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Iggy And The Stooges: Mitte 60 und immer noch am Schreien

Foto: Matt Roberts/ Getty Images

Stooges-Album-Prelistening Am Leben, am Lärmen

Sprengstoff um die Hüften und Hemmungen beiseite: Auf ihrem neuen Album predigen Iggy And The Stooges einen militanten Nihilismus. Die Personalpolitik in der Band ist nicht besonders feinfühlig - die Wucht ihres Punkrock umso heftiger. Hier das Prelistening zum neuen Album.

Letztes Jahr konnte man in einer TV-Dokumentation einen sehr nachdenklichen älteren Herrn namens Iggy Pop kennenlernen. In dem Arte-Film "Call Me Iggy" erzählte er, dass es mit dem Sex, der Lust, dem Hunger nach Leben im allgemeinen mit zunehmendem Alter immer mehr bergab gehe. Neben der Couch, auf der er seine Lamenti abließ, standen zwei Urnen, in denen Iggy Pop die Asche von Vater und Mutter aufbewahrte. Eine rührende Geste für einen Punkrocker, der seinen Eltern zu deren Lebzeiten immer eine Plage war.

Nicht jedermanns Asche hält der Musiker so in Ehren. Mit dem Vermächtnis des Gitarristen Ron Asheton etwa, mit dem er Ende der sechziger Jahre die Stooges gründete und der über den Jahreswechsel 2008/2009 einsam in der eigenen Wohnung starb, geht er weniger pfleglich um. Um mit den Protopunks noch ein weiteres Album aufnehmen zu können, holte sich Iggy Pop jetzt nämlich den Gitarristen James Williamson ins Studio. Der war 1973 für das Album "Raw Power" von der Plattenfirma in die notorisch erfolglose Band beordert worden - während man Bandmitgründer Asheton damals an den Bass abschob.

Das Album-Prelistening für Mobil-User finden Sie hier. 

Im Presseinfo wird das Ganze euphemistisch so beschrieben, dass Iggy And The Stooges nun quasi ihr 73er-Outfit rekonstruieren - mit Mike Watt am Bass als Ersatz für Ron Asheton. Dabei war Watt, der größte lebende Rock-Bassist neben John Paul Jones und Michael "Flea" Balzary, ja schon auf dem 2007er-Reunion-Album dabei, wo er mit dem da noch lebenden Ron Asheton an der Gitarre dem Stooges-Sound ein energetisches, rhythmisch eigenwilliges Update verpasste. Wie man es dreht und wendet, die neue Besetzung mit Williamson bleibt erst einmal eine Beleidigung für Ron Asheton, der ja nie ein besonders guter Bassist war, aber an der Gitarre ein entscheidender Impulsgeber des Punk.

Punkrock für die zweite Lebenshälfte

Mit Iggy Pop selbst sollte man Besetzungsfragen wie diese aber wohl lieber nicht besprechen: Für das Coverfoto des neuen Stooges-Album "Ready To Die" posiert er, die Hände kokett in den Hüften, mit einem Sprengstoffgürtel um den Bauch. Die Stoßrichtung des Albums: militanter Nihilismus. Und zu dem passen eben James Williamsons markante Riffs, die hier wieder wie dicht beieinander platzierte Sprengsätze hochgehen.

So gesehen schließen die Stooges tatsächlich an das 73er-Album "Raw Power" an. Wo sie damals Assoziationen mit dem Vietnam-Krieg schufen, etwa in dem Song-Klassiker "Search And Destroy", da spielen sie nun mit Verweisen auf den Terrorismus von heute. Das am Freitag erscheinende "Ready To Die" kommt zum besten oder schlechtesten Zeitpunkt auf den Markt, den man sich denken kann: kurz nach Boston. Da mag man das Cover extrem unpassend finden. Oder marktstrategisch genial. Aufmerksamkeit ist Iggy And The Stooges gewiss.

Und auch wenn man wegen des mangelnden Respekt vor Ron Asheton zürnt: Diese Aufmerksamkeit ist angemessen. "Ready To Die" ist eine kompromisslose Hymne an die Vergänglichkeit, dringlich auf eine sehr düstere Art: So wie 1973, als Punk als Wort mit seiner jetzigen Bedeutung noch nicht existierte, alles so klang, als hätte man es zum ersten mal so gespielt, so klingt es hier, als würde man es zum allerletzten Mal tun. Passend zu den oben beschriebenen Interviewpassagen singt Iggy Pop, der am Sonntag 66 Jahre alt geworden ist, vom Ende der Sehnsucht, vom Ende des Hungers, vom Ende des Triebs. Aber das mit solcher Hingabe und mit einem solchen geschmeidigen Groove, dass man dieses Werk glatt zum Liebemachen hören könnte.

Man nehme nur den süffisant-süffigen Boogie "Sex And Money": Zu groovigen Handclaps, keuchenden Bläsern und koitalen Uhuuu-Chören raunt Iggy Pop "nipples come and nipples go". Brustwarzen kommen, Brustwarzen gehen. So wie die Stooges am Anfang ihrer Tage gegen die Zumutungen der Langeweile aufbegehrten, begehren sie nun gegen die Zumutungen des Alters auf.

Wer Botschaften mag, könnte vom neuen Stooges-Album diese mitnehmen: Wenn sie dich morgen holen, solltest du dir die Stimmung heute nicht mit falschen Hemmungen vermiesen. Punkrock für die zweite Lebenshälfte.

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