Iggy Pop "Sind Sie müde oder sind Sie krank?"

Seit mehr als zehn Jahren veröffentlicht Iggy Pop sein erstes richtiges Rockalbum. Unser Autor hat mit dem Sänger über "Post Pop Depression", David Bowie und seine deutschen Lieblingssätze gesprochen.

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Es geschah relativ gegen Ende unseres Treffens in einem Hotel in Manhattan, als Iggy Pop doch noch ungehalten wurde, ein Nachmittag Anfang des Jahres, knapp zwei Wochen zuvor war, ebenfalls in Manhattan, David Bowie gestorben.

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Heft 13/2016
Die gefährliche Rückkehr der Religionen

Bowie war Iggy Pops Lebensfreund. Er hatte ihm, wie Pop vorher erzählte, einige Male das Leben gerettet. Künstlerisch, als er ihm in den Siebzigerjahren zu seinen bis heute beiden besten Alben, "The Idiot" und "Lust for Life" verhalf. Aber auch ganz im wörtlichen Sinne - im Kampf gegen die Drogen und sonstigen Widrigkeiten des Popstarlebens.

Iggy Pop war gekommen, um über sein neues Album "Post Pop Depression" zu sprechen, das gerade fertig geworden war. Es ist sein erstes richtiges Rockalbum seit mehr als zehn Jahren. Doch die Platte hat auf mehreren Ebenen soviel mit Bowie zu tun, dass wir nicht umhin kamen, über Bowie und die Jahre in West-Berlin zu sprechen. Beide Musiker hatten die Jahre von 1976 bis 1978 in Schöneberg verbracht. Man solle vorsichtig sein mit dem Bowie-Thema, hatte es vorher geheißen, Pop stehe noch einigermaßen unter Schock.

Berlin mit David Bowie

Jetzt aber sprach Pop zunächst vergnügt und andächtig von Berlin. Von der gemeinsamen WG mit Bowie in der Hauptstraße, den Kneipen, in die sie gegangen sind. Läden, die angeblich erst um vier Uhr morgens aufmachten und in denen die Leute dann frühstückten und gleichzeitig kifften - und von Rolf Eden, den es damals auch schon gab. Meistens aber hätten er und Bowie abends fern geguckt, generell wenig Drogen genommen und eben Lieder geschrieben.

Um seine Erinnerungen mit noch mehr Authentizität zu untermauern, streute er deutsche Brocken in seine Rede ein. "Schwarz fahren" etwa oder "Kino an der Ecke", sein deutscher Lieblingssatz sei allerdings gewesen: "Sind Sie müde oder sind Sie krank?" Dieser Satz kam in einer frühen Lektion des Kassetten-Sprachkurses vor, den Bowie und er zur Einstimmung auf Berlin versucht hatten durchzuhalten. Der Satz wurde zum Motto ihrer Berliner Zeit.

Der Moment, an dem Pop wütend wurde, entstand, als die Frage auftauchte, wann er Bowie zum letzten Mal vor seinem Tod gesprochen hatte. Pop erzählte von einem Telefonat im Jahr 2002, Bowie habe ihn angerufen und gewollt, dass er auf sein neu gegründetes Label wechsele sowie auf einem von ihm organisieren Festival auftrete. Sie hätten nett geplaudert, doch dann habe er seinem Freund gesagt, er sei anderweitig gebunden und habe keine Zeit: "Und das war es", sagte Pop nun lapidar. Danach hätten sie nie wieder gesprochen.

Die letzten 13 Jahre von Bowies Leben hatten sie keinen Kontakt? Nein, sage er doch. Nach einer weiteren ungläubigen Nachfrage kam Pop mit seinem Gesicht sehr nah und bellte mit seiner knarrenden Iggy-Pop-Stimme, jetzt würde man graben, man solle sofort aufhören zu graben, verstanden?

Als hätte er den Tod des Freundes voraus geahnt, knüpft er mit "Post Pop Depression" an seine beiden Bowie-Alben aus den Siebzigern an. Und da Pop mit 68 Jahren inzwischen begriffen hat, dass er immer am besten war, wenn ein kongenialer Kollaborateur an seiner Seite stand, suchte er sich für sein Spätwerk wieder einen - und brachte ihn an diesem Nachmittag auch mit. Josh Homme, kein David Bowie vielleicht, aber sicher einer der einflussreichsten Rockmusiker der vergangenen zwanzig Jahre.

Klare Rhythmen, dekadente Melodien, verworrene Strukturen

Auch Homme, der Erfinder des so genannten Stoner-Rocks, Gründer von Bands mit so eigenwilligen Namen wie Queens of the Stone Age oder Eagles of Death Metal, kam angeschlagen zu dem Gespräch. Die Eagles of Death Metal hatten im November in Paris auf der Bühne des Clubs Bataclan gestanden, als Terroristen dort in die Menge schossen.

Homme war durch Zufall bei diesem Auftritt nicht dabei gewesen, er war zuhause in der Wüste Kaliforniens geblieben. Seiner Frau, die schwanger war, sei es in jener Woche nicht gut gegangen. Und nun quälte ihn immer noch die Frage, ob er froh sein sollte, dass ihm dieser Abend in Paris erspart geblieben ist, der seine Bandkollegen so stark traumatisierte.

Die Musik, die Homme mit Pop auf dem gemeinsamen Album aufgenommen hat, passt in die Stimmung des Nachmittags. Sie ist umweht von Nostalgie und Melancholie. Ein Stück heißt "German Days", darin ist vom "Schnellimbiss" die Rede genauso wie von "Heimat", im Songtext stecken Pops Erinnerungen an Berlin, in der Musik jedoch Hommes kalifornische Wüste. Es ist vielleicht das Stück, das am stärksten von Hommes schweren, schleppenden Stoner-Rock geprägt ist.

Das Meisterwerk, und möglicherweise jetzt schon einer der besten Songs des Jahres 2016, aber ist eine Neuinterpretation des Pop/Bowie-Berlin-Sounds, der Homme und Pop auf "Gardenia" gelungen ist, Pops knarzende, abgebrühten Textzeilen umkreisen eine düstere Szene von One-Night-Stands in einem Motel. Es vereint die beiden Leitmotive des Albums, Sex und Tod.

Lange Jahrzehnte hat Pop den Exzess gelebt, jetzt am Ende seines Schaffens, geht es auch darum, das Verlangen danach zurückzuschlagen. Was passiert, wenn man sein Leben lang geliefert hat, wo gelangt man dann hin? Wenn es irgendwann vielleicht wirklich nichts mehr zu beweisen gibt. Kommt dann am Ende so etwas wie die Ehre? Das sind die Fragen, die dieses Album umkreist. Er habe nichts außer seinem Namen, singt Pop zu Beginn des Stücks "American Valhalla", das bewusst an "China Girl" von der ersten Berlin-Platte erinnert, an jene Zeit also, als er noch keinen Namen hatte.

Homme sagte an diesem Nachmittag, er habe Angst, dass dies Pops letztes Album sei, Pop hätte so etwas in der Richtung fallenlassen. Da schaute der ältere, weise Musiker seinen jüngeren Kollegen nachsichtig an. Manchmal, so schien es ohnehin, hatte Pop abgeschaltet, wenn Homme etwas zu ausführlich sein esoterisches Wüstenzeug erklärte, in dem es um Schicksal ging oder den Glauben, dass das Leben Wegweiser aufstelle, die es zu lesen und zu verstehen gelte.

Pop und Homme bleiben im persönlichen Treffen ein eigenartiges Paar. Sie scheinen selten über dasselbe zu reden. Aber vielleicht ist es ja das, was ihre gemeinsame Arbeit ergiebig macht. Homme, der Multiinstrumentalist, hat Pop wieder einen Sound geschenkt, mit klaren Rhythmen, dekadenten Melodien und manchmal verworrenen Strukturen. Und Homme schließlich ist angekommen, wo er immer hinwollte.

Als Iggy Pop schon gegangen war, am Ende des Nachmittags in Manhattan, erzählte Homme, er habe vor knapp zwanzig Jahren seine Band Kyuss aufgelöst, nachdem er zum ersten Mal die beiden Berlin-Platten von Iggy Pop gehört hatte. Er war mit Kyuss auf Tour in Europa gewesen, die Band war erfolgreich, sie galt als Erfinder des Stoner-Rocks. Doch beim Hören der Iggy-Alben im Tourbus sei ihm klar geworden, dass so viel mehr möglich wäre.

Einiges von diesem Mehr ist auf "Post Pop Depression" jetzt zu hören.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
mahrud 04.04.2016
1. Starker Arikel!
Macht Lust auf Iggys neues Album. Schätzungsweise Eines, das man besitzen sollte. Also richtig besitzen, nicht als schnöden mp3-Download. Physisch existent. Vielleicht sogar als LP.
mondxyzz 04.04.2016
2. Auch auf der Platte....
.. scheinen die beiden permanent aneinander vorbeizureden...keine Ahnung warum die LP überall so in den Himmel gelobt wird. Scheint mir eher wieder son Missverständnis wie das zwischen Metallica und Lou Reed zu sein. Ausserderm finde ich sie ziemlich schrottig produziert. Alles in allem finde ich die LP sehr - langweilig. Bis auf den Titel ;-) Sagt einer, der sich für einen Fan hält.
tomkey 04.04.2016
3. Kein Erfinder
Josh Homme der Erfinder von Stoner-Rock? Das weiß der Autor aber 'ne ganze Menge über Stonerrock ;-) Mag sein dass Homme einen großen Anteil beim entstehen dieser Sparte hatte .. Aber der Erfinder ist er nicht.
Bruder der Zeit 04.04.2016
4.
ich kann das Album uneingeschränkt empfehlen! Der Absolute Anspieltipp ist für mich allerdings nicht Gardenia, sondern der Song Sunday. Ein wunderbares Stück mit großartigem, ungewöhnlichem Ende!
Emderfriese 04.04.2016
5. Poppig
Mal weniger zu dem alten Iguanodon, mehr zu dem Artikel: "Seit mehr als zehn Jahren veröffentlicht Iggy Pop sein erstes richtiges Rockalbum. ..." Also der arme Mann veröffentlich permanent seit 10 Jahren ein Album? Da sind noch mehr solche eigenartigen Satz-Konstruktionen drin... liest das keiner Korrektur?
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