Interview mit Alanis Morissette "Jetzt weiß jeder, dass Gott weiblich ist"

Die kanadische Sängerin Alanis Morissette sprach mit SPIEGEL ONLINE über ihre spirituelle Therapie gegen Depressionen, Sicherheitsbedürfnisse und ihr neues Album "Under Rug Swept".

SPIEGEL ONLINE:

Frau Morissette, Ihre Texte haben eine sehr nachdenkliche und bewegte Note. Sind Sie eine traurige Frau?

Alanis Morissette: Ja, das bin ich. Ich war vor allem in einer fast chronisch depressiven Phase, als ich das neue Album aufgenommen habe. Aber dann sind viele Dinge passiert, die mich aus der Depression gerissen haben. An der Grundstimmung des Albums hat das jedoch nichts geändert. Mir geht es allerdings so, dass ich mich besser verstehen kann, wenn ich einen Song geschrieben habe.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie uns das näher erklären?

Morissette: Wenn ich im Songwriting-Prozess drinstecke, bin ich für andere nicht ansprechbar. Dann bin ich abgetaucht, ein anderer Mensch. Jemand, der nicht schreibt, kann das mitunter nicht verstehen. Aber ich stecke dann so tief in meiner Arbeit, dass mir alle Dinge, über die ich schreibe, sehr bewusst werden, fast bildlich. Und oft ist es, als könnte ich mich selber dabei beobachten.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt jetzt aber wirklich nach Hokuspokus.

Morissette: Ich kann es Ihnen nicht anders erklären. Songs zu schreiben ist sehr spirituell für mich und ein Ausflug in mein tiefstes Inneres. Das Schwierige daran ist aber nicht das Schreiben an sich, sondern vielmehr, die Gefühle, die man dabei hat, später in die richtige Musik zu verpacken.

SPIEGEL ONLINE: Ein Song auf Ihrem neuen Album heißt "21 Things I Want In A Lover". Glauben Sie, dass Sie mit so vielen Ansprüchen je einen abkriegen?

Morissette: Ich habe einen abgekriegt. Als ich das Lied geschrieben habe, war ich frustriert: Meine alte Beziehung löste sich gerade auf, das schlug sich auch beim Songwriting nieder. Jetzt sind wir seit fast einem Jahr zusammen, und es ist, als wäre ich ein anderer Mensch. Durch ihn sehe ich viele Dinge anders. Ich weiß natürlich, dass sich kein Mann mit mir abgeben würde, wenn ich auf alle Punkte bestehen würde. Dann würde ich ja als Single sterben.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch gewinnt man beim Lesen Ihrer Texte manchmal den Eindruck, Sie wären überzeugt, dass Frauen die besseren Männer sind.

Morissette: Frauen sind einfach anders als Männer.

SPIEGEL ONLINE: Was können Frauen denn besser?

Morissette: Frauen können besser Auto fahren. Bei vielen Männern kommt im Auto die alte Rodeo-Mentalität zum Vorschein, als müssten sie ein Pferd zureiten. Auch als Beifahrer sind sie nicht zu gebrauchen. Viele Männer, die ich kenne, können im Auto nicht mal einen Stadtplan lesen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Songs beklagen Sie oft, wie schlecht die Welt ist. Was kann man Ihrer Meinung nach anders machen?

Morissette: Es gibt so vieles, wobei natürlich jeder bei sich selbst anfangen muss: Religionsfreiheit, Verständnis füreinander, keine Diskriminierung mehr zum Beispiel. Eine bessere Welt ist keine Sache der Staaten und deren Regierungschefs, eine bessere Welt fängt für uns alle vor der Haustür an. Aber wir Menschen sind primitiv und schieben die Verantwortung immer auf andere.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehen mit gutem Beispiel voran und engagieren sich derzeit in einem Projekt gegen die unkontrollierte Abgabe von Handfeuerwaffen. Machen Sie sich damit in den USA nicht unbeliebt?

Morissette: Weil die Amerikaner so schießwütig sind? Nein, ich glaube, es müssen viel mehr Leute wachgerüttelt und aufgeklärt werden, was solche Waffen anstellen können, wenn sie in die falschen Hände geraten, zum Beispiel in die Hände von Kindern. Ich komme aus Kanada, da ist die Mordrate dank kontrollierter Abgabe und Registrierung auf ein Minimum gesunken. Mehr Sicherheit bedeutet auch mehr Lebensqualität, das müssen sich die Leute auch mal klarmachen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Kanada so viel sicherer ist, warum leben Sie dann im Sündenpfuhl Los Angeles?

Morissette: Weil ich mir von niemandem vorschreiben lasse, wo ich zu wohnen habe. Los Angeles hat logistische Vorteile. Und ich liebe den Ozean und mein Haus und die kalifornische Wärme. Ich mag es, wie intensiv die Leute dort vor Ort miteinander umgehen. Keiner sagt dir, was du zu tun und zu lassen hast. Man wird in Ruhe gelassen und hat so unendlich viele Möglichkeiten, Dinge zu tun. Kanada ist meine Heimat, sicherlich, aber mein Zuhause ist L.A.

SPIEGEL ONLINE: Der Regisseur Kevin Smith hat Sie 1999 in seinem Film "Dogma" Gott spielen lassen. War es das erste Mal, dass Sie sich mit Gott auseinander gesetzt haben?

Morissette: Nein. Ich bin katholisch erzogen worden, da setzt man sich zwangsläufig mit Gott auseinander. Aber der Film war eine phantastische Erfahrung für mich. Ich konnte Gott so spielen, wie ich ihn mir vorstelle. Und jetzt weiß jeder, dass Gott weiblich ist.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie jetzt näher dran, unsterblich zu werden?

Morissette: Nein. Wenn ich Jennifer Lopez wäre, vielleicht. Aber das bin ich nicht, ich bin Alanis Morissette.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegt denn der größte Unterschied zwischen Ihnen und Frau Lopez?

Morissette: Sie nimmt eine andere Funktion ein, hat andere Ziele und einen anderen Stellenwert. Stellen Sie sich mal vor, ich würde in meinen Videos mit einer Tanztruppe durchs Bild tollen. Würden Sie mich dann noch ernst nehmen? Andererseits: Wenn Jennifer Lopez auf einmal ihre Songs selbst schreiben würde, würde wohl niemand mehr auch nur eine einzige Platte von ihr kaufen.

Das Interview führte Stéfan Picker-Dressel

Alanis Morissette: "Under Rug Swept" (Wea Records) wird am 25. Februar 2002 veröffentlicht.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.