N.W.A-Rapper Ice Cube "Polizei, FBI, Eltern - alle hassten uns"

Der Film "Straight Outta Compton" erzählt die Erfolgsgeschichte der Hip-Hop-Gruppe N.W.A, zu der Ice Cube gehörte. Der Rapper glaubt, dass sich seit den Achtzigern nichts verändert hat: Polizeigewalt gegen Schwarze sei allgegenwärtig.

Ein Interview von


  • AP
    O'Shea Jackson alias Ice Cube, 1969 in South Central, Los Angeles geboren, ist einer der bekanntesten Rapper und Produzenten der US-Hip-Hop-Szene. Nach seinem Bruch mit der Gruppe N.W.A machte er als Solo-Künstler Karriere. Jackson, Mitte der Neunziger zum Islam konvertiert, ist außerdem profilierter Schauspieler ("Friday"), TV- und Filmproduzent. Er lebt mit Ehefrau Kimberly Woodruff im Norden von L.A.
SPIEGEL ONLINE: Mr. Jackson, "Straight Outta Compton" ist ein sagenhafter Erfolg an der US-Kinokasse. Was fasziniert die Menschen an einer Geschichte über Getto-Kids und Gangster, die Plattenmillionäre werden?

Ice Cube: Jeder will Teil des Mainstreams sein und am guten, echten Leben teilnehmen, oder? Selbst der härteste Kriminelle würde doch sofort einschlagen, wenn jemand zu ihm kommt, wie Jerry Heller im Film zu Eazy-E, und sagt: "Ich werde dir helfen, seriös zu werden". Wenn die Kids also im Kino einen Typen sehen, der aus exakt den gleichen Umständen stammt wie sie selbst und es schafft, diesen Weg zu gehen, um am Ende seine Familie ernähren zu können, dann kann das sehr inspirierend sein.

SPIEGEL ONLINE: Durch die aktuelle Häufung der Polizeigewalt gegen Schwarze bekommt der Film zusätzlich eine beklemmende Aktualität.

Ice Cube: Unglücklicherweise ist unser Film sehr aktuell. Aber, ganz ehrlich, das wäre er auch vor zehn Jahren gewesen und er wird es wahrscheinlich auch in zehn Jahren noch sein. Es hat sich ja nichts geändert! Als ich 1969 geboren wurde, waren die Aufstände in Watts gerade mal vier Jahre her, damals ging es auch schon um Polizeigewalt. Diese Dinge passieren die ganze Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben sich damals, mit Ihrer Gruppe N.W.A und später als Solokünstler, nicht unterdrücken lassen.

Ice Cube: Nein, es ist eine echte David-gegen-Goliath-Geschichte: Das System hat mit jedem verfügbaren Mittel versucht, uns mundtot zu machen. Wir hatten nicht nur die Polizei gegen uns, sondern auch das FBI, die Regierung, Mann! Auch religiöse Organisationen bekämpften uns, genauso wie unsere Eltern oder viele ältere Schwarze. Jeder hasste uns. Aber uns war das egal, wir fühlten, dass unsere Sache, unsere Musik, über jede Kritik erhaben war. Und letztlich waren es keine höheren Mächte von außen, die uns auseinanderbrachen, sondern wir selbst.

SPIEGEL ONLINE: Ihr damaliger Manager Jerry Heller hat N.W.A nicht nur für das Musikgeschäft "seriös" gemacht, an seiner Person zerbrach die Gruppe wenig später. Wurmt es Sie, dass ein weißer Mann so viel Einfluss und Macht über eine schwarze Band hatte?

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Ice Cube: Rapper mit Attitüde
Ice Cube: Nun ja, Weiße kontrollieren den größten Teil der Vertriebsindustrie in den USA, es ist also unmöglich, an ihnen vorbeizukommen, wenn man wirklich die große Masse erreichen will. Selbst wenn wir einen schwarzen Manager gehabt hätten und zu Motown, dem bekanntesten, von Schwarzen geführten Label, gegangen wären, dann hätte ganz am Ende, an der letzten Telefonleitung, immer noch ein weißer Mann gesessen. Ihnen gehört diese Industrie, vom Radiosender bis zum Plattenladen. Aber wissen Sie was? Mir macht das gar nichts aus.

SPIEGEL ONLINE: Das überrascht jetzt etwas.

Ice Cube: Es hat sich ja niemand von uns seine Hautfarbe ausgesucht, man kann also nur das Beste aus dem machen, was Gott für einen entschieden hat. Dass wir uns zerfleischen und in Lager aufteilen über etwas, über das wir nicht mitbestimmen konnten, kam mir immer schon ziemlich verrückt vor. Ich bin der Meinung, dass wir uns in dieser Welt alle gegenseitig helfen müssen.

SPIEGEL ONLINE: So wie Jerry Heller, der nicht nur an die Musik von N.W.A glaubte, sondern sich in einer Szene des Films eindrucksvoll gegen die weißen Polizisten auflehnt, um Sie vor Übergriffen zu schützen. Bleibt da ein schaler Nachgeschmack, dass es ohne weiße Hilfe nicht ging?

Ice Cube: Heller war begeistert von N.W.A, er kämpfte für unsere Rechte und er beschützte uns, als die Polizei und das FBI uns attackierten, so wie es sich für einen guten Manager gehört. Aber er war nicht mein Manager, er hatte mit Eric einen Deal, nicht mit uns. Und darin lag mein Problem: Er hat mich mehrmals belogen und ich konnte ihm nicht vertrauen. Die Hautfarbe spielte dabei keine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Nachdem Sie die Gruppe verlassen hatten, veröffentlichten Sie den Battle-Track "No Vaseline", in dem Sie auf Hellers jüdische Herkunft abzielten. Die Medien hielten Sie daraufhin für antisemitisch. Bereuen Sie den Text heute?

Ice Cube: Ja, das tue ich. Denn dass er Jude ist, hatte ja nichts damit zu tun, dass ich ihn nicht mochte. Aber es reimte sich gut! Ich hätte nie erwartet, dass Leute sich so angegriffen fühlen würden, bis ich dann mal ein paar Sachen nachgeschlagen habe, über Antisemitismus und Judenverfolgung. Da war mir klar, dass ich eine Grenze überschritten hatte, das bereue ich sogar sehr. Als Schwarzer weiß ich genau, wie es ist, wenn man gehasst und diskriminiert wird. Einen Juden dafür zu hassen, dass er Jude ist, das wäre dieselbe Scheiße, die auch uns angetan wurde, systematisch. Davon muss man sich komplett frei machen.

SPIEGEL ONLINE: Es ging um einen guten Reim. Wird beim Hip-Hop, einem oft politisch unkorrekten Storytelling, zu oft jedes Wort auf die Goldwaage gelegt?

Ice Cube: In der Rap-Musik tanzt du immer zwischen Realität und Phantasie, und wenn du kein wirklich fortgeschrittener Fan bist, dann kriegst du die Nuancen nicht mit, dann hörst du nur noch Reizworte, zum Beispiel Bitch: Oh mein Gott! Aber damit muss man leben: Man kann nicht Boxen, ohne selbst ein paar Schläge zu kassieren.

SPIEGEL ONLINE: Im Hip-Hop geht es darum, authentisch zu sein, real, wie es in der Rap-Sprache heißt. Wie real ist "Straight Outta Compton"?

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"Straight Outta Compton": Zwischen Leid und Bling-Bling
Ice Cube: Ziemlich real, Mann! Wir haben in zehn Jahren viel Scheiße durchgemacht, zu viel, um sie in einem Zwei-Stunden-Film zu zeigen, wir mussten vieles weglassen. Mir geht es auf die Nerven, dass Leute mich ständig fragen, wie schlimm das alles wirklich war, als wenn sich Realness nur daran misst, wie oft man im Gefängnis war oder wie oft man angeschossen wurde. Nein, Mann! Wenn du schwarz oder braun bist und in einer armen Nachbarschaft aufwächst, dann sitzt du sehr tief in der Scheiße und musst versuchen, dich irgendwie raus zu navigieren. Jeder muss das. Nur weil Eazy-E. mit Drogen gedealt hat, war sein Leben nicht härter als meins, es war für uns alle gleich hart.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Polizeigewalt gegen Schwarze war immer da, in der öffentlichen Wahrnehmung schien es vor Ferguson eher weniger Zwischenfälle zu geben. Eine Verzerrung durch selektive Medienberichte?

Ice Cube: Ich fühle mich schon fast wie in einem Karussell, weil ich dieselben Fragen wie 1989 gestellt bekomme: Sind die Medien schuld? Nein, die Medien machen einen guten Job, ohne sie wüsste man gar nicht, wie es in Compton, in Watts oder in der Bronx zugeht. Darum geht es nicht. Stellen Sie sich einen Totempfahl vor: Wir Schwarzen sind ganz unten angesiedelt, und die Leute ganz oben wollen, dass wir da unten bleiben. Sie tun also alles dafür, dass wir nicht nach oben kommen, damit wir auch weiterhin das ganze Gewicht des Pfahls tragen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das wirklich immer noch so? Schwarze Musik ist die dominante Popkultur in den USA. Und trotzdem müssen schwarze Jugendliche auf der Straße um ihr Leben fürchten?

Ice Cube: Ja, es mag Ihnen irrsinnig vorkommen, aber es ist ein Leben in der ständigen Bedrohung, erniedrigt, in schlimmen Fällen sogar getötet zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie persönlich empfinden diesen Druck auch, obwohl Sie ein wohlhabender und bekannter Star sind?

Ice Cube: Ja, jedes Mal, wenn ich einen Polizisten sehe: Jeder von denen hat die Autorität, dir das Leben zur Hölle zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Auch ein schwarzer Präsident hat daran nichts geändert?

Ice Cube: Obama erinnert mich an das schwarze Kind, das auf eine weiße Schule geschickt wird: Keiner will mit ihm spielen. Nur weil wir einen schwarzen Präsidenten haben, heißt das nicht, dass die Gesetze der Straße sich ändern.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie tun, um etwas zu ändern?

Ice Cube: Meine Kunst machen, egal was die Leute daraus machen. Sie können es lieben oder hassen oder darauf spucken, das ist alles cool. Just do it!

Sehen Sie hier den Filmtrailer zu "Straight Outta Compton":



insgesamt 16 Beiträge
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himbeertoni73 27.08.2015
1. Ice Cube
war ein Idol meiner Jugend. Und wird es wohl auch immer bleiben.
epmd5000 27.08.2015
2. Dito
Sein Film Boyz N The Hood hat mich als Jugendlicher damals so richtig geflasht... Er, Eazy-E und Dr. Dre haben mich in den Neunzigern musikalisch und kuturell extrem geprägt. Dres Video zu Nuthin' but a G Thang verkörperte für mich als heranwachsendes Weissbrot, zumindest aus einer Grossstadt, den Lifestyle den ich leben wollte. Das hinter der Fassade des Videos natürlich nicht alles so golden ist wie es glänzt war mir damals nicht klar...
secret77 27.08.2015
3.
Was uns der ach so grossartige Hiphop auch zu einem grossen Teil in die Köpfe der Kinder gebracht hat: Materialismus, Sexismus, Gewalt, Rücksichtslosigkeit.
FeiHung 27.08.2015
4. Nein
Zitat von secret77Was uns der ach so grossartige Hiphop auch zu einem grossen Teil in die Köpfe der Kinder gebracht hat: Materialismus, Sexismus, Gewalt, Rücksichtslosigkeit.
das hat uns mit Sicherheit nicht der HipHop gebracht, das war schon vorher da. Der HipHop hat nur gezeigt, dass das da ist. Wenn Sie den HipHop kritisieren, kritisieren Sie nur den Boten, der die schlechten Nachrichten überbringt.
fatherted98 27.08.2015
5. nun ja...
...das weder Polizei, Staat noch Eltern von dieser Art Leuten begeistert sein können, liegt doch wohl offen auf der Hand. Das brüsten mit Straftaten, Drogengeschichten und Prostitution....schafft in einem Reichtsstaat keine Freunde.
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