Hurricane-Festival Gekommen, um zu weinen

Komatrinken, Matschtreten, Schweinerock - aus diesen Zutaten werden Pop-Festivals gemacht. Jan Wigger hatte sich eigentlich strikte Abstinenz vom Freiluft-Beschallungszirkus verordnet. Dann landete er in Scheeßel - und hatte eine Epiphanie.


Jedes Jahr nimmt man es sich aufs Neue vor: kein Festival mehr. Keine Hitze mehr, kein Matsch, keine Stechmücken, keine "Helga!"-Rufe, keine aufgekratzte Dorfjugend, keine "Kampftrinker Leistungsklasse"-T-Shirts, keine Bierleichen, keine nächtliche Beatsteaks-Dauerbeschallung vom Zelt nebenan. Und dann? Werden Arcade Fire und Sonic Youth angekündigt, Kings Of Leon und Damon Albarns The Good, The Bad & The Queen. Ergebnis: Man muss doch wieder zum Hurricane-Festival ins niedersächsische Scheeßel, und möglichst nur dieses eine Mal noch.
So befindet man sich dann am frühen Freitagabend auf einer Art Kuhwiese und hängt der so romantischen wie vollkommen unrealistischen Vorstellung nach, dass sich in diesem Jahr alles geändert haben könnte und die Mehrheit der Besucher einmal nicht nur wegen der gängigen Massenabfertigungsphänomene (Die Fantastischen Vier, Beastie Boys, Marilyn Manson, die alle zwei Jahre unvermeidlichen Placebo) oder zum Zechen anreist.

Schon auf den ersten Metern werden mir zwei blanke Hintern entgegengestreckt, jemand schreit in Richtung seiner Kumpels: "Nutten-Andi! Wo sind die Nutten?" Aha, Nutten, womöglich auch noch Koks – hier sind wir richtig. Im Pressezelt irren der giraffenähnliche Max Buskohl, Tim Mälzer und Raabs Prügelknabe Elton herum – glamouröser wird es nicht.

Zwischen Kunst und Koma

Erste Gespräche auf dem Gelände führen auch nicht weiter: Die zierliche Anna, 19, möchte Modest Mouse, Arcade Fire, Pearl Jam und "möglichst ein paar der Geheimtipps" sehen und hofft vorsichtig darauf, dass "nicht so viele Prolls wie letztes Jahr" den Weg nach Scheeßel finden.

Marco, 23, hat vier seiner "Kollegen" mitgebracht und brüllt mir seinen Dreitagesplan ins Ohr: "Komasaufen, Grillen, Mädchen flachlegen und nachts vielleicht auch mal eine Band angucken. Auf jeden Fall Incubus, Alter – so derbe geil!" Gar nicht geil hätte der vierschrötige Marco die spätabendliche Performance von The Good, The Bad & The Queen gefunden: Wehmutsmusik, die von versunkenen Städten erzählt und verstohlen um das alte England weint. Damon Albarn besingt die Geister der Vergangenheit nicht, er beschwört sie. Wie man diese leuchtenden Songs langweilig finden kann, bleibt eines der großen Rätsel des Jahres.

Der Blur-Schönling Albarn ist älter, auch grauer geworden und wirkt inzwischen wie ein geschliffener, weltläufiger Conferencier. Fela-Kuti-Schlagzeuger Tony Allen und der alte Clash-Kämpfer Paul Simonon harmonieren eindrucksvoll: Die Nacht ist gerettet.

Der samstägliche Auftritt von Arcade Fire ist dann nicht weniger als eine Epiphanie: In nur 45 Minuten fegen insgesamt zehn Kanadier mit Bläsern, Drehleier, Megafon und vor Leidenschaft blutenden Gitarren alles weg, was noch folgt an diesem lichtlosen Regentag: Die "Intervention" einleitende Kirchenorgel weckt Tote auf, das virtuos in "Rebellion (Lies)" mündende "Neighborhood #3 (Power Out)" ist reine Ekstase. Das Konzept, die Vision, die unerschöpflichen Möglichkeiten, die Göttlichkeit, der Wahnsinn und die Beseeltheit von ihrer eigenen Musik: Man müsste Arcade Fire dringend erfinden, wenn es sie nicht schon gäbe.

Modest Mouse wirken trotz Johnny Marr (stoisch, nonchalant) selbst auf der kleinen Bühne etwas verloren. Im Anschluss aber spiegeln sich Glorie, Schmerz und Scheitern in den mittelalten Gesichtern der Manic Street Preachers, die mit "You Love Us", "Motown Junk" und "Motorcycle Emptiness" die Brotkrumen auch des frühesten Schaffens aufsammeln und ihre letzten drei Alben glücklicherweise kaum beachten. Als zu "Everything Must Go" die Streicher einsetzen, schießen dem Autor tatsächlich zwei Tränen ins Gesicht.


Ein fast vergnügter Conor Oberst (Bright Eyes) spielt im weißen Anzug seine schönsten Songs, Interpol entschädigen allein mit ihrem kommenden Klassiker "Pioneer To The Falls" für den doch etwas trüben Kinder-Grusel von Marilyn Manson, der sich vielleicht mal eine ordentliche Darkthrone-Platte reinziehen sollte, wenn er irgendwann noch mal so richtig evil werden will.

Kein bisschen altersleise

Am Sonntag zeigt eine der breiten Equipment-Metallkisten auf der Hauptbühne an, wo es langgeht: "Show Yer Titties!" fordert ein Aufkleber, denn nun spielen die Kings Of Leon. Wer ahnungslos ist und die irre dritte LP "Because Of The Times" nicht kennt, sagt auch "Southern Rock" dazu. Die lasziven, hysterischen, mit Sex und Wüstenstaub aufgeladenen Brecher der Followills sind die Definition von Cool! Der unglaublich lässige Gig, in dem die Kings kaum einen ihrer 231 Hits unter den Tisch fallen lassen, endet mit dem selbst von Dylan gelobten "Trani". Unbegreiflich bleibt, wie Caleb Followill die meckrigen, unmenschlichen Laute aus sich herauspresst, die diesen fabelhaften Gig beschließen.

Kein Traum: Gleich als nächstes betreten Sonic Youth (verstärkt durch Pavements Mark Ibold am Bass) die Szene. Die "Daydream Nation"-Songs "Hey Joni", "Teen Age Riot" und "Silver Rocket" klingen heute, als wären sie nicht knapp 20 Jahre, sondern gerade mal vier Wochen alt. Die Eheleute Kim Gordon und Thurston Moore müssten jetzt zusammen über 100 sein; der graumelierte Lee Ranaldo sieht aus wie ein Paläontologie-Professor. Aber gibt es in diesem Alter etwas Bedeutungsvolleres, als immer noch Mitglied von Sonic Youth zu sein?

Die letzten zwei Stunden des Festivals gehören Pearl Jam, man darf kein einziges schlechtes Wort über sie verlieren. Im Gegenteil: Eddie Vedder ist ein guter Mensch. Er wird irgendwann zu Jesus werden, wenn Bono Vox ihm nicht zuvorkommt. Von den späten Coldplay, U2 oder den Killers unterscheidet Pearl Jam, dass sie in den Staaten zwar seit Jahren in Stadien spielen, dabei aber niemals zu einer Stadionrock-Band geworden sind.

Das außergewöhnliche und unprätentiöse Zusammenspiel dieser Gruppe und eine Setlist mit "Corduroy", "Elderly Woman Behind The Counter In A Small Town", "Black", "Jeremy", "Dissident" und "Rearviewmirror" treffen immer noch mitten ins Herz. Für den Verbleib von Pearl Jam können sich 500 Emocore-Bands gleichzeitig auflösen und nie wieder einen Ton veröffentlichen.

Und während man dies denkt, geleiten einen Deichkind mit Trampolin, Hüpfburg und den richtigen Drogen wieder zurück nach Hause. Man kommt ganz sicher nie wieder – außer vielleicht nächstes Jahr.



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