Internet-TV Nahaufnahme aus dem Kellerstudio

Ohne Moderator, ohne Saalpublikum und ohne rasante Kamerafahrten präsentiert Radiohead-Produzent Nigel Godrich seine Künstler - und erzeugt im Internet eine Intimität, die man sonst nur von Gigs in Kleinstclubs kennt.

Von


London – Der Kopf von Radiohead-Sänger Thom Yorke versteckt sich hinter einem archaisch wirkenden silbernen Röhren-Mikrofon, während er den bislang unveröffentlichten Song "Videotape" an einem alten Holzpiano durchleidet. Wo jeder Fernsehproduzent sofort "Schnitt" brüllen und das Mikro anders positionieren würde, entfaltet die Internetsendung "From the Basement" ihre ganz eigene Ästhetik: Selten hatte man, noch dazu ausgerechnet im Internet, das Gefühl, einem Künstler so nah zu sein - der Betrachter ist mit dem Musiker im Studio. Es gibt keine schnellen Schnitte, und keine Lichteffekte oder grellen Kulissen stören das Musikerlebnis.

Internetsendung "From the Basement": "Dagegen klingen reguläre TV-Auftritte wie Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert"

Internetsendung "From the Basement": "Dagegen klingen reguläre TV-Auftritte wie Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert"

Die Idee kam Produzent Nigel Godrich (Radiohead, Beck, R.E.M.), als er sich fragte, warum die Bands der früheren BBC2-Fernsehsendung "The Old Grey Whistle Test" so auffallend gut abgemischt waren. Bei dieser in den siebziger und achtziger Jahren populären Show nahmen sich die Tontechniker noch den ganzen Tag Zeit für den Soundcheck. In der jetzigen TV-Welt wäre das undenkbar. "Heutzutage sind Fernsehshows für Künstler eine feindliche Umgebung – in dem Moment, in dem sie ein Fernsehstudio betreten, ist das schon ein Kompromiss", sagte Godrich der Online-Ausgabe der britischen "Times".

In der ersten Ausgabe zeigt die komplett mit analoger Studiotechnik aufgenommene Sendung unter anderem Auftritte von Thom Yorke und The White Stripes. Jeder Song kostet dabei fast zwei britische Pfund (etwa drei Euro) - ein Schnäppchen sind die exklusiven Aufnahmen nicht gerade, doch soll den Preis die hohe Klangqualität rechtfertigen.

"Ich glaube nicht, dass irgendeine Musiksendung in den letzten 30 Jahren mit einer Bandmaschine aufgenommen wurde", sagte White-Stripes-Sänger Jack White - wie so viele Musiker schätzt er den warmen Klang altmodischer Aufnahmetechnik auf Tonband. "Gegen diese Soundqualität klingen reguläre TV-Auftritte wie Wachszylinder-Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert". Auch sonst ist der Musiker voll des Lobes für das Format und freut sich besonders, dass kein gelackter Scherzkeks die Bands ansagt: "No host. Thank god."

Hier könnte sich eine Trendwende im Musikfernsehen abzeichnen, denn "From the Basement" ist kein Einzelphänomen: Derzeit wird in London die Serie "Live from Abbey Road" gedreht. Pro Sendung sollen je drei Songs von drei Künstlern vorgestellt werden, unter anderem von den Red Hot Chili Peppers, Massive Attack und The Who. Auch hier lenkt kein Moderator die Musiker von der Arbeit ab. Von Januar 2007 an strahlt der britische Sender More4 die Studiomitschnitte aus.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.