Interview mit Dieter Gorny "Soll die Gerüchteküche ruhig weiter brodeln"

Wegen der geplanten "Fusion" der ungleichen Schwestersender Viva und Viva 2 musste Dieter Gorny viel Kritik einstecken. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der VivaMediaAG-Vorstandvorsitzende über seine Strategie und die Zukunft des Musikfernsehens.

Von Tobias Moorstedt


SPIEGEL ONLINE:

Nachdem die VivaMedia AG bekannt gegeben hat, ihre Musiksender neu zu strukturieren, wird nun über einen Verkauf der Sendelizenz an Bertelsmann spekuliert.

Viva-Chef Gorny: "Mut haben, die bestehenden Strukturen etwas durchzurütteln"

Viva-Chef Gorny: "Mut haben, die bestehenden Strukturen etwas durchzurütteln"

Dieter Gorny: Das ist völliger Unsinn. Die erfolgreichen Formate von Viva 2 werden lediglich in den Hauptsender ausgelagert. Einen Verkauf wird es nicht geben. Als Sender bleibt Viva 2 dem Konzern erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Steht schon fest, was für ein Programm dort in Zukunft laufen soll?

Gorny: Nein. Wir sind noch in der Planungsphase. Wir sind durch die Sendelizenz an kein Programmformat gebunden. Es kann sehr gut sein, dass in Zukunft weniger Musik läuft. Soll die Gerüchteküche ruhig weiter brodeln. Das gibt uns mehr Zeit und Spielraum für unsere Planungen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sie gerade zum jetzigen Zeitpunkt zu dem Schritt veranlasst?

Gorny: Es steht ja schon seit einigen Wochen fest, dass uns die bisherige Programmdirektorin Patricia Gebhardt aus persönlichen Gründen verlassen wird. Wir standen also vor einer Grundsatzentscheidung: Lassen wir es noch ein wenig so weiter laufen, oder versuchen wir einen kompletten Neustart? Mit dem bisherigen Viva-2-Programmchef Stefan Kauertz steht ein Mann aus der zweiten Viva-Generation bereit. Der Generationenwechsel findet nun vielleicht ein Jahr früher statt als ursprünglich geplant, doch das muss ja nichts Schlimmes sein. Man muss auch mal den Mut haben, die bestehenden Strukturen etwas durchzurütteln.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht ein gewagter Schritt? Schließlich war vor allem Viva 2 sehr populär und hat mit seinem alternativ-kreativen Image sogar zwei Grimme-Preis-Nominierungen erhalten.

Gorny: Viva 2 ist längst mehr als ein Spartensender für eine Randgruppe. Es hat sich in den letzten Jahren dermaßen positiv entwickelt, dass wir große Teile jetzt in den Hauptmarkt eingliedern können. Man muss aber auch sagen: Viva 2 ist Musikfernsehen für eine kleine, feine Zielgruppe. Wir haben dort zwar eine sehr enge Fanbindung, wären aber wohl nie über einen gewissen Marktanteil hinausgekommen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sendungen wie Charlotte Roches "Fast Forward" denn überhaupt massenfähig? Was ist mit "Badboy" Nils Ruf?

Gorny: Der Musikmarkt war noch nie so durchlässig wie heute. In letzter Zeit kann auch alternative oder sehr harte Musik auf dem großen Markt sehr erfolgreich sein. Und "Kamikaze"-Moderator Nils Ruf arbeitet schon seit geraumer Zeit auf beiden Sendern. Die Zuschauerresonanz ist in beiden Fällen sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Zur Zeit liegen zwischen den beiden Schwestersendern in Gestaltung und Inhalt Welten. Kann man das denn zusammen bringen?

Gorny: Auf jeden Fall. Auch Viva ist ja kein reines "Girlie-TV". 60 Prozent unser Zuschauer sind über 18 Jahre alt. Die sind zusammen mit dem Sender gereift. Wir können also von einer grundsätzlichen Akzeptanz für alternative Inhalte ausgehen. Abgesehen davon hatten wir ein derart gemischtes Programm bereits zwischen 1993 und 1996 - vor der Ausgliederung von Viva 2. Und wir wurden damit zum deutschen Marktführer. Stefan Kauertz hat bei Viva 2 großen Erfolg gehabt. Er wird seine Sache gut machen. Wir haben vollstes Vertrauen in ihn. Aber sie können sicher sein, dass sich Viva verändern wird. Natürlich sieht Kauertz Verständnis von Musikfernsehen anders aus als das der ersten Generation. Auch wenn er ein Programm für den Massenmarkt entwerfen soll.

SPIEGEL ONLINE: Es wird also auch große Veränderungen beim Stammsender Viva geben. Werden einige Vertreter der ersten Viva-Generation gehen müssen?

Gorny: Wir können keine Namen oder Formate nennen. Aber das ist gut möglich.

SPIEGEL ONLINE: Wird mit Viva 2 nicht eine gute Idee dem Profitgedanken geopfert - Kommerz statt Avantgarde?

Gorny: Man muss auch sehen dass Viva nicht gebührenfinanziert ist. Wir sollen immer das machen, woran sich die Öffentlich-Rechtlichen nicht herantrauen. Das geht so nicht. Und man kann auf Dauer nicht verhehlen, dass das Programm im Jahr 25 Millionen Mark kostet. Lieber handle ich früher, als später eine gute Idee ganz vom Markt verschwinden zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest ist das der Vorwurf der Viva-2-Fans. Sie haben Angst, dass Programme wie "Fast Forward" entschärft werden oder im Nachtprogramm untergehen.

Gorny: Wir wären ja verrückt solch populäre Formate zu entschärfen. Aber natürlich werden wir unser Programm auch in Zukunft nach den Tagesverläufen der Zielgruppen richten. Unter Tags schauen eben jüngere Menschen fern. Abends ältere. Das ist ganz normal.

SPIEGEL ONLINE: Im Internet waren von Fans sogar persönliche Angriffe auf ihre Person zu lesen. Zitat: "Dieter Gorny muss sterben." Oder: "Das letzte gute Musikprogramm abseits des Mainstreams verschwindet."

Gorny: Ich kann die Verunsicherung der Fans schon verstehen. Doch ich kann sie beruhigen. Viva wird in Zukunft ein Programm machen, das sich zwischen Populärkultur und Trend bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Haben sie keine Angst, mit der Neustrukturierung des Konzerns den alternativen Markt aufzugeben, der bislang von Viva 2 klar dominiert wurde? Gerüchten zufolge plant die Konkurrenz von VH-1 bereits eine Umorientierung in dieses Marktsegment.

Gorny: Die sind doch schon allein von der Reichweite keine Konkurrenz für uns. Und wir haben auch nicht vor, dieses Marktsegment aufzugeben. Wenn wir in Zukunft eine Art "Bravo-TV" machen wollten, hätten wir wohl kaum Christoph Schlingensief zurückgeholt. Und er wäre auch kaum gekommen.



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