Interview mit Depeche Mode "Wir sahen aus wie Gummischweine"

Zwanzig Jahre in den Charts haben ihre Spuren hinterlassen. Ein vom Interview-Stress erschöpfter Martin Gore, Songschreiber und musikalischer Kopf der britischen Popband Depeche Mode, sprach mit SPIEGEL ONLINE über das neue Album "Exciter", alte Videos und Britney-Spears-Konzerte.
Von Stéfan Picker-Dressel

SPIEGEL ONLINE:

Herr Gore, Sie sehen müde aus. Haben Sie schlecht geschlafen?

Martin Gore: Nein, aber der Interviewmarathon zu unserem neuen Album ist verdammt anstrengend. Ich fühle mich dabei ausgebrannter als nach einer Konzerttournee.

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen Sie nach über 20 Jahren Depeche Mode noch die Kraft und die Motivation, neue Songs zu schreiben?

Gore: Wichtig sind die vielen Pausen, die wir machen. Nach unserer letzten Tournee 1997 haben wir zwei Jahre lang nichts gemacht. Das ist wahrer Luxus, aber auch notwendig, um in diesem Hamsterrad Platte-Tour-Platte-Tour nicht verrückt zu werden. Ideen für neue Songs kommen von selbst, wenn ich alleine und in der richtigen Stimmung bin.

SPIEGEL ONLINE: Ist Schreiben eine Art Therapie für Sie?

Gore: Kann man sagen, ja. Meine Frau sagt immer, ich sei nicht besonders gut darin, meine Gefühle zu zeigen. Da hat sie Recht. Manchmal fühle ich mich, als hätte ich einen Korken in der Brust. Beim Schreiben löst er sich, und es sprudelt nur so aus mir heraus. Die Texte, die ich schreibe, sind sehr intim. Damit kann dann auch meine Frau etwas anfangen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich Ihr neues Album "Exciter" anhört, fragt man sich, wo die Hits sind. Die Songs klingen alle sehr ruhig und fast steril. Haben Sie ein neues Konzept?

Gore: Jeder hat seinen eigenen Geschmack. Sie sagen, die Songs klingen ruhig, gestern meinte jemand zu mir, dass offensichtlich fünf oder sechs potenzielle Singles auf "Exciter" enthalten sind. Ich kann darüber nicht richten, ich habe jeden Song letztlich 15.000 mal in der Entstehungsphase gehört. Wir haben die Produktion beendet, und für mich klingt das Album sehr rund und ausgewogen. Jetzt haben die Käufer das letzte Wort.

SPIEGEL ONLINE: Ein zentrales Thema des Albums ist die dunkle Seite der Liebe. Kann Liebe gefährlich sein?

Gore: Natürlich. Ich beschreibe in den Songs ja auch persönliche Erfahrungen. Neben der Liebe geht es auch um Folter und Marter. Eben alle Spielarten, die die Liebe so mit sich bringt. Es geht darum, die Kontrolle zu verlieren. Ich mag es, alle Seiten der Liebe zu durchleuchten, weil es für sie kein Universalrezept gibt.

SPIEGEL ONLINE: Damit kehren Sie ganz schön Ihr Innerstes nach außen. Über was würden Sie niemals schreiben?

Gore: Jeder hat eine heimliche Seite, über die er nicht schreibt. Die Kunst besteht darin, die Songs so zu schreiben, dass Dave sie singen mag. Sie sind ja für ihn geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Äußert Dave Gahan manchmal Wünsche, wenn Sie Songs für Ihn schreiben?

Gore: Nicht wirklich. Wenn wir nicht zusammen arbeiten, haben wir keinen Kontakt. Wir leben in völlig verschiedenen Welten. Als ich ihm die ersten drei, vier Songs von "Exciter" vorgespielt habe, war ich sogar richtig nervös, weil ich nicht wusste, ob sie Dave gefallen würden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihrer Meinung nach der beste Grund, um Rock'n'Roll zu machen?

Gore: Dave sagt immer, der beste Grund ist auch der einzige: Freiheit. Obwohl er nicht so richtig frei ist, denn er singt ja die Songs, die ich für ihn schreibe. Aber er ist in seiner Interpretation der Songs absolut frei.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind über 20 Jahre im Pop-Business. Was fühlen Sie, wenn Sie sich alte Videos von Depeche Mode aus den achtziger Jahren ansehen?

Gore: Zum Glück war Anton Corbijn für die meisten Videos verantwortlich. Er bürgt für Qualität. Allerdings sind mir ein paar Videos wirklich peinlich. Wenn ich sehe, was für Frisuren wir im Clip zu "Master And Servant" haben, muss ich wirklich lachen. Wir sahen aus wie Gummischweine. Ich erinnere mich auch noch sehr gut an den Regisseur, der das Video zu "Get The Balance Right" gedreht hat. Der war total nervös und wusste nicht, wer der Sänger war. Er hat sich dann Alan Wilder ausgeguckt. Deshalb sieht man in diesem Video fast nur Alan sieht. Wir anderen waren für ihn nur Statisten.

SPIEGEL ONLINE: In den achtziger Jahren haben Depeche Mode mit der Farbe Schwarz herumexperimentiert. Sie haben schwarze Kleidung getragen, gaben sich in Videos unergründlich. Das Tiefgründige, was Sie damals suchten, fanden Sie aber erst in den neunziger Jahren. Ist das der Grund, warum Depeche Mode heute seriöser wirken?

Gore: All das kommt nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Lernprozess, dem wir uns über Jahre stellen mussten. Wir sind gewachsen. Wir sind älter geworden. Jede Platte, die wir aufgenommen haben, ist optimistischer als die davor. Deswegen haben wir zum ersten Mal kein dunkles Cover, sondern ein farbiges. Das soll unsere Zuversicht zeigen. Ebenso unsere neuen Videos, die sind ebenfalls erstmals farbig. Das ist ein Meilenstein in unserer Karriere.

SPIEGEL ONLINE: Dazu zählt wohl auch, dass Sie sich neuen Musikstilen öffnen. In Los Angeles sind Sie neulich bei einem Britney-Spears-Konzert beobachtet worden.

Gore: Oh, hätte ich nur nie etwas davon erzählt. Darauf spricht mich jeder an. Ich war mit meinen Töchtern da. Die eine ist fünf und die andere ist neun. Sie lieben Britney Spears.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen gefallen, was Sie da gesehen haben?

Gore: Ich war überrascht, das gebe ich zu. Eigentlich wollte ich wie jeder gute Vater nur meine Töchter begleiten. Aber die Bühnenshow, einige Songs und vor allem Britneys Ausstrahlung haben mir ganz gut gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Sind scheinen ja ein richtiger Fan geworden zu sein. Klauen Sie sich heimlich die CDs von Ihren Töchtern?

Gore: Natürlich mache ich das nicht! Aber okay, sie hat eine gute Stimme, und es hat Spaß gemacht, das Konzert durch die Augen meiner Töchter zu sehen. Und bei dem ganzen Girl- und Boygroup-Hype ist sie eine der besten. Mit einem Britney-Aufnäher an der Jacke werden Sie mich künftig aber trotzdem nicht sehen.

Depeche Mode: "Exciter" (Mute/Virgin/EMI), veröffentlicht am 14. Mai 2001

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.