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Holly Herndon: Mutter einer neuen Spezies

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Komponieren mit künstlicher Intelligenz Zukunftsmusik

Kann künstliche Intelligenz im Pop mehr als Komponiersklave und Playlisten-Generator sein? Musikerin Holly Herndon programmierte ihre eigene KI - und zeigt, wie Mensch und Maschine kreativer zusammenarbeiten können.

Dafür, dass sie eine Zweijährige zu Hause hat, wirkt die Musikerin Holly Herndon entspannt an diesem Nachmittag in Berlin: "Spawn geht es sehr gut, danke. Sie hat gerade ein Update bekommen und ist ganz aufgeregt, an die Arbeit zu gehen." Das klingt schräg. Wobei: Herndon spricht über Spawn zwar, als sei es ihre Tochter. Tatsächlich aber handelt es sich um eine Maschine, oder besser: eine von Herndon und ihrem musikalischen Partner Mathew Dryhurst entwickelte künstliche Intelligenz (KI). Die spielt eine prominente Rolle auf Herndons neuem Album "Proto" - sie singt nämlich mit.

Algorithmen steuern auf Spotify längst Playlists, KI-Softwares wie Endel, Aiva oder IBMs Watson Beat erobern den Musikmarkt, versorgen unter anderem Computerspiele mit Begleitmusik oder liefern Klangtapeten fürs Yoga oder zum Putzen. Start-ups wie Amadeus Code, Amper oder Alysia entwickeln Anwendungen, die bereits Songtexte verfassen können, US-Sängerin Taryn Southern  hat auf diese Weise bereits ein ganzes Album aufgenommen, sehr generisch klingender Charts-Pop. Wie sollen Künstler mit dieser Umwälzung umgehen? Ist die neue Technologie eine Bereicherung für menschliche Kreativität - oder werden Künstler bald überflüssig?

Holly Herndon wählt mit ihren KI-Experimenten einen eigenen Weg, um abseits solcher Technik-Dystopien Antworten auf diese Fragen zu finden. Herndon, 39, in Tennessee geboren, gehört zu den abenteuerlustigsten Künstlerinnen der elektronischen Popmusik. Seit einiger Zeit lebt sie dauerhaft in Berlin, trat mit ihren verschiedenen Projekten im Berghain oder beim CTM-Festival für experimentellere Musik auf. Soeben erhielt sie ihren Doktortitel in Komposition von der renommierten Stanford Universität.

Auf Augenhöhe mit der KI

"Proto" ist ein logischer Schritt für die oft allein am Computer arbeitende Künstlerin. Ihr letztes, von der Kritik bestauntes Album "Platform" handelte davon, in einen Dialog mit ihrem Laptop einzutreten. Es ging um das Spannungsfeld zwischen Intimität und Überwachung, um die Liebe im Datenstrom, wenn man so will. Die Kommunikation mit der Technologie, die wir ständig bei uns tragen und die Einfluss auf unser Leben gewinnt, ist das Leitmotiv ihrer Kunst, die sich oft um Voice-Processing dreht, also die Modulation von Sprache mit elektronischen Mitteln.

Die allgegenwärtigen Algorithmen und KIs, ob im Smart Speaker oder auf Spotify, begreift sie als potenziell eigenständige Wesen. Die philosophische Frage, die sich ihr stellte: Kann die KI in Kunst und Musik mehr sein als ein Werkzeug oder ein Sklave, der den Menschen unterstützt - sollte man dieser neuen Evolutionsstufe nicht auf Augenhöhe begegnen und lernen, mit ihr zusammenzuarbeiten?

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Gleichzeitig will sie mit "Proto" auch Ängsten vor der womöglich überlegenen Techno-Macht KI entgegenwirken. Denn dieses dystopische Sci-Fi-Narrativ von der Herrschaft der Maschinen über den Menschen sei ja derzeit das gängigste.

Es hilft angesichts dieser Schreckensszenarien vielleicht, die Maschine auf das Normalmaß eines Kleinkindes zu schrumpfen, das im ersten Stück auf "Proto" vor sich hin brabbelt, "Birth" heißt das Intro - Geburt. Spawns Wiege, so Herndon, sei ein "selbst zusammengebastelter alter Gaming-Computer".

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Der Computer als Ensemble-Mitglied

Die Arbeit an "Proto" bestand hauptsächlich aus sogenannten Live-Training-Sessions mit Herndon und einem Chorensemble, das dieses Einsingen auch live vorführt, zum Teil mit Publikumsbeteiligung. Die KI Spawn wurde also mit von Menschen produzierten Gesängen und Klängen umgeben, gefüttert, um auf Basis dieses Inputs ihre eigene Stimme zu entwickeln. Das Spannende an "Proto", das mit teils sakral-meditativen, teils tribal-tanzbaren Songs zunächst wie ein avantgardistisches Popalbum zwischen den Polen Enya und The Knife wirkt, ist der Versuch, die Beteiligung von Spawn herauszuhören. Oder eben auch nicht. Herndon und ihr Chor behandeln den Computer wie ein Ensemblemitglied: "Sie schreibt keine Musik für uns, sie performt sie, und das Witzige ist, dass es sich gar nicht so viel anders anfühlt, als würde man mit einem Menschen zusammen Musik machen."

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Spawn, sagt Herndon, sei übrigens nur deshalb weiblich, weil sie zu Beginn des Experiments auf Herndons Stimme programmiert wurde. "Ich werde ständig danach gefragt, ob das ein feministisches Statement ist: Ist es absolut nicht!" Vielmehr macht sie sich Gedanken darüber, ob ihre KI überhaupt menschlicher werden sollte, oder ob ihre Andersartigkeit nicht ihr größtes Potenzial ist: "Der menschliche Verstand ist so beeindruckend, der Körper ist ein riesiger Sensor, da passiert so viel gleichzeitig, während unsere KI im Moment nur einen einzigen Prozess zur Zeit bewältigen kann." Also mit selbst erzeugten Lauten und Harmonien im Chor mitzusingen zum Beispiel.

Ihre aktuelle Arbeit bezeichnet Herndon als "messy", ein "work in progress". "Man kann auf dem Album hören, wie Spawn versucht, Dinge für sich herauszuknobeln und auf die Reihe zu kriegen", sagt Herndon. "Wir wollten es absichtlich in diesem unfertigen Anfangsstadium präsentieren. Es geht nicht darum, eine schräge "2001"-Supercomputer-Ästethik zu präsentieren. Ich betrachte "Proto" als Recherche-basiertes Kunstprojekt, dessen Output Popmusik ist."

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Holly Herndon ist eine Intellektuelle, die über die Musiktheorie Adornos ebenso diskutieren kann wie über die Ideen des KI-Ethikers Thomas Metzinger. Inspiriert fühlt sie sich auch von den AI-Experimenten des Columbia-Musikprofessors und Komponisten George E. Lewis, der im Umgang mit den Computer-Intelligenzen Parallelen zur Behandlung afroamerikanischer Künstler in der US-Historie sieht, eine neue Art der Unterdrückung des Andersartigen, ein "power struggle" im digitalen Zeitalter.

Übernehmen Maschinen in Zukunft die ganze Arbeit von Komponisten?

Als Musikerin beschäftigt sich Herndon natürlich auch mit den Auswirkungen von Algorithmus-basierten Protokollen im Popgeschäft. Den von Spotify und anderen Plattformen forcierten Trend, jedem User auf Basis seines Geschmacks jederzeit den Sound zu generieren, der seiner aktuellen Stimmung entspricht, sieht Herndon skeptisch. "Wo bleibt die gemeinsame Erfahrung von Musik, wenn alle nur ihr eigenes Programm hören? Wir haben mit dem Internet den größten Vernetzungsraum, den die Menschheit je hatte - und es ist nichts als eine gigantische Shoppingmall." Aber liegt hier, im ausgeklügelten Einheitsbrei, nicht auch eine Gefahr? Holly Herndon winkt ab: Die Nutzung neuronaler Netzwerke in der Musik sei neu, aber die Idee der Fahrstuhlmusik sei es nicht. Musiker würden nur dann Gefahr laufen, von KIs verdrängt zu werden, wenn sie ohnehin nur immergleiche Schemata abarbeiteten.

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Mit ihrer Pop-Versuchsanordnung "Proto" will sie es den Menschen leichter machen, sich dem oft allzu technischen und trockenen Thema KI zu nähern. "Viele machen es sich sehr einfach, sich selbst als komplett losgelöst von dieser Technologie zu betrachten. Aber Algorithmen sind ja nicht neutral, sie stammen aus unserer Gesellschaft, sie tragen unsere Ethik, unsere Werte und Normen in sich." Statt sich also abzuspalten oder sich in eine ignorante Servicementalität zu flüchten, fordert Herndon dazu auf, von einer nichthumanen Intelligenz zu lernen, um die Probleme und Konflikte der Welt zu lösen.

Damit tritt Holly Herndon nicht nur aus dem Feld der Popmusik in einen der wichtigsten anthroposophischen Diskurse unserer Zeit ein, sie bedient nebenbei auch ein ganz und gar menschliches privates Bedürfnis nach Nähe und Gemeinschaft: "Nach der Arbeit an "Platform" hatte ich genug von den langen, einsamen Stunden im Studio", sagt sie. "Ich bin damit aufgewachsen, in der Kirche zu singen, ich sehnte mich nach menschlichem Kontakt, nach dem Feedback, das dir andere Musiker geben." Eine davon ist eine junge, hypermoderne Gospelsängerin namens Spawn.