Interview mit John Scofield "Ich war einmal ein Jazz-Snob"

Der US-Gitarrist John Scofield, 49, kommt mit seinem Quartett zu einem kurzen Gastspiel nach Deutschland. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Musiker über die neue Jazz-Begeisterung junger Amerikaner.


Freut sich über die neue Popularität des Jazz: John Scofield
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Freut sich über die neue Popularität des Jazz: John Scofield

SPIEGEL ONLINE:

Herr Scofield, zur Überraschung der Rock-und Funk-Gemeinde spielen Sie auf Ihrer jüngsten CD "Works For Me" Jazz pur. Ist das Ihre neue Richtung?

Scofield: Ich liebe verschiedene Wege. Deshalb werde ich weiterhin auch Rock-Jazz spielen. Aber ich freue mich über ein Wiederaufleben des Jazz in Amerika.

SPIEGEL ONLINE: Woran zeigt sich das?

Scofield: Junge Leute tragen T-Shirts von Jazz-Größen wie John Coltrane und Charles Mingus. Offenbar hat ein Teil der Jugendlichen diese Künstler und ihre Musik entdeckt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann es dazu gekommen sein?

Scofield: Ein Hintergrund ist die so genannte Jam-Band-Szene: Auf Festivals in der Provinz spielen Rock Bands für ihre Anhänger, überwiegend College Kids. Dabei wird oft getanzt; die Musiker wagen lange Soli und improvisieren - nähern sich also den Dingen, die Jazz ausmachen.

SPIEGEL ONLINE: Hat man Sie zu solchen Festivals eingeladen?

Scofield: Nein, ich bin selbst hingegangen. Mit dem Trio Medesky, Martin & Wood habe ich eine CD aufgenommen. Sie waren die Könige dieser Szene und sind inzwischen weltberühmt. Ich liebe ihre Musik.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben gleichermaßen in Jazz-, Rock- und Funkbands brilliert. Wo liegen eigentlich Ihre musikalischen Wurzeln?

Scofield: Als ich meine erste Gitarre bekam, wollte ich spielen, was damals "in" war - die Musik der Beatles zum Beispiel. Dann wurde ich ein Jazz-Snob und hielt jede andere Musik für Bullshit.

SPIEGEL ONLINE: Miles Davis, mit dem Sie in den Achtzigern drei Jahre lang spielten, schrieb in seinen Memoiren, dass "the Blues John's thing" war?

Scofield: Ja, Blues und Rhythm & Blues habe ich mein Leben lang gespielt - ganz unabhängig von der Musik, die gerade auf meinen Platten veröffentlicht wurde. Meine wichtigsten Lehrmeister waren Jazzgrößen wie Gerry Mulligan, Charlie Mingus und Miles Davis. Es kann nur gut sein, wenn die Jugend deren Musik kennen lernt.

Interview: Hans Hielscher

John Scofield auf Tournee: 10. Juli Köln ("Stadtgarten") und 13. Juli Berlin ("Quasimodo")


Aktuelles Album: "Works For Me" (mit Kenny Garrett, Brad Mehldau, Christian McBride und Billy Higgins); (Verve/Universal Jazz); veröffentlicht am 19. Februar 2001



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