Interview mit Dave Grohl "Die Nirvana-Story ist vorbei"

Mit dem Doppelalbum "In Your Honor" feiert die amerikanische Rockband Foo Fighters ihr zehnjähriges Bestehen. Sänger Dave Grohl, 36, sprach mit SPIEGEL ONLINE über die Last seiner Vergangenheit als Nirvana-Drummer, seine Erlebnisse als Wahlkämpfer und sein neu entdecktes Herz für den kleinen Mann.

SPIEGEL ONLINE:

Mister Grohl, Ihr neues Album heißt "In Your Honor". Wem gebührt die Ehre?

Grohl: Damit sind die Menschen gemeint, die jeden Tag und jede Stunde im ganzen Land ihrer ehrlichen Arbeit nachgehen und damit Amerika zu dem machen, was es ist. Lehrer, Fabrikarbeiter, Kaufleute, Farmer, Verkäufer - sie alle bilden mit ihrer Arbeit das Rückgrat unseres Landes. Ich finde, man kann solchen Leuten nicht genug Respekt und Ehre zollen. Nicht das glitzernde Hollywood mit seinen Skandalen und Stars ist repräsentativ für Amerika, sondern diese kleinen Leute. Sie sind das eigentliche Amerika.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie denn Ihre Liebe zum kleinen Mann entdeckt?

Grohl: Das kommt nicht so aus heiterem Himmel, es war ein Prozess. Irgendwann kommt jeder in ein Alter, in dem man für gewisse Dinge ein Bewusstsein entwickelt. Die Politik als solche ist mir ein Greuel, damit kann ich mich nicht identifizieren, aber dennoch bin ich interessiert an politischen Abläufen und Entscheidungen, weil sie mich letztlich auch betreffen. Auslöser waren sicherlich die Momente, als ich für John Kerry, den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, bei einigen Wahlkampfterminen aufgetreten bin.

SPIEGEL ONLINE: Wieso haben Sie Kerry unterstützt?

Grohl: Weil er politisch eher meine Linie vertritt. Und weil ich Bush ärgern wollte, weil der für seine Auftritte einen Song der Foo Fighters benutzt hatte. Ich fand das zum Kotzen, weil ich, vorsichtig ausgedrückt, kein Freund seiner Politik bin. Aber wenn Bush mit einem unserer Lieder Stimmung macht, blieb mir nur übrig, Kerry zumindest bei einer handvoll Auftritte live zu unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Und dabei haben Sie sich dann Gedanken über Ihre Landsleute gemacht.

Grohl: Ja, und dabei echte Erfahrungen gesammelt. Ich habe noch nie vor Wahl-Publikum gespielt, die kannten weder meinen Namen noch meine Musik. Für die war ich irgendein Kerl mit einer Klampfe. Das war okay, denn die Leute sind ja wegen Kerry gekommen. Ich war nur die Dreingabe. Diese Leute, die da zuhörten, haben mich mit ihrer unvoreingenommenen Art fasziniert. Das waren gute, ehrliche Leute, alle mit denselben Sorgen um ihre Familie und den Job. Und mit großer Zukunftsangst. Für die zählt kein Lifestyle, sondern eine Perspektive für ihre Kinder, und die ist gerade auf dem Land nicht gerade rosig. Auch wenn diese Leute mit ihren eher konservativen Wertvorstellungen ganz andere Meinungen vertreten als ich, haben sie mir imponiert. Weil sie ihr Leben mit einer gewissen Prinzipientreue und Geradlinigkeit leben. Das ist vielen, auch mir, abhanden gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ja fast nach vorgezogener Midlife-Crisis. Haben Sie Ihre bisherige Arbeit in Frage gestellt?

Grohl: Das nicht, das Vertrauen in meine Fähigkeiten habe ich nicht verloren. Aber ich habe mir Gedanken über meine Arbeitsweise gemacht. Schließlich habe ich nach der letzten Foo-Fighters-Platte "One By One" jede Gelegenheit genutzt, um mit anderen Bands wie Killing Joke oder Queens Of The Stone Age zu spielen. Das war ganz klar eine Art von Flucht. Manchmal wusste ich in den letzten zwei, drei Jahren nicht einmal, ob die Foo Fighters als Band noch eine Zukunft haben. Nach den Wahlkampfauftritten stellte ich mir diese Frage nicht mehr. Es war klar, dass es mit der Band weitergeht.

SPIEGEL ONLINE: Aus "In Your Honor" ist ein Doppelalbum geworden: Auf der einen Platte wird wie üblich gerockt, die andere ist rein akustisch und damit ungewohnt sanft für die Foo Fighters. Ist auch das ein Zeichen des Älterwerdens?

Grohl: Ich habe mich nie zuvor bei einer Produktion so sehr von meinen Gefühlen beeinflussen lassen, insofern überlasse ich die Interpretation Ihnen. Fakt ist, dass ich das Konzept mit den zwei unterschiedlichen Alben schon seit letztem Jahr im Kopf hatte. Und nach Kerrys Niederlage gegen Bush war für mich klar, daraus ein Doppelalbum zu machen. Vielleicht auch, weil mir diese Leute, die so große Hoffnungen in einen Wechsel des Präsidenten gesetzt haben, nicht mehr aus dem Kopf gingen. "In Your Honor" repräsentiert mit seinen völlig unterschiedlichen Hälften für mich das Amerika von heute, denn unser Land hat, bei aller Härte, die es ausstrahlt, auch eine weiche, verletzliche Seite. Spätestens seit dem 11. September wissen das auch die Amerikaner, die sich und die Nation bis dahin für unverwundbar hielten.

SPIEGEL ONLINE: Einige amerikanische Kritiker finden, dass das Album auch die beiden unterschiedlichen Seiten von Dave Grohl widerspiegeln würde. Stimmen Sie zu?

Grohl: Welche denn? Ich fühle mich nicht wie jemand, in dessen Brust zwei Seelen hausen. Ich dachte bislang, dass ich mich ganz gut im Griff hätte.

SPIEGEL ONLINE: Der Vergleich bezog sich auf Ihr früheres Engagement als Drummer der Band Nirvana. Es gibt Leute, die meinen, dass Sie den Foo Fighters seit jeher nur versuchen wollen, dieses alte Phantom abzuschütteln.

Grohl: Das ist doch ein Trugschluss. Ich kann Nirvana nicht aus meinem Leben ausklammern, das will ich auch nicht. Schließlich ist die Band ein Teil von mir und hat mich maßgeblich beeinflusst. Außerdem sorgen bis heute sowohl die Medien als auch die Plattenindustrie gleichermaßen dafür, dass das Interesse an Nirvana nicht erlischt. Mir immer wieder vorzuwerfen, ich würde nicht mehr zu meiner Vergangenheit stehen wollen, ist geradezu absurd.

SPIEGEL ONLINE: Kurt Cobain erschoss sich vor elf Jahren. Erschreckt Sie das nicht nachlassende Interesse an Nirvana?

Grohl: Mich erschreckt vielmehr die Intensität der Bemühungen seitens der Industrie, die Band nicht sterben zu lassen. Wir haben mit Nirvana damals auch gegen einen Ausverkauf der Musik protestiert. Das war vielleicht idealistisch, aber dennoch ist es schwer zu akzeptieren, dass genau das seit Jahren mit unserer Musik passiert. Und es stinkt mir, dass ich mich immer wieder dazu erklären muss.

SPIEGEL ONLINE: Was müssen Sie denn erklären?

Grohl: Jedes neue Album der Foo Fighters wird Ton für Ton seziert und mit den alten Nirvana-Songs verglichen. Das ist für einen Musiker, der sich weiterentwickeln möchte, nicht gerade motivierend. Gerade die Medien sind es, die die alten Geister immer wieder wecken. Es ist doch Blödsinn, die neuen Songs der Foo Fighters mit "Smells Like Teen Spirit" zu vergleichen. Dass ich das persönlich zum Kotzen finde, ist das eine, aber meine Reputation als Musiker leidet auch darunter. Ich wünsche mir mehr Akzeptanz. Uns gibt es mittlerweile seit zehn Jahren, länger, als Nirvana je existierte. Und trotzdem bin ich immer noch der Ex-Drummer des Alternative-Dinosauriers aus Seattle. Verstehen Sie, wie ich mich fühle?

SPIEGEL ONLINE: Ist Nirvana für Sie zum Trauma geworden?

Grohl: Nein, eher zu einem Drachen mit zwei Köpfen. Ich bin sehr stolz, ein Teil dieser Band gewesen zu sein und an einem Kapitel der Musikgeschichte mitgeschrieben zu haben. Und ich habe inzwischen akzeptiert, dass viele Menschen Nirvana auf eine Stufe mit Led Zeppelin, den Beatles oder Abba stellen. Die Band mag für viele zur Legende geworden sein, aber sie ist auch Geschichte. Die Story ist vorbei. Ich kenne den Teil der Geschichte und trage ihn auf ewig mit mir herum. Das reicht mir als Auseinandersetzung mit meiner eigenen Vergangenheit.

Das Interview führte Stéfan Picker-Dressel

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