Indierock-Produzent Max Rieger "Ich hätte gern, dass meine Mutter meine Musik versteht"

Er ist das Mastermind des deutschen Indierocks: Max Rieger konserviert Gefühle in Musik, auch die unbequemen. Jetzt will er die Popwelt in seinen Bann ziehen.
Musiker Rieger auf dem Albumcover von "Andere": "Man guckt sich das Bild an und weiß überhaupt nicht, was man da sieht"

Musiker Rieger auf dem Albumcover von "Andere": "Man guckt sich das Bild an und weiß überhaupt nicht, was man da sieht"

Um zu verstehen, warum Max Rieger eine Schlüsselfigur der deutschen Rock- und Popmusik ist, muss man tief in die florierende, vibrierende Indieszene abseits von Streamingplaylisten und Popcharts einsteigen. Man lernt dann schnell: Rieger, ein 28 Jahre alter Musiker und Produzent, den es aus einem Vorort von Stuttgart via Leipzig nach Berlin verschlagen hat, hat hier in den vergangenen Jahren nicht nur Akzente gesetzt; er ist zu einem der bestimmenden Sound-Designer geworden.

Erfolgreiche Musiker und Musikerinnen wie Drangsal, Ilgen-Nur, Jungstötter und zuletzt Stella Sommer verdanken die oft herausragende Qualität ihrer jüngsten Veröffentlichungen Riegers Fähigkeit, Rocksongs für einen weiten Resonanzraum zu öffnen – und sie gleichzeitig atmosphärisch zu verdichten. Es ist eine Wechselspannung aus explosiver Kraft und brütender Intensität, die er selbst auch als Performer beherrscht. Rieger ist Sänger des Punkrock-Frustrationsventils Die Nerven und Mastermind seines stilleren Soloprojekts All diese Gewalt. Dessen drittes Album "Andere" ist jetzt erschienen.

Produzent Rieger im Studio: Gefühle in Musik konservieren

Produzent Rieger im Studio: Gefühle in Musik konservieren

Foto: Erik Weiss / Glitterhouse Records / Indigo

Es ist eines der schönsten und zugleich beunruhigendsten Alben dieses Jahres, eine intime, immer wieder gleißend aufstrahlende Kammermusik, die im Nebel der allgemeinen gesellschaftlichen Verunsicherung wabert, ihn aber auch scharf durchschneidet. Ihre immersive Wirkung entfaltet sie vollkommen jenseits von Genre-Zuschreibungen wie Pop und Rock, Alternative oder Mainstream.

Vier Jahre Selbstdekonstruktion stecken in den Songs von "Andere", sagt Rieger. Er trägt ein knallrotes Sweatshirt und hat seine schlanke Zweimetergestalt hinter einen Gartentisch auf dem schmalen Balkon eines Plattenfirma-Mitarbeiters in Friedrichshain geklemmt. Während des Gesprächs setzt ein heftiger, herbstlicher Schauer ein. Es ist kühl, eher ungemütlich – Interview im Corona-Ausnahmezustand. Rieger raucht selbst gedrehte Zigaretten und trinkt Brause. Er wirkt entspannt, aber sein Blick bleibt die ganze Zeit wachsam.

Rieger badet nicht in seinem Erfolg, er ist ein Szenestar. Bei einer Preisverleihung im vergangenen Jahr war er als "Lieblingsproduzent" nominiert, der "Tagesspiegel" verglich ihn sogar mit dem US-amerikanischen Rock-Guru Rick Rubin, der den Sound von Johnny Cash und den Red Hot Chili Peppers neu definierte.

Aber Rieger sieht keinen Vorteil darin, berühmt zu sein. "Ich brauche das nicht", sagt er. "Ich fühle mich nicht wichtig oder relevant genug als eine Stimme, die irgendjemanden repräsentiert. Das können andere Leute besser." Er bekomme auch keinen "Ego-Push" von Instagram-Followern oder Facebook-Likes. "Ich brauche keine Bestätigung von außen, dass mich Leute toll finden". Kurzes Nachdenken, ein selbstironisches Lächeln. "Ich bleibe gern ein bisschen privater".

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Die "Anderen" im Titel seines Albums, das sind wir, das ist genau diese Welt da draußen. Ein Zustand der Hektik und des Heuchelns, dem sich Rieger im stillen Kämmerlein seines Studios mehr und mehr entfremdet hat. "Schön und unüberwindbar", "stark und unbezwingbar" (ein Trump-Zitat) oder "stolz und unempfindsam", wie es im Titelsong heißt, sind andere, aber nicht das zwischen Sehnsucht und Solipsismus taumelnde Subjekt seiner Lieder. "Nichts kommt mir zu nah, Zweifel immer da", heißt es in "Halte mich". An anderer Stelle singt Rieger: "Ich weiß, ich bin allein und werde es immer sein/ In meiner Brust, da wohnt ein Stein".

Immer kurz vor der Eskalation

Elektronische Beats stolpern übereinander, Piano-Geklimper verliert sich in akustischen Gewölben, ein inneres Gemütschaos, das jetzt, zum ersten Mal bei All diese Gewalt, von überraschend zupackenden Melodien und Refrains eingehegt wird. Ein bisschen Depeche Mode blitzt durch, manchmal auch der opulente Synthpop von OMD. Man macht sich trotz dieser Zutraulichkeit Sorgen um den Sänger, der darauf wartet, "dass etwas passiert". Aber auf was? Auf dem Cover posiert Rieger, in ein rotes, fließendes Tuch gehüllt mit einem Maschinengewehr. Wie eine zum Terror bereite Albtraumgestalt.

Eine Provokation? Rieger sagt, das Bild sei ihm tatsächlich im Traum erschienen, inspiriert von René Magrittes "Die Liebenden". "Es ging darum, ein Geheimnis zu verraten, aber auch eins zu behalten. Man guckt sich das Bild an und weiß überhaupt nicht, was man da sieht – obwohl man genau weiß, was man da sieht. Das passt ganz gut zu dem Album." Und es passt gut in die Uneindeutigkeit unserer durch politische Unruhe und Pandemieangst gezeichneten Zeit, in der Gewaltausbruch und Gemütsruhe sich in einem ganz ähnlichen Schwebezustand zu halten scheinen. Immer kurz vor der Eskalation.

Rieger schmunzelt über Journalisten, die ihre Interviews ob dieser nervenzerrenden Ambiguität mit der besorgten Frage eröffnen, wie es ihm gehe. "Darauf gibt es ja keine ordentliche Antwort", lacht er und zitiert Hengameh Yaghoobifarah. Die streitbare "taz"-Autorin habe darauf in einem Podcast mal mit warnendem Unterton entgegnet: "Loaded question", das gefalle ihm gut. Seine Musik habe eher therapeutischen Charakter: "Natürlich geht es um mich, es ist mein künstlerischer Ausdruck. Es gibt auf dem Album diese Aha-Momente, in denen ich draufgucke und sage: Oh Gott, wie furchtbar. Aber ich habe ja dadurch die Möglichkeit, mich anders zu verhalten und daraus zu lernen. Dafür ist es ja da."

Rieger gelingt mit "Andere" das, was auch die Künstler an seiner Arbeit als Produzent schätzen: Er konserviert Gefühle in Musik, auch die unbequemen. Dass es nie konkret wird, hat Methode. "Die Welt ist so kompliziert, dass jede klare Antwort auf eine Frage morgen schon nicht mehr aktuell ist. Was ich versuche, ist, etwas zu machen, was auch nächste Woche noch gilt", sagt er. So wie die zarte, verzweifelt um Gleichmut bemühte Ballade "Blind", der vielleicht traurigste, aber auch erhabenste Song, den Rieger bisher geschrieben hat: "Ich stehe auf, ich leg mich hin/ Alles hat seinen Sinn". Orgel und Trompete.

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Längst reizt es Rieger, aus seinem Underground-Dasein auszubrechen. Der Zeitgeist spielt ihm dabei in die Hände. Innerlichkeit, psychische Abgründe und Melancholie sind vielfach die bestimmenden Motive zeitgenössischer Musik, auch in den Charts. "Die Grenzen verschwimmen total", sagt Rieger. "Eine Generation wächst jetzt gerade auf mit Billie Eilish und für die ist das Pop. Aber wenn Billie Eilish auf dem deutschen Markt passiert wäre, dann wäre das ein kleines Indieprojekt gewesen."

Nächste Station Deutschrap?

Mit Popmusik habe er nie Berührungspunkte gehabt, habe sie oberflächlich gefunden. Aber das habe sich geändert. "Ich möchte gern wissen, inwieweit meine Musik auch für einen größeren Hörerkreis kompatibel ist. Es war nie eine Entscheidung von mir, Musik zu machen, die eine ausgrenzende Wirkung hat, so ein – in Anführungszeichen – intellektuelles Ding. Ich hätte gern, dass meine Mutter meine Musik versteht, dass ich ihr was vorspiele und sage; Guck mal, das habe ich gemacht. Und sie sich dann nicht Sorgen macht, sondern beim zweiten Mal, wenn der Refrain kommt, mitsingen kann."

Es kann also nur eine Frage der Zeit sein, bis Max Riegers Name auch auf den Alben großer deutscher Popkünstler oder Rapper auftaucht. Die stilistische Offenheit und die Klarheit von "Andere" wird dabei helfen. So wie sie ihm selbst geholfen hat, seinen musikalischen Werkzeugkasten (so nennt er das) neu zu ordnen.

Deutschrap zum Beispiel, das momentan erfolgreichste Pop-Genre in Deutschland, drehe sich gerade im Kreis, befindet Rieger. Es brauche einen Act, der etwas anders mache. So wie Rick Rubin damals bei Kanye West. "Wenn mich Capital Bra anfragen würde, würde ich mit dem ein geiles Album machen", sagt Rieger grinsend. "Ich würde gern Capital Bras "Yeezus" machen." Kontakt wird gern vermittelt.