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Baroness in Roskilde: Zeigt mal Muckies, Leute

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Baroness-Frontmann Baizley "Musik kriecht immer aus der Dunkelheit"

Vom Underground in die Charts: Die US-Band Baroness hat mit "Yellow & Green" ein Werk veröffentlicht, das manche Kritiker bereits zu den besten Rock-Alben des Jahres zählen. Im Interview spricht Mastermind John Baizley darüber, was seine Musik mit Metal zu tun hat - und seine Seele mit uns allen.

SPIEGEL ONLINE: Glückwunsch. Die Kritik zeigt sich angetan bis begeistert von Ihrem neuen Album, in Deutschland ist es sogar auf Platz 13 der Charts eingestiegen, obwohl Baroness bisher bestenfalls als Szenetipp galt. Viele alte Fans finden "Yellow & Green" aber zu poppig und zu soft - sie wittern Ausverkauf. Wie kontern Sie den Vorwurf?

John Baizley: Ach, irgendwann kommt in fast jeder Musikerkarriere das Gerede vom sell out. Wir haben aber keine Entscheidungen aufgrund antizipierter Verkaufszahlen getroffen, sondern aus rein künstlerischen Motiven. Von denen muss ich überzeugt sein. Und die muss ich nicht rechtfertigen.

SPIEGEL ONLINE: Zu welchem Genre zählen Sie das Album? Metal?

Baizley: Nein, ich betrachte die Musik auf "Yellow & Green" nicht als Metal. Die Regeln des Genres greifen hier nicht. Das taten sie auch auf unseren früheren Alben nicht. (Eine - sehr - ausführliche Kritik des Albums finden Sie hier...)

SPIEGEL ONLINE: Auf denen Sie aber deutlich härter zu Werke gingen.

Baizley: Wir hatten die Wahl, unsere bewährte Formel erneut anzuwenden. Oder alles niederzureißen und von vorne anzufangen. Schauen Sie: Die stabilste Fanbasis finden Sie im Metal. Metalheads bleiben einer echten Metal-Band treu, sie gehen mit ihr durch dick und dünn. Wollte ich nur Geld verdienen, würde ich nur Metal-Alben schreiben - also Erwartungen bedienen und auf eine stetig wachsende Anhängerschaft hoffen. Das war aber nicht unser Ziel, selbst wenn wir niemanden bewusst vor den Kopf stoßen wollten. Wobei ich zugebe: Je größer der Erwartungsdruck von außen ist, desto erbitterter versuchen wir, uns dem zu widersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie Kritik überhaupt annehmen?

Baizley: Das einzige Feedback, das mich interessiert, stammt von Leuten, die wissen, dass es bei Musik um Seele geht und nicht um Stil. Womit wir zur Frage nach dem Genre zurückkehren. Wenn meine Mutter von mir wissen wollen würde, was wir für Musik machen, würde ich nie antworten: Metal.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie antworten?

Baizley: Wenn mich meine Mutter nach so etwas fragen würde? Dann wäre ich vermutlich schlicht und einfach verwirrt!

SPIEGEL ONLINE: Und wenn Journalisten fragen?

Baizley: Ich könnte über postmoderne Songdekonstruktion sprechen, etwas Prätentiöses in dieser Art. Aber wir haben das neue Album - wie die zwei davor - nicht für andere Menschen geschrieben, sondern allein für uns. Wobei ich den Wunsch des Publikums nach einem Referenzrahmen durchaus verstehe.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen wir es konkret. Im Vergleich zu "Red" und "Blue" wirken die Stücke auf "Yellow & Green" sehr kompakt, sie sind songdienlich arrangiert und instrumentiert, der fast durchgängig mehrstimmige Gesang ist dominant, die Gitarren sind prägnant, bleiben aber im Hintergrund. Warum?

Baizley: Der Song an sich stand an erster Stelle, erst danach haben wir uns um Details gekümmert - eine 180-Grad-Wende. Unsere alten Alben waren sehr gitarrenorientiert, was sehr begrenzend sein kann. Als ich an "Blue" arbeitete, war Pete [Adams, der zweite Gitarrist] der einzige andere Mensch mit mir im Raum. Wir schrieben gemeinsam, wir saßen unten in Georgia, unser Drummer Allen [Blickle] wohnt oben in New York. Jetzt bin ich in Philadelphia, wir sind etwas zusammengerückt. So nahm Allen mehr Einfluss. Früher standen die Gitarrenparts als erstes fest, er hat die Drum-Parts danach entworfen. Deswegen klangen wir oft so technisch und so proggy: Die Gitarren diktierten den Drums, was zu tun ist. Und steht ein Song erst einmal, lässt sich das nachträglich nur schwer ändern. Ich bin kein besonders guter Sänger, aber jetzt sind wir der Art von Musik näher, die mich beeinflusst hat, die ich auch heute höre und die oft dominante Vocals hat: Pink Floyd etwa oder Scott Walker.

"Ich bin psychisch dauergestresst und sehr ängstlich"

SPIEGEL ONLINE: Viele Songs auf "Yellow & Green" wirken für sich genommen düster, aber in der Gesamheit verstrahlen sie eine fast optimistische Aura. Auch das ist im Vergleich zu den dunklen, aggressiven Vorgängern bemerkenswert.

Baizley: Dabei bin ich vor den Aufnahmen durch eine beschissene Phase gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Baizley: Wenn man sich - wie ich - einer Art von Musik verschreibt, die emotional auszehrt, die in gewisser Hinsicht negativ ist, fällt man irgendwann in ein Loch. Für dieses Album habe ich mir eine längere Pause erlaubt, wir haben Zeit mit unseren Familien verbracht. Ich blickte auf meine Situation und war wenig begeistert: Ich bin in den frühen Dreißigern, habe eine kleine Tochter und bin die meiste Zeit des Jahres nicht daheim. Aber ich tue, was ich tue, immerhin aus Leidenschaft. Daraus schien mir eine Verpflichtung - und ein Ausweg - zu erwachsen: Da ist jemand in meinem Leben, dem ich kein negatives Beispiel geben darf.

SPIEGEL ONLINE: Erläutern Sie mal.

Baizley: Ich hielte es fast für eine Beleidigung für meine Tochter, wenn ich die Chance nicht nutzte, ihr zu zeigen, dass der oft enge Weg des Lebens trotz allem Raum lässt, sich kompromisslos seiner Kreativiät und Leidenschaft hinzugeben. Es gibt diesen Spruch in der Branche: that's just the way it is. Nein, fuck it! Ich spreche diesem Satz seine Berechtigung ab. Ich hätte zur Uni gehen können, aber ich male nun mal - Cover-Artworks etwa - und ich mache Musik. Davon lebe ich, zwar nicht luxuriös, aber okay. Natürlich kann man mich als naiv abtun, natürlich geht es ums Geschäft. Aber ich bestehe darauf, das, was ich tue, als künstlerischen Prozess zu begreifen.

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SPIEGEL ONLINE: Und wie haben sich all diese Erkenntnisse auf dem Album niedergeschlagen?

Baizley: Der kathartische Aspekt von Musik besteht für viele junge Menschen darin, die Faust zu ballen, gegen die Cops zu rebellieren oder gegen Gott - simple Antworten auf komplexe Fragen. Ich habe versucht einen realistischen Weg durch die schwarzen Ströme meines Selbst zu gehen. Musik kriecht immer aus unseren dunklen Ecken. Ich wollte mich aber nicht damit zufrieden geben, das abzubilden, sondern wollte Gefühle transzendieren: Wut, Frustration und Angst sind universell. Manche Menschen begreifen Musik als Mittel der Zerstreuung am Ende einer langen Arbeitswoche. Der Impetus für wahrhaft seelenvolle, profunde Musik, besteht aber für mich darin, sich den dunklen Dingen zu stellen und den Drang zu zelebrieren, selbst ans Licht zu geraten.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach Therapie.

Baizley: Anderen Menschen helfen kann und will ich nicht. Es geht hier nicht um dich, sondern allein um mich. Und ich behaupte nicht, dass mich meine Musik glücklicher macht. Aber vielleicht verschafft sie mir Einsichten oder erlaubt mir, konstruktiver mit mir selbst umzugehen. Oder lässt mich schlicht durchhalten.

SPIEGEL ONLINE: Reden wir also über ihre Dämonen, denn darum geht es, oder?

Baizley: Natürlich. Ich bin eine psychisch dauergestresste, sehr ängstliche Person, ich habe mit Substanzmissbrauch zu kämpfen gehabt und anderem. Wir bewegen uns hier in einem Graubereich, nichts ist schwarz oder weiß, klar. Doch wir alle kennen das Gefühl festzustecken, behindert zu werden, ängstlich zu sein. In dieser Art von Universalität liegt die wahre Macht von Musik: sie überschreitet Grenzen von Klasse, Rasse oder Geschlecht, sie transzendiert.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Hörerschaft ist nach den obigen Kriterien trotzdem recht eng umgrenzt, oder?

Baizley: Ja, auch wenn unser Publikum nicht so homogen ist, wie man schnell glaubt, kenne ich seine Zusammensetzung natürlich ziemlich gut...

SPIEGEL ONLINE:...es ist männlich und weiß...

Baizley: ...aber das ist keine Absicht. Und ich will meinen Anspruch und meine Ansprache nicht beschränken. Jedermann, der open-minded ist, soll in unserer Musik etwas finden können, an dem er teilhaben kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie stammen aus den Südstaaten, die Szene für harte Musik dort blüht mit Bands wie Mastodon, Kylesa oder eben Baroness. Warum?

Baizley: Der Süden ist kein besonders wichtiger Markt für die Musikindustrie, es kommen nicht viele Bands dorthin, die externen Einflüsse sind begrenzt. Das gilt auch für meine Heimat Savannah. Also experimentierten wir ein wenig, grenzten uns ab. Ich mochte die Bad Brains, Black Flag, in meinen Zwanzigern hieß die game-changing Band Neurosis. Und wir schauten zurück: Fugazi, Pink Floyd - Bands, die Grenzen verschoben haben. Und da wir solche Bands bei uns nicht erleben konnten, mussten wir eben selbst so eine Band werden.


Baroness live: am 6. August in Hamburg, am 7. August in K openhagen, am 9. August in Oslo, am 12. August in Margate (UK), am 13. August in Sheffield (UK), am 14. August in Bristol (UK), am 15. August in Southhampton (UK), am 17. August in Hasselt (Belgien), am 18. August in Leipzig, am 19. August in Lüdinghausen.

Das Interview führte Thorsten Dörting
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