Album der Woche Punkrocker? Musterknaben!

Freundlichkeit ist die größte Provokation, die Hardcore heute zu bieten hat: Idles aus Bristol provozieren Rassisten und Eliten mit Nettigkeit. Und: Sven Regener singt jetzt Italienisch. Die neue Abgehört-Kolumne.
Cover des neuen Albums von den Idles

Cover des neuen Albums von den Idles

Idles – "Ultra Mono"

Die machen einen fertig mit ihrer Korrektheit! Zu Beginn jedes Konzerts geht Idles-Sänger Joe Talbot von Bandmitglied zu Bandmitglied und küsst jeden der Jungs demonstrativ auf den Mund. Wenn vor der Bühne zu viele Männer Ringelpiez-Pogo mit Anfassen veranstalten, ruft Talbot auch mal in die Crowd: "Wenn da unten keine Frauen mitmachen, dann ist das kein Kreis, sondern ein Phallus!"

Die Rockband aus Bristol gehört spätestens seit ihrem zweiten Album "Joy As An Act of Resistance" (2018) zu den beliebtesten Vertretern des sich wieder aufbäumenden Hardcore-Genres. Sie sind laut, sie haben Slogans und griffige Hooks, geben sich links und feministisch. Einem unter Rassismus leidenden Kumpel schrieben sie die solidarische Hymne ("Danny Nedelko"), Schönheitswahn und Körperkult begegneten sie mit einer stürmischen Ode an die Selbstliebe ("Television").

Liebe und Mitgefühl, keine Aggression, so lautet das Credo der Band. Für das Video zu ihrer neuen Single "A Hymn" luden sie ihre Eltern in Familienkutschen und fuhren sie brav durch die Vorstadt-Tristesse Westenglands. Wohl noch nie zuvor in der Pophistorie waren Punkrocker solche Musterknaben.

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Mit "Ultra Mono" verdichten und professionalisieren Idles jetzt Sound und Inhalte. Trocken und reduziert wie ein Hip-Hop-Album alter Schule sollte das Album klingen. Um diesen immer schon angestrebten Klang zu erreichen, konnten sie Nick-Cave-Produzent Nick Launay anheuern, der ihnen jeden Rest amateurhafter Fuzzyness austrieb, die Rohheit und leidenschaftliche Haltungswut der Band aber schärfte.

Die Wirkung ist unmittelbar. "Wha-ching! That’s the sound of the sword going in", kräht Talbot zu Beginn des Eröffnungstracks "War": "Clack clack clack a clang clang! That’s the sound of the gun going bang bang". Dazu macht die Gitarre Geräusche, die abstürzende Kampfbomber oder Alarmsirenen simulieren. Beim Refrain ist man schon so agitiert, dass man das Fenster aufreißen und hinausbrüllen möchte.

Gegen wen, gegen was? Gegen Kriegstreiberei, Homophobie und Rassismus, gegen Ignoranz und White Supremacy und, natürlich, gegen die poshe Oberklasse, deren Elitensystem Englands Arbeiterklasse und Prekariat von Aufstieg und Wohlstand fernhält ("Model Village", "Carcinogetic").

"I‘ve got Anxiety" deklamiert Talbot in einem der besten Stücke des Albums, ein eindrucksvolles, beklemmendes Echo des Black-Flag-Klassikers "Depression" von 1981. Beklemmend auch deshalb, weil sich die Themen und derangierten Gemütszustände von damals und heute gar nicht so sehr zu unterscheiden scheinen. Weder in den USA, noch in Großbritannien. Psychopharmaka, dagegen lärmen Idles wie schon ihre Genre-Ahnen, sind dabei übrigens auch nicht die Lösung.

Die Zeitgeist-Parameter jedoch haben sich geändert. Mit toxischer Männlichkeit räumen Idles in "Ne Touche Pas Moi" auf und kriegen dabei Schützenhilfe von der queeren Savages-Sängerin Jehnny Beth. "I raise my pink fist and say black is beautiful" postuliert Talbot in Grounds und appelliert über schweren Beats an die Community aller gutwilligen Weißbrote.

Klar, das Holzhammerartige nevt auch - oder wirkt manchmal ungelenk, als würden die Sleaford Mods mit Wattebäuschen werfen ("Mr. Motivator"). Aber das unerbittlich einprügelnde Stück, "Kill Them With Kindness" ist Programm: Freundlichkeit ist die größte Provokation, die Hardcore heute zu bieten hat. Schlicht, aber entwaffnend. (9.0)

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Kurz abgehört

Crucchi Gang – "Crucchi Gang"

Wollten Sie immer schon mal Sven Regener "Weißes Papier" auf Italienisch singen hören? Als Liebeserklärung an Bella Italia versteht sich das amüsante Herzensprojekt des Element-of-Crime-Chefs, seiner Frau Charlotte Goltermann und "Traduttore" Francesco Wilking, auf dem auch Sophie Hunger, Faber, Clueso oder Isolation Berlin ihre Songs in Italo-Pop verwandeln. Amore! (7.8)

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Public Enemy – "What You Gonna Do When The Grid Goes Down?”

Die Hip-Hop-Miliz, die einst den Rap als "black man’s CNN” ausrief, wirft sich erneut in den Kampf gegen Rassismus und die Marginalisierung Afroamerikas. "State of the Union” grollt und giftet gegen Trump, aber mit ihrer Altmänner-Skepsis gegenüber Internet, Twitter, TV und Co wirken Chuck D, 60, und Flavor Flav, 61, schon ziemlich radikal old school. (6.0)

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Marie Davidson & L'Œil Nu – "Renegade Breakdown"

Das Kottbusser Tor, Berlins beliebtesten Brenn- und Fixpunkt, bezeichnet Marie Davidson im "Kotti Blues" als Mittelpunkt der Welt. Die Frankokanadierin kennt sich aus in den Clubs, sie ist eine weltweit gefragte Techno- und Elektronik-Musikerin - und lotet ihre schon mehrfach thematisierten Burnout-Erfahrungen mit neuer Band und neuem Chanson-Wave-Sound aus. Hangover-Disco! (7.9)

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Black Heino – "Menschen und Maschinen"

"Ein neues Wesen macht sich breit, das Gespenst der Nutzlosigkeit", singt Frontkämpfer Diego Castro im Titelsong des neuen, satt produzierten Albums von Black Heino, eine Art Punk-Hybrid aus Fehlfarben und The Jam: Es geht um den "Homo oeconomicus", die schöne neue Arbeitswelt, Individuum versus "Alexa"-Kollektiv und den Klassenkampf. Marxismus rockt also doch noch. (8.0)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

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