To Hollywood ("Relax, don't do it!") und den Scissor Sisters ("Relax, I need some information first!) für den Pop-Wortschatz eigentlich schon verloren geglaubt hatte. "Ich finde es überhaupt nicht schwierig, originelle Songs zu schreiben – man kann sich heute ja von so viel inspirieren lassen!", flötet Mika.

Hemmungen kennt der frischgebackene Pop-Hoffnungsträger also keine. So jettet er denn auch gleich persönlich ins Silicon Valley, um dort mit den Entwicklungschefs von iTunes darüber zu diskutieren, warum ihr Download-Shop noch immer keine quietschbunten Flash-Booklets integrieren kann, zwischendurch steht er für die neue Anzeigenkampagne des Designers Paul Smith Modell und mietet sich das Original-Klavier von Freddie Mercury, um sich davon noch ein bisschen mehr inspirieren zu lassen. Und dann – klick! – surft er noch auf seinem eigenen MySpace-Profil vorbei, um seine Fans mit kurzen Messages bei Laune zu halten. Dass Mika dieser Tage selbst kaum noch dazu kommt, zu relaxen und es "easy" zu nehmen, fördert dann eben die Überdrehtheit, die er auf der Bühne ausstrahlt.

"Meine Traum-Liveshow sieht aus wie eine bunte Zirkusvorstellung, mit all den Charakteren, die ich für mein Artwork erfunden habe", verrät Mika. "Die Royal Sympathy Band, Lollipop Girl oder Big Girl. Alle sollen mitkommen!" Comicfiguren, die um Konfettikanonen herumtanzen, und Schauspieler, die in Bärenkostümen durch den Zuschauerraum laufen, um das Publikum zu erschrecken: Pop, vor allem Pop der campen Sorte, kann Übertreibungen wie diese natürlich immer gebrauchen. "Wenn ich in Deutschland erfolgreich bin und in großen Konzerthallen spielen kann, dann werde ich diesen ganzen Zirkus mitbringen", verspricht Mika.

Das mag wie eine Drohung klingen. Fest steht jedoch schon jetzt: Bunter als mit Mika wird es dieses Jahr nicht mehr.


Mika: "Life In Cartoon Motion", Universal



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