Interview mit Bob Geldof "Das Hässliche hinterlässt Spuren"

Der irische Musiker Bob Geldof spricht im Interview über Depressionen nach dem Ende seiner Ehe, seinen politischen Kampf für die Ärmsten der Welt und sein neues Album "Sex, Age & Death".

SPIEGEL:

Mr. Geldof, nach privaten Schicksalsschlägen, die in aller Öffentlichkeit verhandelt wurden, und vielen Jahren musikalischer Pause haben Sie nun ein Album herausgebracht, das schon im Titel von den ganz großen Dingen des Lebens zu erzählen verspricht ­ von Sex, Alter und Tod. Handelt es sich um eine Art philosophisches Grundsatzbekenntnis?

Geldof: Ich habe lange gebraucht, um diese Platte zu machen, weil ich sie erst leben musste. Ich verstand nicht, was in den vergangenen paar Jahren passiert war. Dies war der Beginn des Verstehens.

SPIEGEL: Damals verließ Sie Ihre Frau Paula Yates für den INXS-Sänger Michael Hutchence; beide kamen später zu Tode, Hutchence 1997 unter nie ganz geklärten Umständen, Paula Yates starb 2000 an einer Überdosis Drogen. Dieses Trauma arbeiten Sie mit Ihrer Platte ab?

Geldof: Es ging um alles, was damit zu tun hatte. Dies war nur der letzte Akt einer schrecklichen, fast Shakespeareschen Tragödie. Tatsächlich war das Album fertig, bevor Paula starb. Die Platte hat nichts mit Katharsis zu tun. Trotzdem ist es bis heute sehr belastend für mich, sie anzuhören.

SPIEGEL: Wann haben Sie angefangen, an "Sex, Age & Death" zu arbeiten?

Geldof: Ich weiß, es klingt seltsam, aber ich habe keine Ahnung. Als meine Frau mich 1995 verlassen hat, bin ich völlig zusammengebrochen. Zwei, drei Jahre lang war ich außer Funktion.

SPIEGEL: Litten Sie unter Depressionen?

Geldof: Das war mehr als Depression. Jeder hat ähnliche Geschichten zu erzählen, wie er mal verlassen wurde. Aber meine Erfahrung, denke ich, war extrem. Dazu kam, dass dieses Drama wie geschaffen war für die britischen Boulevardzeitungen: Alle, die darin eine Rolle hatten, waren prominent.

SPIEGEL: Hat das öffentliche Interesse an Ihrem Unglück Ihnen nicht wenigstens das Gefühl beschert, nicht völlig allein zu sein?

Geldof: In Wahrheit ist man ganz besonders allein. Wie ein Objekt unter dem Mikroskop. Aber ich war mit viel simpleren Dingen beschäftigt: Ich existierte nur. Ich musste mich daran erinnern einzuatmen, auszuatmen und wieder einzuatmen. Ich war wie entmannt und ausgeweidet. In dieser Situation hat man nur eine schmale Bandbreite von Gefühlen zur Verfügung.

SPIEGEL: Konnten Sie in dieser Zeit arbeiten? Sie waren damals neben Ihrem Musikerjob immerhin Miteigentümer der Fernseh-Produktionsfirma Planet 24, die Shows wie "The Big Breakfast" produzierte.

Geldof: Nein. Ich wollte mich in einen möglichst weit entfernten Winkel unserer Erde zurückziehen und dort die graue Leere anheulen. Aber das ist nicht möglich, wenn man drei Kinder hat.

SPIEGEL: Und das hielt Sie auch vom Gedanken an Selbstmord ab?

Geldof: Ich fand Suizid immer erbärmlich. Bis zu jenem Morgen, als ich aufwachte und mein Gesicht nass war, weil ich wieder im Schlaf geweint hatte. Und mir nicht mehr vorstellen konnte, diesen Zustand noch länger zu ertragen. Meine Freunde haben gesagt: Glaub mir, das geht vorbei. Aber wann? Man kann sich Zeit nicht mehr vorstellen, und es sind Jahre, um die es geht. Ich habe mich dann hingesetzt und eine Liste von Gründen gemacht, derentwegen es sich lohnt zu leben ­ oder zu sterben. Als ich alles zusammenaddiert habe, kam heraus, dass ich mich nicht mehr so fühlen wollte. Es war, dachte ich, eine rationale, gut überlegte Entscheidung. In dem Moment wurde mir klar, dass ich mich auf sehr gefährlichem Gebiet bewegte.

SPIEGEL: Haben Sie damals allein gelebt?

Geldof: Nein. Meine Freunde Howard und Pete, mit dem ich bei den Boomtown Rats zusammengespielt hatte, zogen zu mir. Es war wirklich eine seltsame Erfahrung, wie Männer sich in so einer Situation unterstützen: Wir saßen zusammen herum und haben gemeinsam geschwiegen. Es war bizarr, aber beruhigend. Howard hat sich um mich gekümmert, und Pete arbeitete im Keller an seiner Musik. Zunächst brauchte ich keine Musik und wollte noch nicht mal welche hören. Aber dann drangen Klangfetzen in meinen Kopf. Irgendwann habe ich mir die Gitarre genommen und plonk, plonk, die Bass-Saite gezupft. SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dass Sie die Sache heute endgültig hinter sich haben?

Geldof: Man könnte es so beschreiben: Man nimmt den Schmerzklumpen aus dem Kopf, untersucht ihn und sagt zu sich selbst: So siehst du aus, ich kenne dich, du Scheißding ­ und räumt ihn wieder zurück. Bis zum nächsten Mal. Nach und nach kommen die eigenen Fähigkeiten zurück. Als Erstes war ich in der Lage, mich um Geschäftliches zu kümmern. Weil es da nicht um Gefühle ging. Irgendwann hatte ich wieder Zugang zur Welt der Kreativität.

SPIEGEL: Hatten Ihre Freunde doch Recht mit dem Trost, die Zeit heile alle Wunden?

Geldof: Nein. Man kann versuchen, den Schmerz zu begraben. Aber die Zeit heilt nicht. Sie hilft nur, sich auf ihn einzustellen. Und wenn er sich doch wieder ins Bewusstsein vorgearbeitet hat, kann man ihn in einer Ecke des Gehirns parken. Er ist immer dort, immer anwesend, aber er steht in einem Zusammenhang. Man lernt mit ihm zu leben, mehr nicht.

SPIEGEL: Ihr Album ist ein Jahr nach dem Tod von Paula Yates erschienen. Hätten Sie es auch veröffentlicht, wenn sie noch leben würde?

Geldof: Ja. Ich hätte es schön gefunden, wenn sie es gehört hätte. Und sie dachte, dass ich ein guter Musiker bin. Ich glaube, dass ihr die Platte gefallen hätte.

SPIEGEL: Was haben Ihre Töchter zu den Texten gesagt, in denen Sie recht offen über deren Mutter Paula Yates schreiben?

Geldof: Die denken sowieso, dass meine Musik schrecklich ist. Auf die Texte achten sie erst gar nicht. Und selbst wenn die Lieder ihnen gefielen, würden sie das nie zugeben. Die hören lieber Eminem, Britney Spears oder so etwas. Im Übrigen muss ich sagen: Ich erwarte gar nicht, dass die Leute "Sex, Age & Death" so genau anhören. Fürs Radio ist es nicht sehr gut geeignet. Es gibt keinen Titel, der sich zur Single eignen würde. Na und?

SPIEGEL: Das klingt nicht nach dem Geschäftsmann Geldof.

Geldof: Ich bin Musiker. Business ist nur eine Fähigkeit. Ich verfüge über sie, also nutze ich sie. Musik ist das Einzige, was mich ganz gefangen nimmt: emotional, psychisch, intellektuell, geistig, physisch. Ich bin auch kein echter Geschäftsmann. Ich habe Ideen, die ich umsetzen will. Und wenn die Sache läuft, wie damals mit der TV-Firma Planet 24, dann wird sie mir langweilig. Ich habe Planet 24 inzwischen verkauft.

SPIEGEL: Heute sind Sie mit Ihrer Firma Ten Alps in Fernsehen, Radio, Werbung und Event-Planung engagiert. Gehen Sie wie ein ordentlicher Firmenchef jeden Tag ins Büro?

Geldof: Nein, ich gehe nie ins Büro. Da wird dann alles zu kompliziert. Ich bin zu Hause, den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, und spiele auf der Gitarre herum. Mit einem Ohr lausche ich der Unterhaltung, mit dem anderen der Gitarre. Wenn mir gefällt, was ich spiele, wiederhole ich es so lange, bis das Gespräch vorbei ist. Meine Konferenzen halte ich alle in einem Café in der King's Road ab. Ich habe keine E-Mail, keinen Anrufbeantworter und keine Sekretärin. Meine Aufgabe ist es, Einfälle zu haben und Kontakte herzustellen.

SPIEGEL: Finden Sie noch Zeit, sich für Afrika und Ihr Hilfsprojekt Band Aid zu engagieren?

Geldof: Ich arbeite seit 17 Jahren für Afrika, ich bin Vorsitzender des Band Aid Trusts. Und ich engagiere mich für die "Drop the Debt"-Kampagne, in der es um den Schuldenerlass für die ärmsten Länder der Welt geht.

SPIEGEL: Dafür trafen Sie und Bono dieses Jahr beim G-8-Gipfel in Genua den britischen Premier Tony Blair und den deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Konnten Sie die beiden überzeugen?

Geldof: Die Sache ging sehr schnell über die Bühne. Bono und ich sind die Laurel und Hardy der Dritte-Welt-Schulden. Wenn er spricht, ist er sehr salbungsvoll. Und unglücklicherweise bin ich sehr direkt. Leute wie Blair, Bill Clinton, George W. Bush, Schröder sind mehr oder weniger aus der gleichen Generation, wir haben den gleichen kulturellen Hintergrund. Das Problem liegt darin, das System zu verändern. Und diese Politiker sind Sprachrohre des Systems. Trotzdem gibt es jetzt den Willen, etwas zu verändern. Vor allem nach Afghanistan. Aber es gibt immer wieder Entschuldigungen, wie zum Beispiel, dass der Internationale Währungsfonds praktisch pleite sei.

SPIEGEL: Und was antworten Sie dann?

Geldof: Dass 800 Millionen Dollar Schuldenerlass pro Jahr, die beim G-8-Gipfeltreffen 1999 in Köln gewährt wurden, nicht genug sind. Diese Dritte-Welt-Länder brauchen 3 Milliarden Dollar, um die Möglichkeit zu haben, sich zu entwickeln. Tatsache ist doch: Diese Staaten können ihre Zinsen nicht bezahlen. Es geht nicht. Und diese einfache Tatsache muss man zur Kenntnis nehmen. In diesen Ländern wird für die Zinsen mehr bezahlt als für das Gesundheitssystem. Und das in Zeiten der Aids-Pandemie in Afrika. Das ist lächerlich. Wir brauchen dieses Geld nicht. Wir sind die reichsten Staaten dieses Planeten. Das ist ökonomischer Schwachsinn. SPIEGEL: Die Logik der Banker lautet: Wer seine Kredite nicht abbezahlt, bekommt kein weiteres Geld.

Geldof: Das ist Unsinn. Von allen Ländern sollte Deutschland das am besten wissen. Was passierte denn nach dem Versailler Vertrag von 1919? Was war mit den Reparationszahlungen nach dem Zweiten Weltkrieg? Und die Bedingungen, die heute den ärmsten Entwicklungsländern aufgezwungen werden, sind schlimmer als jene, die der Versailler Vertrag vorsah. Die Sache ist doch so: Wenn es in diesen Staaten keine Ausbildung für die Menschen gibt, kein Gesundheitssystem und nicht genug zu essen, dann ist das die Basis für eine reiche, korrupte Elite, die das Volk ausbeutet.

SPIEGEL: Werden Sie also wieder Wohltätigkeitsspektakel organisieren wie 1985, als bei zwei parallelen Konzerten in London und Philadelphia Stars wie Paul McCartney, Bob Dylan, Elton John auftraten? Damals haben Sie immerhin rund 200 Millionen Mark gesammelt.

Geldof: Für mich war das keine Wohltätigkeitsveranstaltung. Bei Live Aid ging es darum, eine politische Lobby zu schaffen, die ein Thema, das ganz unten auf der Agenda stand, an Punkt eins setzt. Der mögliche Tod von 13 Millionen Menschen in Afrika damals war obszön. Es ist intellektuell absurd und moralisch grotesk, dass in einer Welt des Überflusses Menschen am Mangel sterben. Geld war die physische Manifestation dieser Lobby. Das Ereignis wurde von etwa 1,7 Milliarden Menschen gesehen. Ein Ergebnis davon war, dass ich ins Weiße Haus, in die Downing Street und den Elysée-Palast gehen konnte. Wir haben mitgeholfen, 37 Gesetze zu ändern. Das hat einen wirklichen positiven Langzeiteffekt. Natürlich ging das ganze Geld an jene, die es brauchten. Individuen sind monströsen, menschlichen Ereignissen nicht hilflos ausgeliefert. Wenn man mit Argumenten, Vernunft, Logik arbeitet, kann man die Dinge verändern.

SPIEGEL: Waren Ihnen die Dimensionen dieses Ereignisses damals bewusst?

Geldof: Bevor ich bei Live Aid auf die Bühne ging, hatte ich viele Monate damit verbracht, das Ereignis zu organisieren. Und dann war ich plötzlich wieder ein Musiker, auf der Bühne mit den Boomtown Rats im Wembley-Stadion. Der Lärm war absolut unglaublich. Ich zog meine Jeansjacke aus und dachte nur: "Verdammte Scheiße!" Wir fingen an, wir spielten "I Don't Like Mondays", und ich hatte schon die Zeile im Kopf, die ich als Nächstes singen musste: "The lesson today is how to die." Und es traf mich wie ein Schlag, dass die Worte an diesem Tag plötzlich eine komplett andere Bedeutung hatten als ursprünglich beabsichtigt. Ich hatte in diesem Moment den rechten Arm in der Luft, und ich hielt einfach inne. Die Dinge, die in meinem Kopf unklar waren, wurden klar, der dauernde innere Bürgerkrieg stoppte. Es war ein Moment tiefer Stille, wie ich ihn vorher nie erlebt hatte. Ich dachte, dass es mir immer um die Verbindung von Musik und Politik gegangen war, und nun verstand ich, dass alles auf diesen Tag hingeführt hatte. Und dann musste ich diesen Moment loslassen.

SPIEGEL: Ist es richtig, dass Sie durch ihr jahrelanges Engagement für die Ärmsten dieser Welt irgendwann selbst pleite waren?

Geldof: Ja, weil ich von 1984 bis 1987 nur für Live Aid gearbeitet habe, natürlich ohne Gehalt. Wir wollten, dass jeder gespendete Penny in Afrika ankommt. Ich habe von zu Hause aus telefoniert, und leider waren nicht alle Flüge von den Airlines gesponsert. Aber ich hatte eine Familie, die ich ernähren musste. Weil mir ein großer Vorschuss angeboten wurde, habe ich das Angebot angenommen, meine Autobiografie zu schreiben. Es ist eben ein dauerndes Auf und Ab: reich, pleite, reich. So war es immer, und zwar nicht nur, wenn es ums Geld ging. Mir scheint mein Leben sehr extrem, sehr episodenhaft zu sein. Wie eine Seifenoper. Es ist ein sehr ermüdendes Leben.

SPIEGEL: Glauben Sie, das ist Schicksal? Oder liegt es an Ihnen?

Geldof: Ich habe keine Ahnung. Mein Lehrer fragte mich, als ich wieder eine Prüfung verpatzt hatte, was ich eigentlich mal sein wollte. Ich antwortete: Ich möchte von Schönheit umgeben sein.

SPIEGEL: Wie reagierte Ihr Lehrer darauf?

Geldof: Er sagte: Mit diesen Noten schaffst du das nie.

SPIEGEL: Er hatte Unrecht.

Geldof: Vielleicht. Aber es ist das Hässliche, was Spuren hinterlässt.

SPIEGEL: Mr. Geldof, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Interview führten die SPIEGEL-Redakteure Stefan Aust und Marianne Wellershoff sowie der Mitarbeiter Christoph Dallach.

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