Interview mit Björk Wen interessiert schon die Farbe meines Slips?

Björk gilt als exzentrisch, perfektionistisch und als begnadete Sängerin. Mit SPIEGEL ONLINE sprach die 36-jährige isländische Pop-Elfe über ihr neues Album "Vespertine", aufdringliche Fans und ihre Vorliebe für Hochprozentiges.


Björk: Cognac trinken und Schmetterlinge sammeln als Lebensaufgabe
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Björk: Cognac trinken und Schmetterlinge sammeln als Lebensaufgabe

SPIEGEL ONLINE:

Ihr neues Album ist nach dem Soundtrack-Ausflug zu "Dancer In The Dark" ungewöhnlich sanft und harmonisch ausgefallen. Hatten Sie ein ruhiges Jahr?

Björk: Durchaus. In Wahrheit bin ich eine ruhige und introvertierte Frau. Als ich ein kleines Kind war, in Island, bin ich viel durch die Wälder gelaufen und habe dabei gesungen. Diese stillen Momente habe ich geliebt und lange vermisst, weil sie einem bewusst machen, dass nichts mehr so ist, wie es in der Kindheit war. Das hat meinen persönlichen Stil und meine Meinung über Musik sehr geprägt. Diese Momente wollte ich festhalten.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie die Musik für sich entdeckt?

Björk: Schon sehr früh. Meine Mutter sagt, dass ich schon im Alter von einem Jahr viel gesungen habe. Mit zwei konnte ich mir bereits ganze Lieder merken und habe sie vor mich hingesummt. Überhaupt war ich ein sehr fröhliches Kind. Musik war immer ein Wunder für mich.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben lange in London gelebt. Was ist der Unterschied zwischen London und Reykjavik?

Björk: In Reykjavik wird man in Ruhe gelassen. In London kann man nicht leben, ohne sich zu verändern. Das musste ich auch, ich musste irgendwann von einem introvertierten Menschen zu einem extrovertierten werden. Sonst wird man in Island entweder Alkoholiker oder zum Selbstmörder. Also habe ich jeden Menschen, den ich traf, in ein Gespräch verwickelt. Das hilft am besten, um die Scheu vor Menschen abzulegen. Und ich habe sehr viel Kaffee getrunken.

SPIEGEL ONLINE: Kaffee trinken hilft? Andere Menschen trinken Alkohol, um viel zu reden oder aus sich herauszukommen.

Björk: Das mag sein. Aber Kaffee trinken hilft mir definitiv am besten.

SPIEGEL ONLINE: In der Vergangenheit sind Sie oft zur Zielscheibe von Stalkern, also sehr aufdringlichen Fans, geworden. Können Sie erklären, warum Sie auf so viele Menschen faszinierend wirken?

Pop-Elfe im Schwanenkleid: Björk bei der Verleihung der Academy Awards im März 2001 in Los Angeles
AP

Pop-Elfe im Schwanenkleid: Björk bei der Verleihung der Academy Awards im März 2001 in Los Angeles

Björk: Das ist alles so fürchterlich kompliziert, und ich kann es mir beim besten Willen nicht erklären. Gottseidank bin ich emotional so gefestigt, dass ich solche Erlebnisse nicht nah genug an mich heranlasse. Ich denke dann darüber nach, welches Bild sich die Leute von mir machen. Ich weiß, dass ich mich dafür entschieden habe, eine öffentliche Person zu sein, aber ich glaube nicht, dass die Menschen tatsächlich wissen wollen, welche Farbe mein Slip hat. Viele Personen sind dafür geboren, eine Celebrity zu sein. Ich nicht. Ich bin Musikerin.

SPIEGEL ONLINE: Und auch Schauspielerin. Waren Sie sehr überrascht, dass der Film "Dancer In The Dark" im vergangenen Jahr so ein Erfolg geworden ist?

Björk: Ich kann das bis heute nicht verstehen. Für mich war "Dancer In The Dark" nichts weiter als ein weiterer Independentfilm eines exzentrischen Filmemachers. Wie alle Filme von Lars von Trier.

SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie Lars von Trier nicht?

Björk: Meiner Meinung nach ist er überbewertet. Er ist ein schlechter Regisseur, der noch schlechter verständlich machen kann, was er eigentlich will.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nicht sehr nett.

Björk: Ich bin Komplimenten gegenüber grundsätzlich sehr skeptisch eingestellt. Ich lebe zur Zeit in New York und bin, wie ich merke, als Isländerin das komplette Gegenteil von den Amerikanern. Wenn der Isländer jemanden mag, erzählt er ihm das zehn Jahre nicht. Die Amerikaner sagen dir schon nach einer Minute, wie toll sie dich finden.

SPIEGEL ONLINE: Was muss passieren, dass Sie ein Kompliment akzeptieren?

Björk: In Island geht das so: Man trifft sich wie immer, und trinkt erst einmal zwei Flaschen Whisky. Und morgens um sieben, kurz vor dem Nachhausegehen, sagt man dann: 'Weißt du, du bist gar nicht so übel'. Das ist so ziemlich das gängigste Kompliment, was man so hört in Island. Gleichzeitig ist es auch eine Liebeserklärung.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie trinkfest?

Björk: Ein paar Whisky bringen mich nicht um. Das erinnert mich an die Zeit, als wir damals viel gecampt haben. Einer hatte einen Ghettoblaster dabei, der andere eine Flasche Cognac. Es hat immer einen riesigen Spaß gemacht, denn nirgends leuchten die Sterne so schön wie über Island.

SPIEGEL ONLINE: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Björk: Wenn ich fünfzig bin, will ich mich durch alle Cognacsorten der Welt testen und dabei meine Schmetterlinge ordnen, die ich dann sammeln werde. Das ist doch eine schöne Lebensaufgabe, oder? Hoffentlich gibt es dann noch Schmetterlinge.

Das Interview führte Stéfan Picker-Dressel

Björk: "Vespertine"(Polydor/Universal) erscheint am 27. August 2001



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