Interview mit Dave Gahan "Ich war doch nur der Sänger"

Der britische Pop-Sänger Dave Gahan sprach mit SPIEGEL ONLINE über sein erstes Solo-Album "Paper Monsters", sein neu erlangtes Selbstbewusstsein und die Zukunft der Elektropop-Band Depeche Mode


Musiker Gahan: "Ich kam mir oft vor wie ein Instrument, dessen sich andere bedienten"
DDP

Musiker Gahan: "Ich kam mir oft vor wie ein Instrument, dessen sich andere bedienten"

SPIEGEL ONLINE:

Mister Gahan, Sie sind seit 22 Jahren Sänger der Elektropop-Band Depeche Mode. Fühlen Sie sich jetzt mit ihrem ersten Soloalbum trotzdem ein wenig wie ein Newcomer im Musikgeschäft?

Dave Gahan: Ja, das Gefühl ist durchaus vorhanden. Es ist für mich völlig unbekannt und neu, mit etwas, was ich selbst geschaffen habe, so eine Resonanz zu erzielen. Eigene Songs zu schreiben sind für mich eine ganz neue Erfahrung. Ich denke, das gibt mir die Art von Energie, nach der ich seit ewigen Zeiten gesucht habe.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist ausgerechnet jetzt der richtige Zeitpunkt, etwas Eigenes zu machen?

Gahan: Ich denke, der Wunsch, etwas Eigenes zu schaffen, war schon lange in mir. Aber die Aktivitäten mit Depeche Mode haben das bislang verhindert, wohl auch, weil ich mich selbst nicht allzu ernsthaft mit eigenen Songs auseinander gesetzt habe. Doch nach dem letzten Album "Exciter" habe ich zum ersten Mal ernsthaft überlegt, das, was in mir drin ist, einfach aufzuschreiben. Diese Arbeit hat mich außergewöhnlich euphorisiert und inspiriert. Heute frage ich mich selbst, warum ich so lange damit gewartet habe.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht, weil Sie bislang zu wenig Vertrauen in Ihr eigenes Können hatten?

Gahan: Mag sein. Ich hatte bisher ohnehin viel zu wenig Selbstbewusstsein. Wo hätte ich es auch hernehmen sollen? Martin Gore ist der kreative und musikalische Kopf bei Depeche Mode. Ich war doch nur der Sänger, der das zu Hits machen sollte, was andere erschaffen hatten. Da kommen zwangsläufig Selbstzweifel auf, daher hätte ich eine Platte wie "Paper Monsters" noch vor fünf Jahren nicht machen können, das wäre undenkbar gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Gore denn bestimmt, wie Sie sich bei Depeche Mode zu verhalten haben?

Gahan: Immer wieder, ja. Er hat mir teilweise sogar vorgeschrieben, wie ich bestimmte Songpassagen zu singen hätte. Ich kam mir oft vor wie ein Instrument, dessen sich andere bedienten. Für Martin war diese Umgangsweise immer normal, er hat sich dabei nichts gedacht. Aber genauso normal ist es für mich nun nach langer Zeit, endlich etwas Eigenes zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wer oder was hat Ihr Selbstbewusstsein geweckt?

Popband Depeche Mode, Songwriter Gore, r.: "Die Songs anderer Leute zu singen ist kein natürlicher Vorgang"

Popband Depeche Mode, Songwriter Gore, r.: "Die Songs anderer Leute zu singen ist kein natürlicher Vorgang"

Gahan: Das war Knox Chandler, der Mann, mit dem ich die Songs für "Paper Monsters" geschrieben habe. Wir saßen einen Tag in New York zusammen, und er fragte mich, ob ich schon einmal über eigene Songs nachgedacht hätte. Ich antwortete ihm, dass ich die Idee schon hätte, aber nicht wüsste, wie ich das bewerkstelligen und wer das überhaupt hören soll. Knox meinte, dass ich der Sänger und das akustische Aushängeschild von Depeche Mode sei und dass es eine Menge Leute gäbe, die sich meine Songs anhören würden. Daraufhin hat es bei mir im Kopf irgendwie 'klick' gemacht, es war so, als hätte er mit diesem Satz etwas freigesetzt. Denn tatsächlich, so hatte ich es vorher noch nie gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!

Gahan: Doch. Die Songs anderer Leute zu singen ist kein natürlicher Vorgang. Aber Depeche Mode hat immer so funktioniert, das wurde mir auf einmal sehr deutlich. Als ich auf einmal meine eigenen Songs gesungen habe, mit meinen eigenen Inhalten, war das für mich wie eine Offenbarung. Auf einmal spielte ich keine Rolle mehr, ich war plötzlich jemand. Ich konnte Songs so interpretieren, wie ich es wollte, ohne dass jemand wie Martin hinter mir stand und sagte, dass ich den Refrain bei diesem oder jenen Stück eine halbe Note höher singen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ja fast ein bisschen nach einer Wiedergeburt.

Gahan: Ich würde es anders ausdrücken: Depeche Mode waren wie zwanzig Jahre Schule, und jetzt geht's ins wirkliche Leben.

SPIEGEL ONLINE: Ist bei so viel Spaß in Ihrem neuen Leben überhaupt noch Platz für Depeche Mode?

Gahan-Album "Paper Monsters": "Heute frage ich mich selbst, warum ich so lange damit gewartet habe"

Gahan-Album "Paper Monsters": "Heute frage ich mich selbst, warum ich so lange damit gewartet habe"

Gahan: Von meiner Seite aus definitiv. Aber ob es eine Zukunft gibt für Depeche Mode, hat sehr viel damit zu tun, ob Martin den Willen und die Offenheit hat, sich zu ändern. So wie bisher wird es jedenfalls nicht mehr weitergehen, und ich möchte künftig mehr in die Arbeit an neuen Songs involviert sein. Es wäre falsch für mich und auch für die Band, wenn wir so weiter machen würden wie bisher. Zumal ich mich nicht mehr in so einem Maße selbst betrügen möchte wie in der Vergangenheit. Ich vermisse Alan Wilder sehr, der nach dem Album "Songs Of Faith And Devotion" die Band verlassen hat. Er hat gesagt, dass es für ihn härter wäre, weiterhin in der Band zu sein. Damals habe ich ihn nicht verstanden, heute tue ich das.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Martin Gore gefragt, was er von "Paper Monsters" hält?

Gahan: Ich habe ihm ein Exemplar geschickt, aber noch keine Antwort bekommen. Vielleicht ist er ja im Urlaub. Es ist wichtig für mich, was er von dem Album hält. Schließlich hängt davon auch ab, wie es künftig mit uns weitergeht. Mit uns persönlich, aber vor allem mit Depeche Mode.

SPIEGEL ONLINE: Auch Martin Gore hat mit "Counterfeit 2" ein weiteres Soloalbum herausgebracht. Darauf intoniert er ein Lied von Kurt Weill. Können Sie sich vorstellen, ebenfalls auf Deutsch zu singen?

Gahan: Dazu müsste ich erst die Sprache lernen. Martin hat dagegen einen starken Hang zum Extremen und zur Dramatik, ein Lied auf Deutsch steht ihm da ganz gut. Depeche Mode haben ja eine lange und gute Verbindung zu Deutschland. Wir haben viel Zeit hier verbracht, ein Album aufgenommen. In keinem Land der Erde haben wir ein besseres Verhältnis zu den Fans als in Deutschland. Weil wir nirgends so massiv von Anfang an unterstützt wurden.

Das Interview führte Stéfan Picker-Dressel



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