Abgehört - neue Musik Dann mal gute Nacht, Gitarre!

Euphorische, beglückende Wahrhaftigkeit der Gefühle findet man auf den neuen Alben von Mykki Blanco und How To Dress Well. Wie öde wirkt dagegen das als modern gefeierte Rock-Album "Preoccupations".

Von und Jens Balzer


How To Dress Well - "Care"
(Weird World/Domino/GoodToGo, ab 23. September)

Gut gebarmt und schön geschwärmt, erotisch erhitzt und romantisch umflort: So klingen die Songs von Tom Krell, der unter dem Namen How To Dress Well musiziert. Seit einem halben Jahrzehnt gehört der 32-jährige Falsettakrobat aus Chicago zu den tollsten R'n'B-Interpreten, die wir besitzen; eine Vielzahl von historischen Gesangstraditionen spiegelt sich in seiner herrlichen Crooningkunst. Den unterdrückt-brünftigen Ich-krieg-dich-noch-rum-Ton des jungen R. Kelly beherrscht Krell ebenso gut wie das hochkoitale Hyperventilationshecheln des mittleren Michael Jackson.

In Widerspruch zu seinem Künstlernamen neigt er dabei freilich dazu, mit postironischem Polizistenschnauzbart, in kurzen Hosen und Feinripphemden vor das Publikum zu treten; und auch in seiner Musik hat er schon immer die Dynamik des Selbstwiderspruchs und der inneren Risse gesucht. Die Süße und innige Authentizität seines Gesangs bricht Krell an schroffen, verfrickelten Produktionsweisen, in denen jeder "echte" Ausdruck von Emotionen sich sogleich als künstlerisches Trugbild erweist und gerade dadurch zu höherer Wahrheit aufsteigt.

Zu Beginn seiner Karriere, Anfang der Zehnerjahre, inszenierte Krell seine Musik wie ein verblassendes Erinnerungsbild ihrer selbst; er drehte aus dem Gesang die Bässe heraus und schickte die Reststimme so lange durch Filter, bis sie einer verrauschten, schon x-fach kopierten Musikkassettenaufnahme glich. So erweckte er nicht nur verflossen scheinende R'n'B-Stile wieder zum Leben - auf seinem Debüt "Love Remains" erschuf er eine Art Retro-Pop zweiter Ordnung, in der die Nostalgie selber zum Klingen gebracht wurde, die süße Sehnsucht nach dem Vergangenen und die trügerische Unschärfe der Erinnerung.

Bereits auf seinem dritten Album "What Is This Heart?" aus dem Jahr 2014 waren die klangverwischenden Echos und Schlieren einer scheinbar unironischen Unmittelbarkeit gewichen. Auch ging es nicht mehr um die Sehnsucht nach dem Vergangenen oder das Unglück unerwiderter Gefühle - sondern vielmehr um den Überschwang der erfüllten Liebe und um die unbehagliche Frage, was nach dem Happy End kommt. Denn die Intensität der ersten Erfüllung kann ja nicht dauern: So waren auch diese scheinbar so heiteren Songs vom Sound eines unbestimmbaren Unbehagens unterwühlt.

Und so ist es auch auf "Care" geblieben, dem vierten und bislang eingängigsten Album von How To Dress Well. Zu geschmeidigen, sofort ins Ohr gehenden Melodien singt Tom Krell von Selbstzweifeln und Selbstvertrauen; vor allem aber singt er von dem Glück, das einem das Zusammensein mit einem geliebten Menschen schenkt. Und davon, was dieses Glück erst ermöglicht und am Leben hält: die Sorge - "care" - um den Anderen und um sich.

Nicht selten schmiegen die Songs sich riskant an die buttrigen Dramaturgien des aktuellen Hit-Factory-Pop - und tragen zugleich lässig vollverspiegelte Texte, in denen Krell vom Ich und vom Du und der unmöglichen und doch allein hoffnungsstiftenden Symbiose zwischen zwei Menschen singt. In dem herzzerreißenden "Salt Song" deutet er einen Traum, in dem er sich selber als Fremden betrachtet - und nur als solcher jene Rosen ausstreuen kann, in denen seine wahren Gefühle sich symbolisieren. Es geht um Euphorie und Freude und um die Angst davor, dass diese nicht lange währen; es geht um Liebe und Selbstliebe und darum, wie beide einander bedingen; es geht um Wahrheit und Aufrichtigkeit in einer entfremdeten Welt und also um die ganz großen Fragen.

Doch in keinem Moment wirkt diese Musik konzeptuell verklemmt oder intellektuell überlastet: Jeden Song möchte man sofort wieder und wieder hören. Immer tiefer und tiefer zieht die musikalische Kunst von Tom Krell den Hörer in seine philosophischen Reflexionen hinein. Eine große, kluge, tief berührende Platte, ein lichter Triumph im Schaffen eines einzigartigen Künstlers. (9.5) Jens Balzer

Jens Balzer ist Popredakteur bei der "Berliner Zeitung", außerdem Kolumnist für den "Rolling Stone" und den rbb-Sender Radio Eins. Zuletzt erschien sein Buch "Pop - ein Panorama der Gegenwart" (Rowohlt Berlin). Am Freitag, 23.9., liest er daraus in Hamburg beim Reeperbahn Festival, 19.30 Uhr, Alte Liebe, Spielbudenplatz 21-22

Mykki Blanco - "Mykki"
(!K7/Dogfood Music Group, seit 16. September)

Ich kann meine Schuhe nicht finden, shit! Ach, lass mich einfach in Ruhe: An dieser Stelle im Text bremst der Track "Highschool Never Ends" vom neuen Album des New Yorker Performance-Künstlers und Musikers Mykki Blanco von Post-HipHop und Rap urplötzlich in einen sehnend-sinfonischen Streicherbombast, für den hauptsächlich der französische Produzent Woodkid verantwortlich ist. Im zugehörigen Video inszeniert Blanco sich selbst inmitten einer mit Gender- und Gewaltmotiven spielenden Variation von "Romeo und Julia" in einem ostdeutschen Dorf. Ghetto- und Coming-of-Age-Lyrik trifft auf klassisches Drama, den hipsterromantischen Musical-Kitsch von Baz Luhrmann und eine ausgedehnte Männersexszene.

Klingt krude, und wenn man das so liest, ahnt man, warum der begabte Pastiche-Künstler Blanco so seine Probleme hat, die passenden Schuhe zu finden, für seine Kunst wie für seine Identität. 2011 erfand sich der 1986 als Michael Quattlebaum Jr in Kalifornien geborene Künstler als genderunspezifische Figur Mykki Blanco neu. Ob Transmensch, Drag Queen oder etwas ganz anderes: Blanco wurde mit orangener Haarmähne, Bariton-Macho-Rapstimme, wilden Genre-Crossovers und expliziten Clips zu einer Symbolfigur einer neuen, selbstbewusst queeren HipHop- und R'n'B-Szene, zu der so unterschiedliche Vertreter wie Le1f, Zebra Katz, Blood Orange und Frank Ocean gehören.

Auf "Mykki", seiner bisher besten und kohärentesten Veröffentlichtung, fährt Blanco die kraftmeierische Flamboyanz seiner früheren Singles und Mixtapes ein wenig zurück. Noch im hervorragenden Track "Wavvy" hatte er sich 2012 als neuer Rufio bezeichnet, das coole, androgyne Waldkind, das den alt gewordenen Peter Pan in Steven Spielbergs "Hook" herausfordert. Auch die Songs auf "Mykki" verfügen noch über diese Sturm-, Drang- und Trotzhaltung, aber Blancos Erzählung ist introspektiver und fokussierter als gewohnt. "Intimacy will find me", heißt es in der Mitte des Albums. Eine bemerkenswerte, geradezu radikale Äußerung von einem, der bisher stets all-out ging, bis hin zu Offenlegung seiner HIV-Erkrankung.

In den von Woodkid mit viel Raumklang, und ätherischem Gesause und Gebimmel ausgestatteten Tracks, unter denen zumeist ein träge grundierender Trap-Beat entlangläuft, zeigt sich Blanco nun oft verletzlich und einsam, nicht nur im Fünf-Minuten-Drama "Highschool Never Ends", sondern auch im ähnlich popgefälligen "Loner" oder in "You Don't Know Me". Im Strudel seiner eigenen Selbstinszenierung, zwischen zahllosen Instagram-Posts und Tweets, hitzigen, promiskuitiven Partys, Drogen, Alkohol und hemmungslosem Sex fühlt sich Blanco am Ende doch fremd und verloren: "I'm alone, so alone, so Alone", singsangt er - was irritierenderweise gar nicht mal nur bedrückt und traurig klingt, sondern auch fröhlich. Man unterschätze nie den Narzissmus des Künstlers, der unter seiner Einzig- und Andersartikeit einerseits leidet, sich aber gleichzeitig auch an ihr berauscht.

Zwischen Existenzkrise und Ekstase findet Blanco auf "Mykki" zu einer Euphorie, die ihn auch zu einigen reduzierten, aber hocheffektiven Klub-Hymnen ermächtigt - das kichernd-feministische Marihuana-Manifest "For the Cunts" zum Beispiel, das theatralisch eifersüchtelnde "My Nene" oder die brutalistische Gangsta-Wu-Tang-Hommage "Shit Talking Creep", die Homophobie in Russland aufs Korn nimmt. "Rock n Roll Dough" fasst schließlich auf minimalistischen Old-School-Geklapper lakonisch zusammen, das alles, Leid, Dealen, vom Leben gefickt und ausgegrenzt werden, aber auch das Feiern und Fetischisieren der eigenen Person und Marke ein Teil des Showgeschäfts dieses schrägen Schelms ist. Die Keuschheit vom Lande, als die er sich auf dem Cover von "Mykki" zeigt, kauft man ihm nicht ab, aber die Sehnsucht nach der einen, großen Liebe, die schon. Und wenn es am Ende nur die Geborgenheit in sich selbst ist. (8.5) Andreas Borcholte

Andreas Borcholtes Playlist KW 38
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Mykki Blanco: Loner

    2. Powell: Frankie (feat. Frankie)

    3. Zomby & Darkstar: Quandary

    4. Warpaint: New Song

    5. How To Dress Well: Salt Song

    6. H.E.R.: Wait For It

    7. Herizon Guardiola: Be That As It May

    8. Thundercat: Bus In These Streets

    9. Roosevelt: Night Moves

    10. Lambchop: The Hustle

Preoccupations - "Preoccupations"
(Jagjaguwar/Cargo, seit 16. September)

Anfang 2015 brachte die kanadische Band Viet Cong ein recht anständiges Debütabum heraus, das gute, alte Postpunk-Tugenden zelebrierte, Bauhaus, Suicide, Joy Division, Echo & The Bunnymen. Das war nicht innovativ, hatte aber Kraft - und den schön grau dröhnenden Brutalismus-Charme einer Betonmischmaschine in voller Rotation. Dann gab es Ärger wegen des Bandnamens; die Vietcong, Nordvietnams einstige Busch-Guerilla, gelten vielfach, zumal in Nordamerika, noch immer als Inbegriff des Bösen, auf jeden Fall als nicht pc.

Die Band um Sänger und Texter Matt Flegel fand sich also im Höchstmaße präokkupiert durch den Unmut des Publikums- und, na ja, schon war ein ungleich umständlicherer, aber unverfänglicherer Name gefunden. Was natürlich für eine dem Punk und der Gesellschaftskritik verpflichtete Rockband eine besondere Niederlage darstellt. Man könnte es auch Kapitulation nennen.

Gefälliger klingt die Band dann auch auf ihrem zweiten Album, obwohl die Songtitel so schön bleak klingen: "Anxiety", "Monotony", "Degraded", "Forbidden". Flegel, dessen Stimme nun vom entrückenden Hall des Debüts befreit wurde, ist jetzt voll da und singt mit schneidender Stimme vom entfremdeten Individuum in einer pervertierten Moderne. Der Protagonist dieses Angst-Konzeptalbums taumelt und irrt herum, als hätte man ihm gerade eben den Breitband-Internet-Plug aus dem Hirn gerupft, Sie wissen schon, wie damals dem armen Neo in "Matrix": Ende Illusionsmaschine, hallo grausame Welt! Schockschwerenot.

"Spinning in a vaccum", "falling into mania", overwhelmed, and it's coming from all angles", mit solchen Klaustrophobie-Motiven eröffnet "Anxiety" diese vielleicht erste Postpunk-Oper der Popgeschichte. Zum kalten Wummern und Schummern gesellen sich hier und da ein paar helle Synthie-Strahlen, eine generelle Melodiebereitschaft, und, besonders in der zweiten, unangenehm proggigen Albumhälfte, erschreckender Wille zum Pathos. In "Stimulation" bemüht Flegel noch einmal das abgegrabbelte Bild vom totalitären Amüsement, das uns alle langsam abtötet. Anderswo ist von einer "Suicide Machine" die Rede, der wir mit dem neu akquirierten "Fever" des Lebens und des Protests entfliehen soll.

Komplexer wird es leider nicht. Flegel und Band finden zwar musikalisch zu größerer Klarheit, was per se nicht immer gut sein muss. Sie finden aber nicht zu Bildern und Motiven, die man als zeitgemäß bezeichnen könnte. Der Versuch, aktuelle dystopische Gefühle mit den Mitteln des Postpunk, also einer vergangenen Idee von Moderne, zu illustrieren, wird in einer schlimmen dialektischen Verdrehung zu nostalgischem Kitsch, der ungefähr so radikal und emotional packend ist wie das letzte Album von Muse. Wenn "Preoccupations" nun also in Pop-Blogs und Rockblättern als modernes Rock-Album gefeiert wird, dann mal gute Nacht, Gitarre.

Oder, anders gesagt: Sollte ich, was mir hin und wieder durchaus passiert, Sehnsucht nach unterkühlt vorgetragener, im Kern aber sentimentaler Beklemmungslyrik von vor 30 Jahren haben, höre ich doch lieber nochmal ein paar frühe Platten von den Simple Minds. (4.0) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.
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insgesamt 16 Beiträge
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SPONtisprüche 20.09.2016
1. Falsett? Muss das sein?
Nun, bevor ich mir das Gejammere eines "Falsettakrobaten" anhöre, dann lieber tausendmal "unterkühlt vorgetragene, im Kern aber sentimentale Beklemmungslyrik von vor 30 Jahren"! Diese Modeerscheinung, fast in jedem Song mit Kopfstimme zu singen, vergällt mir viele ansonsten eigentlich gefällige Musik.
tombolala 20.09.2016
2. Falsett muss nicht sein
@SPONtisprüche: das sehe ich genauso. Und dann gleich 9.5? Also das hört sich echt mal peinlich an.
esheisstextravertiert 20.09.2016
3. Si tacuisses...
Und schon wieder eine Breitseite gegen Muse. Seltsam nur, dass das von Herrn Borcholte gescholtene Album "Drones" einen Grammy gewonnen hat. Insofern muss Preoccupations eine ganz großartige Platte sein.
tcdk 21.09.2016
4. schroffe, verfrickelten Produktionsweisen?
Ich höre hier nur eine Produktion bei der der Hall - Regler am Mischpult auf 11 gestellt und dann festgetaped wurde - wer guten Falssett Gesang hören will sollte sich hier auf deutsche Tugenden besinnen - Power Metal! Und warum erreicht ein "mittlerer Michael Jackson" satte 9,5 Punkte während Retro Post Punk jegliche Innovation fehlt (die ja NUR Rock hier immer bei jedem Künstler aufs Neue bieten MUSS) nur 4 Punkte holt?
sekundo 21.09.2016
5. Den
Zitat von tcdkIch höre hier nur eine Produktion bei der der Hall - Regler am Mischpult auf 11 gestellt und dann festgetaped wurde - wer guten Falssett Gesang hören will sollte sich hier auf deutsche Tugenden besinnen - Power Metal! Und warum erreicht ein "mittlerer Michael Jackson" satte 9,5 Punkte während Retro Post Punk jegliche Innovation fehlt (die ja NUR Rock hier immer bei jedem Künstler aufs Neue bieten MUSS) nur 4 Punkte holt?
gestellt und dann "festgetaped"?!? Offenkundig wissen Sie nicht, wie man "Hall", wie Sie es putzigerweise nennen, bei einer Produktion einsetzt und wieviele Varianten es für sog. "Räume" gibt!! Die Zeit der Hallbänder ist seit 50 Jahren vorüber!
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